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Busfahren ist für Ulrich Hanke eine Herausforderung. Schon um den richtigen Bus zu finden und an der richtigen Haltestelle auszusteigen, ist er auf die Hilfe seiner Mitmenschen angewiesen. Foto: be
Busfahren ist für Ulrich Hanke eine Herausforderung. Schon um den richtigen Bus zu finden und an der richtigen Haltestelle auszusteigen, ist er auf die Hilfe seiner Mitmenschen angewiesen. Foto: be

Auf der Suche nach dem richtigen Bus

lkö Lüneburg. Der weiße Stock huscht über die Pflastersteine am Sand. Mit seiner Hilfe kann Ulrich Hanke den Hindernissen, die ihm täglich begegnen, gut ausweichen. „Tische, Fahrräder, Skateboards. Da gibt es eine ganze Hitliste“, erzählt der 61-Jährige. Hanke ist blind. Schon seit 35 Jahren. Seine Netzhaut wird nicht richtig durchblutet, innerhalb von zwei Jahren nahm sein Sehvermögen rapide ab. „Jetzt kann ich nur noch zwischen hell und dunkel unterscheiden“, sagt der gebürtige Bonner.

1996 zog er nach Lüneburg. Obwohl Hanke die Stadt nie selbst gesehen hat, kennt er sie doch in und auswendig. „Sie könnten mich als Stadtführer engagieren, ich kenne fast jede Straße“, sagt er schmunzelnd. Er hat an einem Mobilitätstrainig teilgenommen, kann deshalb auch eine Straßenkreuzung ohne Blindenampel überqueren. Er hört einfach auf den Straßenverkehr. Aber selbstverständlich ist das nicht. Blinde und sehbehinderte Menschen sind auf Hilfsmittel, wie die akkustische Ampel, angewiesen. Hanke besitzt einen sprechenden Computer und auch sein Smartphone sagt ihm, wer angerufen hat. Damit kommt er gut zurecht. Nur bei den Bussen am Sand hilft ihm das nicht unbedingt weiter. „Ich weiß nie, welcher Bus gerade ankommt und muss dann immer fragen. Ist es der falsche, muss ich schnell zum Nächsten laufen“, erzählt Hanke. Gerade zu Stoßzeiten, sei das besonders anstrengend. Es geht aber auch anders: In Prag und Budapest senden Busse Signale, die man mit einer App auf dem Smartphone empfangen kann und die kann einem dann sagen, welcher Bus gerade einfährt. Hanke hat schon mit dem Straßenbauamt Lüneburg darüber gesprochen. Er ist zweiter Vorsitzender des Regionalvereins Nord-Ost-Niedersachsen des Blinden- und Sehbehindertenverbands Niedersachsen. In regelmäßigen Treffen besprechen die Mitarbeiter des Straßenbauamts und Mitglieder des Vereins, wie man die Stadt für Sehbehinderte verbessern könnte. „Die sind wirklich wahnsinnig nett. Immer wenn uns was auffällt, können wir Bescheid geben und sie versuchen eine Lösung zu finden“, lobt Hanke.

In seinem Haus fühlt sich der Wahllüneburger sicher. Hier sitzt jeder Handgriff, man vergisst schnell, dass er eigentlich nichts sehen kann. Er kennt jeden Raum, jede Stufe, jede Unebenheit. Er habe einen guten Orientierungssinn, sagt Hanke. Aber außerhalb seines Hauses kann es schon mal passieren, dass Hanke die falsche Richtung einschlägt. „Vor allem die wildparkenden Fahrräder auf dem Bahnhofsvorplatz sind gefährlich. Da holt man sich schnell ein blaues Schienenbein“, gibt Hanke zu Bedenken. Auch wenn Radwege und Fußwege optisch voneinander getrennt sind, stellen sie für Hanke ein großes Problem dar. „Manchmal passiert es, dass ein Radfahrer einen im Fahren streift und dann einfach weiterfährt“, erzählt Hanke. Das sei aber die Ausnahme. Viele Menschen böten ihm Hilfe an. „Man kann vieles alleine machen, aber man muss auch lernen, Hilfe anzunehmen“, findet Hanke. Sei es beim Einkauf oder bei einer Straßenüberquerung.

Hanke hat sich an sein Leben gewöhnt. „Viele sagen: Nichts sehen zu können, ist wohl das Schlimmste. Aber mir geht es gut, mir tut ja nichts weh“, sagt er. Da Hanke mit Sehkraft geboren wurde, hat er eine Vorstellung von seiner Umwelt, weiß wie ein blühender Busch aussieht, wie er sich Farben vorzustellen hat. Manchmal würde er schon gerne sehen: „Ich würde gerne wissen, wie mein erstes Enkelkind aussieht. Ich habe zwar eine Vorstellung, aber kein richtiges Bild davon.“