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Zurück in Lüneburg: Julius Borderieux ist ganz allein von Toulouse nach Norddeutschland geradelt. Foto: nh
Zurück in Lüneburg: Julius Borderieux ist ganz allein von Toulouse nach Norddeutschland geradelt. Foto: nh

Julius bezwingt den inneren Schweinehund

us Lüneburg. „Ich wollte Zeit haben, um nachzudenken, herausfinden, was ich machen will. Doch gedacht habe ich dann 16 Tage nicht.“ Als Julius Borderieux am Morgen des 13. Oktober im französischen Toulouse aufs Fahrrad stieg, wusste er noch nicht, wo er am Abend ankommen sollte. Nur das Fernziel stand fest: Lüneburg. Dazwischen 18 kräftezehrende Tage und exakt 1947 Kilometer, die der gebürtige Lüneburger zurücklegen wollte — allein. „Nach dem Abitur musste ich einfach mal den Kopf frei bekommen“, sagt der 18-Jährige, der in diesem Jahr seinen Abschluss auf der Wilhem-Raabe-Schule gemacht hat.
Die Idee zu der Tour kam eigentlich von seinem Vater. Als Restaurator alter Möbel fährt er regelmäßig in seine französische Heimat, kauft dort Altes auf, um es in Deutschland zu restaurieren und zu verkaufen. „Ich begleite ihn oft“, sagt Julius, „aber dieses Mal schlug mein Vater mir vor, den Rückweg doch vielleicht mit dem Fahrrad zu versuchen. Der Gedanke faszinierte mich, und Zeit hatte ich ja auch.“
Richtig vorbereitet war er nicht, gesteht Julius im Nachhinein ein. Zwar hatte er sein zwei Jahre altes Fahrrad – ein normales Trekkingrad für 500 Euro — noch einmal generalüberholen lassen, ein paar Straßenkarten aus einem französischen Autoatlas kopiert und zwei wetterfeste Gepäcktaschen für die Wäsche gekauft, doch das war’s auch schon. „Wenn ich gewusst hätte, wie anstrengend die Tour wird, hätte ich vorher gezielt trainiert.“
Den ersten Dämpfer gab es bereits nach der ersten Tagesetappe. 60 Kilometer nonstop sorgten für einen heftigen Muskelkater in den Oberschenkeln. Doch ans Aufgeben dachte Julius nicht: „Ich wollte Bekanntschaft mit meinem Körper machen“. Fortan vermied er zu hohe Gänge und pendelte seine Tretgeschwindigkeit bei 80 Umdrehungen pro Minute ein. „Das habe ich in einem Internetforum gelesen, ein guter Tipp!“
Seine Tour führte ihn von Toulouse über Bourges und Verdun in Frankreich, Esch-sur-Alzette in Luxemburg nach Koblenz, Kassel und Hannover bis Lüneburg. 99 Stunden reine Fahrzeit bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 19,5 km/h.
Gefahren wurde von morgens um acht bis zum Einbruch der Dämmerung. Dann musste eine Unterkunft gefunden werden. „In Frankreich habe ich einfach bei Privatleuten angeklopft“, sagt Julius. Einen Schlafsack hatte er dabei, doch häufig wurden ihm sogar Bett, Dusche und Frühstück angeboten.
Seine größte Herausforderung hatte Julius kurz vor Verdun zu bestehen. An diesem Tag war er bereits 120 Kilometer gefahren, 20 weitere lagen noch vor ihm. „Ich war total unterzuckert, hatte meine Schoko- und Müsli-Riegel schon aufgegessen. Ich wusste wirklich nicht, wie ich die Strecke schaffen sollte, hundert Meter Höhenunterschied wurden plötzlich zur Qual“, erinnert er sich. Nur mit stark gedrosselter Geschwindigkeit, um Kräfte und Energiereserven zu schonen, erreichte er sein Ziel.
In solchen Momenten überkam Julius die Sorge, vielleicht doch das Falsche zu tun. „Ich war mir plötzlich der Sache nicht mehr sicher. Übernehme ich mich, schaffe ich es überhaupt?“ Doch genau diese Erfahrungen sind es, auf die Julius nicht mehr verzichten möchte. „Sich überwinden zu müssen und auf sich selbst gestellt zu sein, das hat mir am Ende am meisten gegeben“, zieht Julius Bilanz. Empfehlen würde er eine solche Tour jedem, der gern Fahrrad fährt, „aber allein, denn jeder hat sein eigenes Tempo und seinen eigenen Rhythmus“.
Am Nachmittag des 31. Oktober, eine Woche früher als angenommen, steuert Julius die Hansestadt an, die letzten 30 Kilometer mit einem Endspurt. „Ich hatte erwartet, dass ich mich freuen würde oder traurig sei, wenn ich am Ortsschild von Lüneburg vorbeifahren würde. Doch ich war einfach nur benommen, es war wie in einem Rausch.“
Sein Fahrrad steht jetzt im Hausflur seiner Wohnung in der Barckhausenstraße, geadelt durch den Schmutz und Staub der Straße. „Es war für mich wie ein Partner. Ich habe ihm immer einen guten Morgen gewünscht und uns beide angespornt, wenn unterwegs die Stimmung zu sinken drohte.“ Im Stich gelassen hatte es Julius während der ganzen Zeit nicht, weder Felgenbruch noch ein geplatzter Schlauch sorgten für unliebsame Unterbrechungen.