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Der Archäologe Prof. Dr. Felix Pirson (links), hier mit seinem Lüneburger Mitarbeiter Arne Weiser, berichtete von einer der berühmtesten Grabungsstätte der Welt. Foto: be
Der Archäologe Prof. Dr. Felix Pirson (links), hier mit seinem Lüneburger Mitarbeiter Arne Weiser, berichtete von einer der berühmtesten Grabungsstätte der Welt. Foto: be

Die Spuren Pergamons

jz Lüneburg. Sein Revier ist normalerweise heiliger Boden deutscher Altertumsforschung. Prof. Dr. Felix Pirson (45) gräbt in Pergamon, einem der berühmtesten Grabungsplätze der Archäologie. Bis zu 100 Spezialisten leitet er in jeder Grabungskampagne an, unter ihnen auch der Lüneburger Arne Weiser. „Normalerweise referiere ich nicht in so beeindruckenden Räumen“, zeigte sich Prof. Pirson vom historischen Ambiente im Huldigungssaal des Lüneburger Rathauses beeindruckt. Eingeladen hatte ihn der Museumsverein für das Fürstentum Lüneburg.

Beeindruckt waren die rund 50 Zuhörer von seinem Abriss über die jüngsten Forschungen auf dem 330 Meter hohen Gebirgsausläufer, auf dem vor mehr als 2000 Jahren Pergamon thronte. Entdeckt wurde die hellenistische Stadt von Deutschen. Mit Prof. Pirson gräbt dort die siebte Generation Archäologen. „Obwohl – gegraben wird dort immer weniger.“ Moderne geophysikalische Methoden erlauben den Blick unter die Erdoberfläche, ohne dass ein Spaten die Schichtenfolge am Fundort zerstören muss.

In diesem Jahr spürte das Bodenradar am steilen West- und etwas sanfter abfallenden Osthang des Stadtberges die Straßen auf, über die vor 2300 Jahre Karren mit Pergament rumpelten. Das Schreibmaterial wurde in Pergamon zur Serienreife gebracht und deshalb nach der Stadt benannt. Die in Kalkwasser eingeweichte und abgeschabte Tierhaut verdrängte Papyrus, weil sie biegsamer und haltbarer war. Ein strategischer Schlag Pergamons im Wettrüsten mit Alexandria um die weltgrößte Bibliothek.

„Die nicht immer schachbrettartig verlaufenden, sondern sich dem Bodenrelief anpassenden Straßen beweisen, dass Pergamon ein Sonderfall hellenistischen Städtebaus war“, so Prof. Pirson. Der in einem Tal gelegene Stadtberg war zwar gut zu verteidigen, erzwang wegen seiner steilen Flanken aber die Abkehr vom Ideal des Gitterrasters.

Dem Ideal frönen konnte das Herrschergeschlecht der Attaliden dagegen bei der Anlage Elaias. Die Hafenstadt, 28 Kilometer entfernt an der kleinasiatischen Ägaisküste gelegen, sollte den strategischen Nachteil Pergamons ausgleichen: die Hinterland-Lage, etwas abseits der großen Handelsströme.

Auch die Altertumsforschung hat modische Ideale, wie Prof. Pirson offenbarte. Seit acht Jahren wird die Stadt wieder als Gesamtorganismus erforscht. Ihre Einbettung ins Umland soll ihren Aufstieg erklären – Pergamons Gymnasion war das größte des antiken Griechenlands. Pirson: „Damit knüpfen wir an Ideen des 19. Jahrhunderts an, nachdem in den 30 Jahren zuvor die untere Wohnstadt erforscht wurde. Die 68er-Generation wollte mehr Alltagsleben und weniger Paläste erforschen.“

Eine Renaissance erlebt auch die Hafenstadt Elaia. Unter den Römern verlandet, unter den Byzantinern bedeutungslos, entsteht hier gerade der siebtgrößte Containerhafen der Welt. Ein Symbol für den Aufstieg der Türkei, wie Elaia eines für den Pergamons war. Nur, dass die unangreifbare Stadt auf dem Berg ihren Einfluss auch noch mit Felsheiligtümern im Umland dokumentierte, die Dionysos, Pergamons Schutzpatron und Gott des Weines, gewidmet waren.

Seit zehn Jahren gräbt der Lüneburger Arne Weiser in Pergamon. Dennoch riss auch ihn der Vortrag mit: „Jetzt weiß ich wieder, bei welch tollem Projekt ich mitarbeite.“