Dienstag , 27. September 2016
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Siegfried Anker ist auf seinen Rollator angewiesen. Das führt er auf die Folgen eines Sturzes im Herz- und Gefäßzentrum Bad Bevensen zurück, von dem er Schmerzensgeld und Schadenersatz fordert. F: be
Siegfried Anker ist auf seinen Rollator angewiesen. Das führt er auf die Folgen eines Sturzes im Herz- und Gefäßzentrum Bad Bevensen zurück, von dem er Schmerzensgeld und Schadenersatz fordert. F: be

Prozess um Sturz im Klo

rast Lüneburg. „Noch halb benommen machte ich mich auf den Weg zur Toilette. Dort fiel ich rückwärts in die Dusche – aufs Steißbein.“ So schildert der Lüneburger Unternehmer Siegfried Anker eine Szene im Herz- und Gefäßzentrum (HGZ) Bad Bevensen, die nach seiner Darstellung für ihn schwere gesundheitliche Konsequenzen hat: „Um das Steißbein herum war alles geschwollen und gestaucht, ich habe 21 Monate lang mit Schmerzen leben müssen.“ Seit dem Sturz könne er seinen Alltag nicht mehr ohne Gehhilfen bestreiten. Der Klinik wirft Anker fehlerhafte ärztliche Behandlung vor, sie habe ihre Sorgfalts- und Aufsichtspflichten verletzt. Die aber weist jede Schuld von sich (siehe unten).

Mit dem Fall beschäftigt sich am 12. Februar 2014 das Landgericht Lüneburg, Anker klagt gegen die Klinik und fordert unter anderem ein Schmerzensgeld und Schadenersatz in Höhe von zusammen über 33 000 Euro. Der 77-Jährige schildert die Geschichte so: Sein Hausarzt überwies ihn ins HGZ, weil er nach einer ersten Diagnose übermäßig viel Wasser im Körper hatte. Stationär war er dort vom 22. April bis 8. Mai untergebracht. „In diesen zwei Wochen hat man meinem Körper 16 Liter Wasser entzogen, indem ich täglich mehrere Spritzen sowie morgens, mittags und abends wasserabführende Tabletten bekam – als Folge musste ich stündlich zur Toilette.“ Am Tag vor der Entlassung wurde ihm vom Stationsarzt erklärt, „dass ich noch einen Schlauch schlucken muss, was ich aus Angst verneinte“. Wenig später kamen zwei Pfleger: „Sie schoben mich samt Bett in den Flur und eh ich mich versah, war ich im OP.“ Dort fand eine transösophageale Echokardiographie (TEE), eine Ultraschalluntersuchung des Herzens, statt: „Ohne meine Zustimmung.“

Was nach der Untersuchung passierte, hat Anker so in Erinnerung: „Ich wurde aus dem OP gefahren, aber nicht im nebenan gelegenen, bewachten Aufwachraum abgestellt, sondern in mein Einzelzimmer geschoben und dort allein gelassen. Ich wurde im Bett nicht angeschnallt, das Bett hatte auch kein Geländer. Allen Beteiligten war bekannt, dass ich alle Stunde auf Toilette musste. Es wurde aber versäumt, mir eine Urin-Flasche ans Bett zu hängen.“ So ging er in den Toilettenraum und stürzte. Durch eine Notschnur konnte er Hilfe rufen: „Die beiden Pfleger kamen und fragten, wie ich da in die Dusche reingekommen sei.“

Anker schaltete Ulrich Kamps, Lüneburger Fachanwalt für Medizinrecht, ein. Der argumentiert in seiner Klageschrift unter anderem damit, dass bei einem Patienten, „der noch unter dem Einfluss des gefahrträchtigen Medikaments“ für die Sedierung stehe, Gefahr bestehe, dass er nicht so lange liegen bleibe, „bis er sein Bewusstsein und seine Einsichtsfähigkeit in ausreichendem Maße wiedererlangt hat“. Anker habe sich „für Ärzte und Pfleger erkennbar in einem akut und konkret unkontrollierten sowie gefährdeten Zustand“ befunden.

