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Schüler und Eltern kämpfen für den Erhalt der Sprachförderklassen an der Heiligengeistschule. Dazu gehören (v.l) die achtjährige Laura, Bärbel Vögtle-Bonatz, Astrid Ruske, Iris Mennerich und ihre Tochter Sophie.
Foto: t&w
Schüler und Eltern kämpfen für den Erhalt der Sprachförderklassen an der Heiligengeistschule. Dazu gehören (v.l) die achtjährige Laura, Bärbel Vögtle-Bonatz, Astrid Ruske, Iris Mennerich und ihre Tochter Sophie. Foto: t&w

Eltern empört über Aus für Förderklassen

mm Lüneburg. Eigentlich schien alles wie jedes Jahr beim Schulfest der Heiligengeistschule. Auf dem Pausenhof herrschte lebhaftes Treiben, die Klassen präsentierten Berge an Kastanien. Insgesamt hatten sie 4456 Kilogramm – also fast viereinhalb Tonnen – gesammelt. Doch dieses Mal gab es nicht nur Kastanienberge zu bestaunen. Empörte Eltern sammelten Unterschriften für eine Petition gegen die von SPD und Grünen in Niedersachsen geplante Abschaffung der Förderklassen, von denen es zurzeit fünf an der Grundschule gibt.

Sophie Mennerich (9) besuchte bis zum dritten Schuljahr eine solche Förderklasse. Sie konnte durch eine Blockade ihrer Zungenbändchen Wörter und Buchstaben nicht richtig artikulieren. Noch jetzt verwechselt sie manchmal Buchstaben beim Sprechen. Durch den speziellen Förderunterricht lernte sie unter anderem Buchstaben durch Handzeichen zu verdeutlichen und Laute mit den Händen zu ertasten. Es gab für sie ein permanentes Training der Aussprache. Aber es geht nicht nur um Probleme bei der Aussprache, sondern auch um Beeinträchtigungen beim Lesen, Schreiben und Rechnen. So ist oft die Wahrnehmung der betroffenen Kinder gestört.

An ihrer Heimatgrundschule in Amelinghausen hätte Sophie „niemals diese Lernfortschritte gemacht und wäre im Schulalltag untergegangen“, ist sich ihre Mutter Iris Mennerich sicher, dort gibt es keine Förderklassen. Ein oder zwei Stunden pro Woche hätte Sophie eine Sprachförderung bekommen. Anders an der Heiligengeistschule. Sophie selbst sagt: „Ich habe viel Selbstbewusstsein bekommen. Hier haben mir alle geholfen.“

Das Konzept der Schule fußt auch auf der Unterstützung der Eltern. Ausdruck hierfür ist die Gestaltung eines Wandkalenders, der beim Schulfest präsentiert wurde. Schüler aller Klassen entwarfen Motive, der Förderverein begleitete sie dabei. „Da steckt viel Herzblut drin“, sagt Inke Hachmann, Erste Vorsitzende des Fördervereins.

Ab dem Schuljahr 2014/15 soll es nach Bestreben der Landesregierung keine Einschulungen in Sprachförderklassen mehr geben. Kinder wie Sophie gehen dann ab der 1. Klasse als Inklusionskinder in den Regelunterricht. Für Inklusionsklassen soll es zwei Förderstunden pro Woche und Klasse geben. Inklusion findet an allen niedersächsischen Grundschulen seit dem Schuljahr 2013/14 statt. An der Heiligengeistschule gibt es sie schon lange. Förderschüler werden in einigen Fächern in den Regelunterricht integriert. Durch die Abschaffung der Förderklassen würden die Schüler weniger spezifische Förderung erhalten. Der Lehrkörper und die Eltern der Heiligengeistschule sehen die neugewollte Inklusion als „reine Sparmaßnahme“. „Durch die Abschaffung der Förderklassen gehen Kompetenzen verloren“, sagt Schulleiterin Barbara Geck. Es gäbe aber keine Gefährdung des Schulstandortes, möglicherweise erhöhten sich die Klassenstärken.

