Mittwoch , 28. September 2016
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Ursula Grass ist eine Kämpfernatur und gibt die Hoffnung nicht auf, noch rechtzeitig eine Spenderniere zu bekommen. Foto: t&w
Ursula Grass ist eine Kämpfernatur und gibt die Hoffnung nicht auf, noch rechtzeitig eine Spenderniere zu bekommen. Foto: t&w

Ihr Leben hängt an der Maschine

as Lüneburg. Sie sei ein optimistischer Mensch, immer stark gewesen und von Hoffnung getragen, sagt Ursula Grass und ihre türkisfarbenen Augen blitzen. „Aber inzwischen fühle ich mich ausgelaugt, es geht an die Substanz.“ Denn die 66-jährige Frau aus Pommoißel hängt seit vier Jahren an der Dialyse, wartet händeringend seit fünf Jahren auf eine Spenderniere. „Ihr Zustand ist deutlich schlechter geworden. Das kann auch dazu führen, dass man irgendwann nicht mehr transplantabel ist“, macht Dr. Jochen Griesche-Philippi von der Lüneburger Dialyse-Praxis Dr. Schnitzler/Dr. Griesche-Philippi deutlich. Aber Ursula Grass gibt die Hoffnung nicht auf, ist überzeugt: „In diesem Jahr klappt das noch, und dann fahre ich mit meinem Mann an den Gardasee.“

Ursula Grass ist eine von bundesweit 8000 Patienten, die auf eine Spenderniere warten. Das sind laut der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) dreimal so viele Patienten, wie Transplantate vermittelt werden. Manipulationen in der Organvergabe in einzelnen Transplantationszentren haben zudem zu einem erheblichen Vertrauensverlust in der Bevölkerung geführt, so dass die Spendenbereitschaft weiter zurückgegangen ist. Inzwischen wurden die Kriterien für die Vergabe verschärft. Die DSO und Mediziner appellieren mit Blick auf die schwerkranken Patienten, bei denen das Leben oft am seidenen Faden hängt, über Organspende nachzudenken und sich zu informieren. Das ist auch Anliegen des Europäischen Tags der Organspende, der heute stattfindet.

Rund 150 Dialyse-Patienten hat die Lüneburger Praxis, in der Ursula Grass seit vier Jahren Stammgast ist. Dreimal pro Woche, jeweils fünf Stunden, hängt die 66-jährige am Gerät. Über einen Dialyse-Katheter in Höhe des Schlüsselbeins läuft bei ihr inzwischen der Blutaustausch. Denn Shunts als ständiger Zugang zu den Blutgefäßen sind bei ihr nicht mehr möglich, ihre Arme sind total vernarbt. Dass die Verschlechterung ihres Gesundheitszustandes unaufhaltsam voranschreitet, erläutert Dr. Griesche-Philippi so: „Bei der Dialyse handelt es sich um eine Nieren-Ersatztherapie. Im Laufe der Zeit sind Knochenstoffwechselstörungen, Gefäßverkalkung und Muskelschwäche die Folge, die Leistungsfähigkeit nimmt ständig ab, das Herzinfarkt-Risiko steigt erheblich.“ Dreimal die Woche am Dialysegerät könne keine gesunde Niere ersetzen, die 168 Stunden pro Woche arbeitet.

Ursula Grass leidet inzwischen an einer Calciphylaxie, knapp gesagt einer Gefäßwandverkalkung, die zur Entzündung und zum Absterben der betroffenen Blutgefäße führen kann. Einmal pro Woche muss sie deshalb zur Behandlung nach Hamburg, „wo mir über zehn Stunden eine Infusion verabreicht wird“. Aber auch ihr Leben außerhalb der Kliniken ist schwer reglementiert. Maximal 500 Milliliter Flüssigkeit darf sie täglich dem Körper zuführen, muss diszipliniert essen, damit ihr Körper wenig mit Schadstoffen belastet wird. „Wenn ich sündige, geht’s mir an der Maschine schlecht. Aber manchmal müssen es einfach zwei Stangen Spargel sein, obwohl Kalium unser Feind ist“, erzählt sie.

Wünschenswert wäre, dass Patienten im ersten Jahr der Dialyse oder vor Dialyse-Beginn transplantiert werden könnten, weil dann der Körper noch keine Dialyse-spezifischen Folgeerscheinungen aufweist. Doch die Realität sieht anders aus, Patienten müssen im Durchschnitt mindestens sieben bis acht Jahre auf eine Niere warten, mancher schafft es nicht. „In diesem Jahr haben wir Glück gehabt, hatten bisher drei postmortale Spenden sowie zwei Lebendspenden. Das sind viele, in den vergangenen zwei Jahren konnte keiner unserer Patienten transplantiert werden“, berichtet Dr. Griesche-Philippi.

Ob und wann der Anruf kommt, der Ursula Grass mitteilt, dass für sie eine Spenderniere gefunden wurde, bleibt offen. Doch die Patientin ist überzeugt: Auch diesmal werde ihr Schutzengel helfen – wie damals 1984, als ihr Schicksal bundesweit durch die Medien ging. Auch damals wartete die in Norderstedt lebende Frau verzweifelt auf ein Spenderorgan. Ihre Schwester Bärbel, die hinter dem Eisernen Vorhang in Weimar lebte, „beschloss mir eine Niere zu schenken“. Der Papierkram für eine Ausreise dauerte allerdings Monate, in denen Ursula Grass verzweifelt ums Überleben kämpfte. Am Ende gelang die Transplantation, viele Zeitungen berichteten. „24 Jahre hat die Niere gehalten, ich wollte sie eigentlich behalten, bis ich sterbe“, sagt Grass mit einem Stück Galgenhumor.

In wenigen Tagen wird sie 67 Jahre alt – eine Spenderniere wäre ihr größtes Geburtstagsgeschenk.