Mittwoch , 28. September 2016
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Es vergehe kein Tag ohne Trübsal, sagt Elena, die ihren vollständigen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will. Auslöser ihres Zustands sei ein Gewaltverbrechen im vergangenen Jahr gewesen. Foto: t&w
Es vergehe kein Tag ohne Trübsal, sagt Elena, die ihren vollständigen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will. Auslöser ihres Zustands sei ein Gewaltverbrechen im vergangenen Jahr gewesen. Foto: t&w

Vom Drang, sich selbst verletzen zu müssen

mm Lüneburg. Es ist ein sonniger Herbsttag. Eigentlich kein Anlass für trübe Gedanken. Nicht so für Elena S. Die Hände der jungen Frau zittern. Sie sei nervös, sagt sie zu Berginn des Gesprächs über ihre Krankheit. Elena S. leidet unter einer Borderline-Persönlichkeitsstörung mit traumatischer Ausprägung. Für die Lüneburgerin gibt es sei vielen Monaten keinen Tag ohne trübe Gedanken: „Ich lebe nicht, ich funktioniere“, sagt die 31-Jährige.

Auslöser ihrer Krankheit sei ein Gewaltverbrechen im April 2012 gewesen. Passiert in Moers, Nordrhein-Westfalen, wo die gelernte Köchin zu der Zeit arbeitete. Zu den Umständen möchte Elena S. sich nicht näher äußern. Gleichzeitig belastete sie damals die Beziehung zum damaligen Freund. Dieser habe sie geschlagen, sodass sie ins Frauenhaus flüchtete. „Irgendwann konnte ich dann nicht mehr sprechen. Meine Stimme war für zwei Wochen komplett weg“, berichtet die gebürtige Kasachin, die vor 23 Jahren mit ihrer Familie nach Deutschland kam. Da habe sie gemerkt, dass mit ihr etwas nicht stimme. „Der Körper sendete Symptome aus. Da begann der Teufelskreis.“

Es folgte ein Aufenthalt in der Psychatrischen Klinik, der nichts brachte. Im Gegenteil – ihr Zustand sei schlimmer geworden: „Ich kratze mich so lange, bis die Wunden bluten. Dazu kommen ungeheure Fressattacken“, schildert sie. Immer wieder komme es vor, dass sie das Verbrechen von damals nochmal im Kopf erlebe. Das könne durch kleine Berührungen oder aufgefangene Gesprächschnipsel hervorgerufen werden.

Sie fühle eine innere Leere. „Ich kann mich für keine Hobbys mehr begeistern. Kino, Essen gehen, was mir früher Spaß gemacht hat, bringt mir heute nichts mehr. Der Wow-Effekt ist weg“, erzählt sie. Stattdessen beschäftigt sich Elena S. mit Gesetzestexten und Behördengängen. Die Krankheit wurde bei einem Reha-Aufenthalt 2012 diagnostiziert. Seitdem kämpfe sie für Gerechtigkeit, wie sie es ausdrückt. Sie sei seit einem Jahr krank geschrieben, ihr Arbeitgeber habe das an ihr verübte Gewaltverbrechen nicht geglaubt. Das letzte Gehalt stehe noch aus. Krankengeld werde es bald nicht mehr geben. Die Lüneburgerin fordert Opferentschädigung und Schadensersatz, unterstützt wird sie von einem gesetzlichen Betreuer und ihrem Anwalt.

Nun möchte sie eine Selbsthilfegruppe gründen. Sich mit anderen Betroffenen auszutauschen könne helfen, den eigenen Weg weiterzugehen, hofft Elena S.. „Irgendwas hält mich auf der Welt“, sagt sie kämpferisch. Das sei ihr durch drei Komafälle bewusst geworden: „Jedes Mal hätte mein Leben vorbei sein können, aber ich bin geblieben.“ Vielleicht seien es ihre Wünsche und Hoffnungen. Sie möchte einen Motorradführerschein machen und unbedingt mal eine Kreuzfahrt. Und sie will raus aus dem Teufelskreis.

Bis dahin ist es noch ein langer Weg. Borderline-Therapie, Trauma-Therapie, wenn beides hilft, danach in die Tagesklinik zur Stabilisierung. All das dauert an die zwei Jahre. Dann könne sie neue Herausforderungen wagen. „Am liebs“ten würde ich in der Behörde arbeiten, ich kenne ja jetzt die Abläufe und Paragraphen“, scherzt sie. Das erste Mal versprüht sie ein wenig Heiterkeit.

Wer sich der Selbsthilfegruppe anschließen will, kann sich bei der Selbsthilfekontaktstelle des Paritätischen unter 861820 melden.