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Mehr als 70 Jahre nach dem Tod ihres Bruders kehrte Renate Wippermann (r.) an die Stätte der einstigen Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg zurück, sprach mit Carola Rudnick (l.) und Schülerinnen über das Schicksal ihrer Familie. Foto: org
Mehr als 70 Jahre nach dem Tod ihres Bruders kehrte Renate Wippermann (r.) an die Stätte der einstigen Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg zurück, sprach mit Carola Rudnick (l.) und Schülerinnen über das Schicksal ihrer Familie. Foto: org

Statt zu helfen, brachten die Ärzte den Tod

org Lüneburg. Wäre sie zwei Jahre älter, wäre sie tot. Wäre niemals 67 Jahre alt, nie Mutter geworden. Sondern bereits als Kleinkind gestorben. Nicht an den Folgen einer schweren Krankheit. Sondern weil Ärzte und Schwester sie hätten verhungern lassen. Oder sie eingeschläfert hätten. So wie mehr als 300 Mädchen und Jungen in der einstigen Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg.
Wie viel Glück ihr Geburtsjahr 1946 für sie bedeutet, weiß Renate Wippermann erst seit diesem Sommer. Seit ihre Tochter ihr am Telefon einen Zeitungsartikel vorgelesen hat, in dem es um den Jungen Werner Wolters geht, der 1942 in der Lüneburger Kinderfachabteilung mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit getötet worden ist. Weil er Rachitis hatte. Werner ist ihr Bruder. Kennengelernt hat Renate Wippermann ihn nie. Als Kind erfuhr sie, dass es ihn gegeben hatte. Dass es kein Grab gebe, dass er im Krankenhaus an Magen-Darm-Katarrh gestorben sei. Am 15. Januar 1942. „Das war alles, was ich wusste“, sagt Renate Wippermann. 50 Augen blicken sie an.
Renate Wippermann ist eine von etwa 30 Angehörigen, die in diesem Sommer etwas über ihre Geschichte erfahren haben, das sie 70 Jahre lang nicht wussten: dass ein Mitglied ihrer Familie in der Lüneburger „Kinderfachabteilung“ Opfer des sogenannten „Euthanasie“-Programms der Nationalsozialisten geworden ist.
Ein erstes Mal ist Renate Wippermann mit ihrer Tochter und ihrem Lebensgefährten aus Boffzen auf den Nordwestfriedhof gekommen, als Ende August die neue Gedenkanlage mit dem Grab der sterblichen Überreste von zwölf Kindern — darunter Werner — eingeweiht worden ist. Ein zweites Mal kam sie im Herbst — und traf 25 Auszubildende der Gesundheits- und Pflegeschule Uelzen. Gemeinsam mit der Historikerin Carola Rudnick besuchten die jungen Leute die Gedenkstätte, zwei Tage lang hatten sie zuvor zur Geschichte der NS-Psychiatrie gearbeitet.
„Meine Eltern hatten Werner ins Krankenhaus gebracht, weil er einfach nicht auf die Beine kam“, erzählt Renate Wippermann den jungen Frauen und Männern, ihre Augen beginnen kurz zu glänzen. Sie fasst sich. „Meine Eltern dachten, die Ärzte würden ihm helfen. Dafür sorgen, dass er gesund wird.“
Doch sie ließen den Jungen verhungern. Weil er mit seiner Rachitis, einer typischen Mangelerkrankung der Kriegskinder, nicht dem „gesunden Volkskörper“ entsprach, fürs NS-System eine „Ballastexis“tenz“ war.
So wie Heinz Schäfer. Der Junge hatte Probleme mit dem Sprechen, mit dem Gehen. Seine Brüder Rolf und Friedrich schleppten den Kleinen überall hin mit. Bis er ins Krankenhaus kam und nicht nach Hause zurückkehrte.
Auch Rolf und Friedrich Schäfer wissen erst seit diesem Sommer, dass ihr Bruder nicht an einer Lungenentzündung gestorben ist, wie die Ärzte den Eltern damals weisgemacht haben. Auch sie haben in der Zeitung von ihm gelesen.
Weil die Lüneburger Projektleiterin der Bildungs- und Gedenkstätte an der Psychiatrischen Klinik alle Lokalblätter Niedersachsens angerufen hat, aus deren Verbreitungsgebiet die Kinder kamen. Die Kinder, deren Biografien sie in den vergangenen Monaten erforscht hat. Die Kinder, von denen Gehirnschnitte im Archiv des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf gefunden und etwa 70 Jahre nach dem Tod der Kinder auf dem Nordwestfriedhof begraben worden sind.
Jahrzehntelang hatte die Familie Schäfer den Verdacht gehabt, dass etwas nicht gestimmt hat mit den Angaben der Ärzte über die Lungenentzündung des kleinen Heinz. Weil sein Vater nach Lüneburg gefahren war, darauf bestanden hatte, die Leiche zu sehen, deren Kopf verbunden war. Mehr als 70 Jahre nach dem Tod des Kindes haben seine Brüder die Gewissheit, dass das Gefühl nicht trog. Sie konnten erstmals Abschied nehmen.
Das konnte auch Renate Wippermann von Werner. „Zu meinem 60. Geburtstag habe ich mir das gewünscht“, erinnert sie sich an diesem Herbsttag mit den vielen jungen Menschen um sie herum. „Dass mein Wunsch in Erfüllung geht, das hätte ich aber nie geglaubt.“
Bei Kim Gleißert haben die drei Tage zum Thema NS-Psychiatrie des Projekts „Vielfalt achten, Teilhabe stärken“ mit Carola Rudnick viel ausgelöst. „Es ist gut, dass diese Tage zu unserer Ausbildung gehören“, sagt die 17 Jahre alte Pflegeschülerin. „Dass Frau Wippermann uns von ihrem Bruder erzählt hat, war sehr bewegend.“
Renate Wippermann selbst schließt ihre Erzählungen mit dem neuen Wissen, das sie seit Sommer hat. „Auch ich hatte als Kind Rachitis, genau wie mein Bruder. Auch ich könnte längst tot sein.“ Doch 1946 gab es keine Tötungsfachabteilungen für kranke Kinder mehr.