Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Zusammen stark am Herd (v.l.): Die Kursteilnehmer Gerhard Paulini und Hans-Jürgen Kröger freuen sich immer wieder über Kochtipps von
Ernährungsexpertin Sylvia Busse. Foto: be
Zusammen stark am Herd (v.l.): Die Kursteilnehmer Gerhard Paulini und Hans-Jürgen Kröger freuen sich immer wieder über Kochtipps von Ernährungsexpertin Sylvia Busse. Foto: be

Kochen gegen den Rückfall

mm Lüneburg. Gerhard Johansson ist stabil. Er trinkt keinen Tropfen Alkohol mehr – seit 30 Jahren. Der Leiter der Suchtgefährdeten Hilfe des Selbsthilfevereins der Guttempler, der nach eigener Aussage alles an Suchtmitteln durch hatte, ist in ein normales Leben zurückgekehrt und nicht rückfällig geworden. Doch das schaffen längst nicht alle. Kochen nutzen die Guttempler als Rückfallprävention und bieten an der Wallstraße einen Kochkurs nur für Männer an, am Herd unterstützt Ernährungsexpertin Sylvia Busse.

Warum sind gerade das Kochen und die Ernährung entscheidend, um nicht wieder zur Flasche zu greifen? „Es geht darum, ein positives Grundgefühl zu haben. Wenn ich mir selber etwas Nahrhaftes zubereiten kann, ist das auch immer wieder ein kleiner Erfolg. Das schafft Selbstbewusstsein“, erklärt Johansson. Kochen in Gemeinschaft bringe nochmal einen ganz anderen Mehrwert. „Man kann sich ungezwungen austauschen und sieht auch, wenn es dem einen oder anderen mal nicht so gut geht“, verdeutlicht der 61-Jährige.

Und man lernt immer wieder ein neues Gericht kennen. Dieses Mal gibt es zum Einstieg Kartoffelcremesuppe, als Hauptspeise werden Kartoffelspalten mit Sesam und Kürbis in Kokosmilch kredenzt und zum Nachtisch wartet Apfelmus. Es geht um gesunden Genuss.

Eigentlich stabile Suchtkranke können leicht wieder rückfällig werden. „Ein Rückfall gehört zum Krankheitsbild“, schildert Johansson. Da reicht es schon, wenn ein trockener Alkoholiker eine Soße probiert, in die ein Schuss Rotwein gegossen wurde. Der Alkohol verdampft nicht beim Kochen. Nach Johansson gibt es eine Faustregel: „Alles, was ich sehe, rieche oder schmecke, könnte mir gefährlich werden und den Suchtreiz wieder auslösen.“ Vor allem Geschmack begünstige einen Rückfall. Es ist wichtig zu wissen, in welchen Nahrungsmitteln Alkohol enthalten. Das lernen die Teilnehmer auch beim gemeinsamen Einkauf auf dem Wochenmarkt.

Expertin Busse und die kochfreudigen Männer packen nur ausgewählte Produkte in den Einkaufskorb. „Wir kaufen ausschließlich regionale Ware. Denn je näher an der Umgebung angebaut wird, desto mehr Energie kann gespart werden“, erklärt Busse. Die Mahlzeit ist dadurch umweltverträglicher. Auch auf die Saisonalität werde geachtet. Was im Einkaufskorb fehlt, ist Fleisch. „Wir wollen ja auf den Preis achten, Bio-Fleisch ist da einfach zu teuer“, begründet die Ernährungsberaterin.

Gerhard Paulini ist Mitinitiator des Kochprojekts und seit 30 Jahren bei den Guttemplern. „Bisher wurde ich immer bekocht“, verrät Paulini. Spiegeleier würden ihm noch gelingen – dann hört’s aber auch schon auf. Jetzt habe er schon ein Gefühl bekommen, wieviel Pfund Kartoffeln man für ein Gericht braucht. Auch das Schnippeln geht leicht von der Hand.

Ihre Ernährung haben die Teilnehmer des Kochkurses, als sie noch alkoholabhängig waren, komplett vernachlässigt. „Alkohol hat schon Kalorien. Es macht sich also kein großes Hungergefühl breit. Dann reicht meistens Fast-Food“, erklärt Johansson. Das bedeute falsche Ernährung jeden Tag. Was man gar nicht lerne, sei das Kochen.

So erging es auch Kursteilnehmer Lothar Krause. Er war bis zu seiner Entgiftung im Mai 2006 Spiegeltrinker. So werden Alkoholabhängige bezeichnet, die einen andauernden, ständigen Blutalkoholspiegel aufrechterhalten müssen, da es sonst zu starken Entzugserscheinungen kommt.

Während seiner Zeit als Trinker wurde Krause meistens von seiner Mutter bekocht. Seit er abstinent lebt, will er selbst kochen. „Kartoffeln schälen war für mich anfangs ganz ungewohnt“, erzählt Krause. Jetzt hackt er im Nu Petersilie. Und freut sich schon auf das gemeinsame Essen, das für alle Teilnehmer der Höhepunkt des Abends ist. Die Rezepte, nach denen bei den Guttemplern gekocht wird, sind angelehnt an eine chinesische Ernährungslehre, es geht um fünf Elemente: Feuer, Erde, Holz, Metall und Wasser. Diese stehen für die einzelnen Geschmacksrichtungen von süß über sauer bis salzig und dürfen bei keiner Mahlzeit fehlen.

In der kälteren Jahreszeit sollen die Gerichte erwärmen. Das gelingt sehr gut. Denn ohne Kochunfälle zaubern die Männer knusprige Kartoffelspalten, eine duftende Kartoffelcremesuppe und wohlschmeckenden Kürbis in Kokosmilch auf den Tisch.