Mittwoch , 28. September 2016
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Lisa Kosak blättert in einem Ordner mit Zeitungsausschnitten. Die LZ hatte über den Ausbau ihrer Tankstelle berichtet. Foto: ca
Lisa Kosak blättert in einem Ordner mit Zeitungsausschnitten. Die LZ hatte über den Ausbau ihrer Tankstelle berichtet. Foto: ca

Als es noch Tankwarte gab

ca Lüneburg. Als die Zeit des Tankwarts zu Ende ging und die Ära der Selbstbedienung anbrach, hatten technisch weniger versierte Kunden zu kämpfen. Ein Herr, im feinen Zwirn auf dem Weg zu einem geschäftlichen Termin, erlebte bei der Premiere einen Reinfall: Das Benzin aus dem Zapfhahn landete nicht im Tank, sondern – wie eine Dusche – auf dem Anzug. Lisa Kosak kann sich noch gut an die Episode erinnern, eine von vielen Geschichten, die sich an der Tankstelle Vor dem Neuen Tore abspielte. Seit fünf Jahrzehnten befindet sich die Station, die heute verpachtet ist, im Familienbesitz. Alles habe ganz klein angefangen, erzählt die Seniorin. Begonnen habe man mit einer Autovermietung an der Heiligengeiststraße, sei dann umgezogen an den Wilschenbrucher Weg und schließlich an die Straße nach Reppenstedt.

Die Kosaks waren nicht die ersten, die in Lüneburg Benzin verkauften. An der Schrangenstraße fand sich in den Anfangstagen der Automobilgeschichte wohl die erste Zapfsäule der Stadt. Später kamen weitere dazu. Etwa die der Brüder Wenk Vor dem Bardowicker Tore. Im Frühjahr 1949 berichtet die LZ von „Lüneburgs modernster Tankstelle an der Reichsstraße 4“, also der späteren B 4, die heute längst einen anderen Weg nimmt, aber ursprünglich sogar durch die Bäckerstraße führte. Wenks hatten „eine Zapfstelle für Benzin, eine Dieselwaage mit 600 Kilo Leistungsvermögen, das entspricht etwa 700 Liter, zur Ausgabe von Dieselkraftstoff“, eingerichtet. Und: „Eine elektrische Luftprüf- und Pumpanlage sorgen für eine reibungslose Kundenabfertigung bei Tag und Nacht.“

Die beiden Brüder spuckten nach dem Zweiten Weltkrieg, der 1945 zu Ende gegangen war, in die Hände. Trotz Materialknappheit zogen sie neben ihrer alten Station eine neue hoch. „Eigenhändig schaufelten sie die Erde aus dem etwas ansteigenden Nachbargrundstück“, heißt es in einem Bericht. Am Ende stand ein Gebäude mit einem weit ausholenden Dach an der Chaussee nach Bardowick, an dem die „Ritter der Straße“ einkehrten und ihre stählernen Rösser über einer Grube abstellten, damit Monteure sich den Unterboden anschauten und pflegten.

Parallel baute die Familie Scharff eine Esso-Tankstelle an der Ecke Altenbrückertor-/ Schießgrabenstraße. In Richtung des damals zerbombten Museums zog sich ein sandiger Weg, erst Ende der 50er-Jahre wurde er zur Berliner Straße und damit zu einer Verkehrsader. Noch heute nennen alte Lüneburger die Ecke Scharff-Kreuzung. Hans-Peter Scharff erzählte später, dass sein Vater in den folgenden Jahren acht Mitarbeiter beschäftigte. 1974 läutete das Totenglöckchen für die Station, die Betreiber durften keine direkte Zuwegung zur Berliner Straße bauen – das Geschäft lohnte nicht mehr.

Jan Kosak und seine Frau Lisa betrieben seit 1959 eine Autovermietung. „Angefangen haben wir mit vier Fahrzeugen, später waren es 40“, sagt sie. Für die brauchte das Paar 1963 eine Servicestation zum Tanken und Waschen des Fuhrparks. Der Benzinverkauf sollte vor 50 Jahren ein neues Standbein des Unternehmens werden. „Damals war Tankwart noch ein Lehrberuf, die Berufsschule in Hannover.“ Die jungen Männer lernten nicht nur, ein Auto mit Sprit zu befüllen, sondern auch, es zu reparieren. Aber erst einmal waren sie Laufburschen: „Die Lehrlinge gingen zum Auto, betankten es, kontrollierten Reifendruck und Ölstand. Dafür gab’s 50 Pfennig Trinkgeld.“

Als Partner hatten die Kosaks die Aral-Gesellschaft an Bord. „Weil wir Eigentümer waren, konnten wir über Preise verhandeln“, sagt die Witwe. Das habe ihnen wie auch der Familie Havemann, die etwa an der Uelzener Straße eine Tankstelle betrieb oder den Francks in Brietlingen eine andere Position verschafft als reinen Pächtern. So seien einige Tankstellen über die Jahre verschwunden, etwa ganz in der Nähe an der Ecke Dörnbergstraße/Neuetorstraße. Die wurde Mitte der 80er-Jahre abgerissen, nachdem sie lange leer stand und als Schandfleck galt. Ein Einkaufsmarkt wurde zum Nachnutzer des Areals.

Zunächst lebten Tankwarte von ihrer Arbeit rund ums Auto. „Es war verboten, Lebensmittel zu verkaufen“, sagt Lisa Kosak. „Heute sind Tankstellen ausgestattet wie Supermärkte.“ Geld werde weniger mit Benzin als mit dem Shop verdient. Auch die Kosaks modernisierten ihre Station vor Jahren. Die Familie hat die Tankstelle inzwischen an die Kette HEM verpachtet, aber stolz auf die Tankwart-Tradition ist sie immer noch.