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66 Jahre nach seinem Vater ist Peter Harrison mit seiner Frau Gillian nach Lüneburg gekommen. Er besucht die Orte, die sein Vater fotografiert und beschrieben hat. Foto: ml
66 Jahre nach seinem Vater ist Peter Harrison mit seiner Frau Gillian nach Lüneburg gekommen. Er besucht die Orte, die sein Vater fotografiert und beschrieben hat. Foto: ml

Englishman in Lüneburg

ml Lüneburg. Vier Tage lang schleppen vier Männer im Jahr 2009 Kiste um Kiste aus dem Haus von Richard Harrison in einem kleinen Ort nahe Barrow in Furnes im Nordwesten Englands. Kurz zuvor war der rüstige Handchirurg im Alter von 86 Jahren gestorben. Vier Jahre später stößt sein Sohn Peter in einer der Kisten auf 107 braune Umschläge. Sie enthalten entwickelte Schwarz-Weiß-Negative, aber keine Abzüge. Der 60-Jährige scannt die Bilder ein und im Sommer dieses Jahres steht fest: Peter Harrison wird ein Buch schreiben – und Lüneburg besuchen.

Dunkelblauer Blazer mit Einstecktuch, hellblauer Strickpullover, kariertes Hemd mit dunkelblauer Krawatte, das Haar korrekt gescheitelt – Peter Harrison „is british, very british“. 34 Jahre lang hat der 60-Jährige als Flugbegleiter bei British Airways gearbeitet, jetzt sitzt er in einem blauen Ledersessel im Hotel „Altes Kaufhaus“ und blickt über den Rand seiner Brille nachdenklich auf die Ilmenau. Neben ihm seine Frau Gillian. Sein Blick schweift über die historischen Gebäude am Stint, immer auf der Suche nach Dingen, die er wiedererkennen könnte. Das Ehepaar ist gekommen, um die Orte zu sehen, möglicherweise auch die Menschen zu treffen, die Richard Harrison 66 Jahre zuvor fotografiert hat.

„Mein Vater hat Anfang der 40er-Jahre in London Medizin studiert“, erzählt Harrison. 1946 wurde der damals 23-Jährige zur britischen Luftwaffe, der Royal Air Force, eingezogen, als Arzt zunächst nach Frankreich und dann nach Lüneburg geschickt. Bevor Harrison den Marschbefehl erhielt, heiratete er. 1947 kam Joyce Harrison nach Lüneburg, und das junge Paar bezog seine erste gemeinsame Wohnung – in der Reichenbach Straße 1. Während Richard auf dem Fliegerhorst in der Theodor-Körner-Kaserne seinen Dienst versah, kümmerte sich Joyce als Tagesmutter um die Kinder anderer britischer Soldaten.

Die Ereignisse von damals können Peter und Gillian Harrison heute gut nachzeichnen – nicht nur anhand der alten Fotos. „Mein Vater hat seit seinem zehnten Lebensjahr Tagebuch geführt. Die Bände haben weitere Kisten gefüllt“, sagt Peter Harrison. Während er die Fotos gefunden hat, tauchten die Tagebücher aus jener Zeit bei seinem Bruder Richard auf.

1947 erhielt auch Familie Harrison bald Zuwachs – allerdings vierbeinigen. „Für ein paar Schachteln Zigaretten kaufte mein Vater einen jungen Dackel“, erzählt der Sohn. Getauft wurde der Hund auf den Namen Denys. „So hieß der Dackel in einem erfolgreichen Hörspiel des britischen Senders BBC in den 40er-Jahren“, berichtet Harrison. Und weil Dackel typisch deutsche Hunde seien, habe Denys auch mit einem deutschen Akzent gesprochen. „Trotz des Krieges war Denys sehr beliebt, vor allem bei Kindern.“

Lange währte das Tierglück der Harrisons jedoch nicht. Der Dackel starb noch während ihres noch nicht einmal einjährigen Aufenthalts in Lüneburg, wurde nahe dem Fliegerhorst begraben. Das Grab hat Peter Harrison in Lüneburg ebenso gesucht, wie Trudi Sellhorn, „eine Freundin meiner Eltern“. In einem Fall hat der 60-Jährige keinen Erfolg, in dem anderen kommt er zu spät. „Trudi Sellhorn hat geheiratet und ist nach Hamburg gezogen, wo sie im vergangenen Sommer starb“, hat die Lüneburger Verwaltung für Harrison herausgefunden.

Und so zieht das britische Ehepaar durch Lüneburg, macht aktuelle Fotos von historischen Schauplätzen und trifft unter anderem Dieter Curdt, der die Geschichte des Fliegerhorstes kennt wie kein zweiter.

Bei seiner Rückkehr nach Northiam, im Südosten Englands knapp 20 Kilometer nördlich von Hastings an der Kanalküste gelegen, will Peter Harrison das Buch beginnen, das er gemeinsam mit dem Militärhistoriker Mark Khan schreibt und das im kommenden Sommer erscheinen soll. Denn viele der bislang unveröffentlichen Aufnahmen von Richard Harrison zeigen militärische Einrichtungen wie den Lüneburger Fliegerhorst und die Flugzeuge, die dort eingesetzt waren. Später will Peter Harrison die Bilder an ein Militärarchiv übergeben, damit sie nicht verloren gehen. „Denn wir haben leider keine Kinder, denen wir die Familienbilder vererben können“, sagen Peter und Gillian.