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Sohn Kevin ist als Gebirgsaufklärer in Afghanistan im Einsatz - seine Familie mit Mutter Birgit (Mitte), Vater Erich und Schwester Nicole hält über das Familienbetreuungszentrum in Lüneburg Kontakt mit anderen Soldaten-Familien. Foto: kre
Sohn Kevin ist als Gebirgsaufklärer in Afghanistan im Einsatz - seine Familie mit Mutter Birgit (Mitte), Vater Erich und Schwester Nicole hält über das Familienbetreuungszentrum in Lüneburg Kontakt mit anderen Soldaten-Familien. Foto: kre

Ein Halt in ungewisser Zeit

kre Lüneburg. Birgit K. hat sich nach vorne gesetzt. An den Tisch in der ersten Reihe. Gerade so, als wolle sie ihrem Sohn Kevin – Oberfeldwebel bei der Bundeswehr – an diesem Nachmittag so nahe wie nur möglich sein. Seit August befindet sich der Gebirgsaufklärer in Afghanistan. Es ist für den 25-Jährigen der erste Auslandseinsatz – und damit zwangsläufig auch für seine Familie: „Da macht man sich natürlich seine Gedanken“, sagt Birgit K., deren vollständiger Name aus Sicherheitsgründen nicht genannt werden darf, mit sorgenvoller Stimme.

Umso glücklicher ist die Hamburgerin, dass sie sich an diesem November-Nachmittag mit anderen austauschen kann. Das Familienbetreuungszentrum in Lüneburg hat Angehörige von Soldaten im Einsatz zu einem „Kennenlern-Nachmittag“ bei Kaffee und Kuchen in die Theodor-Körner-Kaserne eingeladen. Gekommen sind auch Birgit K. mit ihrem Mann Erwin und Tochter Nicole.

Für Oberstabsfeldwebel Roy Stephenson, Leiter des Familienbetreuungszentrums in Lüneburg, und seine Mitarbeiter gehören solche Nachmittage fast schon zur Routine. „Zurzeit betreuen wir 250 Angehörige von rund 180 Soldaten, die sich im Auslandseinsatz befinden“, erläutert der Dienststellenleiter.

Jeder Soldat, der in den Einsatz geht, wählt sich nach Rücksprache mit seinen Angehörigen sein Familienbetreuungszentrum selbst aus. „Und das sollte natürlich nicht allzu weit vom eigenen Wohnort entfernt sein“, erklärt der Oberstabsfeldwebel. Die meisten Familien, die in Lüneburg „ihr“ Familienbetreuungszentrum gefunden haben, kommen aus einem Umkreis von bis zu 70 Kilometern. Bundesweit gibt es 30 weitere Familienbetreuungszentren und bis zu 50 -stellen. Betreut werden nicht nur Angehörige aus dem eigenen Standort, sondern auch – sofern gewünscht – von Luftwaffe und Marine.

Für Birgit K. ist das alles neu. Auch die Vorbereitungen, die die Soldaten und ihre Angehörigen treffen müssen, bevor sie in den Einsatz gehen. Testamente verfassen, Patientenverfügungen ausfüllen…, „mit was man sich alles auseinander setzen muss!“ Die Hamburgerin hat sichtlich daran zu tragen, dass Tod und Verwundung Teil des Einsatzrisikos sind. Dass im schlimmsten Fall auch ihr Sohn verwundet werden oder im Gefecht fallen kann.

Oberstabsfeldwebel Stephenson klammert das in seiner Begrüßung nicht aus, erklärt, wie in einem solchen Fall die betroffenen Familien informiert werden: „Immer persönlich durch einen Stabsoffizier, nie telefonisch!“ Der Hinweis ist wichtig, denn immer wieder kommt es vor, dass Angehörige von Einsatz-Soldaten von Unkannten angerufen und mit „Todesnachrichten“ terrorisiert werden. Das ist auch mit ein Grund, warum die Namen der Soldaten und ihrer Angehörigen von der Bundeswehr nur abgekürzt und nicht vollständig zur Veröffentlichung freigegeben werden.

Dass sich die Soldaten, aber auch ihre Angehörigen, auch noch rechtfertigen müssen, kann Nicole K. – die Schwester von Oberfeldwebel Kevin K. – überhaupt nicht nachvollziehen: Von Parolen wie „Bundeswehr abschaffen“ bis hin zum lapidaren Satz, „Die bekommen doch viel Geld für ihren Einsatz!“, hat die Hamburgerin schon viel gehört. Und es ärgert sie: „Die gehen nicht freiwillig in die Kriegs- und Krisengebiete, weil sie es toll finden, sondern weil es das Parlament so beschlossen hat“, ruft die Hanseatin in Erinnerung.

Beim Info-Nachmittag des Familienbetreuungszentrums muss sie freilich niemanden davon überzeugen. Hier herrscht auch nicht das „freundliche Desinteresse“ gegenüber den Soldaten vor, das einst Alt-Bundespräsident Horst Köhler in großen Teilen der deutschen Bevölkerung feststellte – im Gegenteil: „Ich werde heute noch einen Gruß aus der Heimat aufnehmen, der dann über den Soldatensender ,Radio Andernach‘ ausgestrahlt wird“, berichtet Nicole K., während ihr sechsjähriger Sohn nebenan mit anderen Kindern Weihnachtsüberraschungen für die Soldaten bastelt.

Oberfeldwebel Kevin K. hat das „Bergfest“ hinter sich – Anfang Februar endet für ihn der Afghanistan-Einsatz. Für Birgit K. ist das ein doppelter Grund zur Freude. Nicht nur, dass dann ihr Sohn hoffentlich gesund und wohlbehalten aus dem Einsatz zurückkehrt – er wird dann auch künftig wieder deutlich näher an Hamburg stationiert sein. Der Oberfeldwebel wird nämlich von Füssen nach Lüneburg versetzt.

Dann wird der Familienbesuch überhaupt kein Problem mehr sein…