In einem vom HGZ angegriffenen Gutachten des Hamburger Arztes Prof. Jörg Rathgeber sieht sich Anker bestätigt. Der geht zwar davon aus, dass Anker ausreichend über die Behandlung informiert worden sei, die TEE also mit Zustimmung ausgeführt wurde. Nach Unterlagen des Gutachters sei der Patient mit dem Hypnotikum Midazolam kurz nach 9 Uhr betäubt worden, die Untersuchung sei gegen 9.30 Uhr beendet und Anker danach zunächst im Untersuchungsbereich überwacht und gegen 10.30 Uhr auf die Station verlegt worden. Zu dem Zeitpunkt sei Anker „noch stark sediert“ gewesen. Obwohl anhand der pharmakologischen Wirkungsdauer davon ausgegangen werden könne, dass die Wirkung von Midazolam gegen 10.30 Uhr „weitestgehend abgeklungen war, zeigte sich der Patient jedoch noch stark sediert, von einer ausreichenden Orientierung konnte keine Rede sein“. Die Verlegung auf die Normalstation zu diesem Zeitpunkt sei nicht zu beanstanden gewesen, angesichts der „Sedierungstiefe“ hätte er aber dort weiter überwacht werden müssen. Rathgeber kommt zu dem Schluss: „Der Patient hätte aus gutachterlicher Sicht in offenkundig stark sediertem Zustand nicht aus der direkten Überwachung auf die Normalstation ohne adäquate Überwachungsmöglichkeiten verlegt werden dürfen.“ Der Sturz hätte vermieden werden können.

Das Herz- und Gefäßzentrum nimmt zu der Geschichte Stellung und verweist darauf, dass Anker es von der Schweigepflicht entbunden hat, solche Infos würde es „sonst über Patienten selbstverständlich nicht kommunizieren“: Herr Anker wurde im Mai 2009 wegen einer schweren Herzerkrankung im HGZ behandelt. Es wurden verschiedenste Untersuchungen durchgeführt. Am 7. Mai fand eine transösophageale Echokardiographie statt. Diese Untersuchung wurde in Sedierung (Dämmerschlaf), nicht in Vollnarkose durchgeführt. Nach der Untersuchung wurde Herr Anker zunächst über eine Stunde direkt überwacht, und nachdem er wieder ansprechbar war, in sein Zimmer verlegt. Ihm wurde dort erklärt, dass er Bettruhe bewahren und sich melden solle, wenn er aufstehen wolle. Nach etwa einer weiteren Stunde muss er, ohne sich gemeldet zu haben, aufgestanden und im Badezimmer gestürzt sein, wobei die Ursache des Sturzes nicht abschließend geklärt ist. Er wurde wieder zum Bett begleitet. Auf Nachfrage beklagte er keine Schmerzen und keine Verletzungen. Bei allen folgenden Untersuchungen sowohl im HGZ als auch bei anderen Behandlern konnte keine Verletzung durch den Sturz festgestellt werden. Weder ein wenige Tage nach dem Ereignis erstelltes Röntgenbild der gesamten Lendenwirbelsäule noch eine ein Jahr später durchgeführte Computertomographie ergaben einen Hinweis auf eine frische oder ältere Fraktur. Vielmehr wurden Schmerzen Herrn Ankers im Rücken, ausstrahlend auf die Beine, bereits 2008 in der Uni-Klinik Lübeck, der Hanserad Radiologie und dem Klinikum Neustadt untersucht. Diagnostiziert wurden fortschreitende degenerative Veränderungen (Abnutzungserscheinungen) der Lendenwirbel-säule und Einengungen im Wirbel- und Bandscheibenbereich. Weitere aufgrund seiner Schmerzen im Rückenbereich durchgeführte Untersuchungen konnten keinerlei Zusammenhang zwischen Beschwerden und Sturzereignis feststellen. Vielmehr diagnostizierte das Klinikum Uelzen 2012 zusätzlich zu degenerativen Veränderungen der Wirbelsäule eine Neuropathie, welche zu Nervenschmerzen führen kann.

One comment

  1. Jürgen Hempel Lüneburg

    ………..endlich mal was Lustiges, alte Männer sollten sich ihr „Personal“ mit ins Haus nehmen, dann kann nix schief laufen ………..