3 Kommentare

  1. Ich finde das eine Sauerei mein kleiner geht auch in so eine Klasse und ihm hat es sehr geholfen und nun soll es nicht mehr geben,es gibt so viele Kinder die so was brauchen und wo ihnen geholfen wird aber nein so was will man ab Schafen ich kann das nicht verstehen da fragt man sich ob so was normal ist.Es wird immer am falschen ende gespart warum auch nicht an die Förderung bei den Kindern.

  2. Es wird mit zunehmender Umsetzung deutlich, dass die Schulbehörde die Chance der Inklusion wahrnimmt, um ein riesiges Einsparmodell auf dem Rücken der Hilfebedürftigsten durchzuziehen. Es war einmal von einem Wahlrecht der Eltern die Rede, wenn aber kostenintensive Förderklassen eingespart werden, wo bleibt dann das Wahlrecht ? Zwei Förderstunden pro Woche und Klasse sind ein schlechter Witz, den Rest leisten Pädagogen, die zwar „zieldifferent“ (auch wieder so ein Modewort praxisferner Bildungsplaner) arbeiten sollen, dafür – und schon gar nicht für die Spezialbetreuung der beeinträchtigten Schüler – aber nicht ansatzweise ausgebildet wurden. Alles ein haarsträubender Unsinn, über den aber keine/r der Betroffenen lachen kann !!! Gaga- Republik !!

  3. Heute Morgen blieb mir beim Lesen der LZ das Brot im Halse stecken. Da heißt es doch tatsächlich, ein Erfolgsmodell würde der Inklusion „geopfert“. Mit der Ratifizierung der UN-Konvention für Menschen mit Beeinträchtigungen im Jahre 2009 hat sich Deutschland verpflichtet, die gesamte Lebens- und Arbeitswelt inklusiv zu gestalten. Für die Schulen heißt dies, dass alle Schüler_innen ein Recht darauf haben, inklusiv und wohnortnah (!) beschult zu werden. Deutschland muss mittelfristig auf den aktuellen europäischen Durchschnitt von ca. 80% bei der Inklusionsquote kommen (derzeit liegen wir bei etwa 25%). So gilt es auch, die Kompetenzen der Förderschulen, Förderklassen usw. in das Regelschulsystem (in alle Schulformen!) zu transferieren. Dies ist Aufgabe des Landes und des Schulträgers.

    Derartige Veränderungen führen verständlicherweise zu Befürchtungen bei vielen Beteiligten. Der von vielen Eltern gespürte Druck hin zur extensiven Förderung im Grundschulalter resultiert auch aus der Tatsache, dass wir immer noch nach der vierten Klasse aufteilen, anstatt den Kindern das Wichtigste für Bildung zu geben: Zeit.Wer allerdings behauptet, die separierende Förderung sei besser als die inklusive, der muss empirische Vergleichsstudien vorlegen können. Die in dem Artikel zitierten Statistiken halten einer Überprüfung nicht stand, weil die Vergleichsgruppe fehlt (die weitere Lernkarriere von Schüler_innen mit Entwicklungsverzögerung in der Regelklasse). Man muss auch überlegen, was man den separierten und nicht-separierten Schüler_innen an Erfahrungsmöglichkeiten nimmt, wenn man Separation betreibt.

    Bisher hat das Regelschulsystem gezeigt, dass es mit Schüler_innen mit besonderen Merkmalen gut umgehen kann: Hochbegabte Schüler_innen, solche mit ADHS oder mit ökonomisch schwachem Hintergrund, mit Deutsch als Zweitsprache usw. sind dort zu finden. Inklusion bedeutet natürlich auch ein Mehr an Heterogenität, was auch zur Frage der Ressourcen führt. Dies darf aber nie ein Hinderungsgrund sein, ein Menschenrecht auszuhebeln.

    Matthias v. Saldern
    Mitglied Beirat Bildung der Dt. UNESCO-Kommission
    Mitglied Beirat Inklusion des BMZ