Aktuell
Home | Lokales | Lüneburg | Das „Henne-Ei-Dilemma“
Mit den 5. und 6. Klassen soll der Ganztagsschulbetrieb an der Wilhelm-Raabe-Schule im Sommer 2014 starten. Allerdings nur, wenn bis Ostern auch der Schulvorstand davon überzeugt werden kann. Wenn nicht, soll der Antrag zurückgezogen werden. Foto: t&w
Mit den 5. und 6. Klassen soll der Ganztagsschulbetrieb an der Wilhelm-Raabe-Schule im Sommer 2014 starten. Allerdings nur, wenn bis Ostern auch der Schulvorstand davon überzeugt werden kann. Wenn nicht, soll der Antrag zurückgezogen werden. Foto: t&w

Das „Henne-Ei-Dilemma“

ahe Lüneburg. Der Schulausschuss wähnte sich in einem Dilemma: Soll er dem mehrheitlichen Elternwillen folgen und den Ganztagsschulantrag für die Wilhelm-Raabe-Schule auf den Weg bringen oder akzeptiert er die Entscheidung des Schulvorstands, der das – zumindest für einen Start im kommenden Sommer – ablehnt? „Der Fall ist nicht ganz einfach“, verdeutlichte auch Christine Hartmann den Zwiespalt. Die Direktorin des Gymnasiums an der Feldstraße skizzierte in der Ausschusssitzung gemeinsam mit ihrem Vertreter Thorsten Schnell den Stand der Dinge. Beide warben um ein Jahr mehr Zeit, um Überzeugungsarbeit leisten zu können. Die bekamen sie zwar nicht, doch am Ende stand ein Kompromiss, „mit dem wir leben können“, wie die Schulleiterin bilanzierte.

Vorausgegangen war bereits an der Schule selbst eine kontroverse Diskussion. Dabei ging es weniger darum, ob die Wilhelm-Raabe-Schule Offene Ganztagsschule werden soll, als vielmehr um das Wann und unter welchen Bedingungen. Die Schule hatte die Eltern ihrer Schüler aus den Jahrgängen fünf bis zehn nach ihrer Meinung gefragt. „24 der 28 Klassen haben sich beteiligt, die Rücklaufquote lag bei 48,4 Prozent“, sagt Christine Hartmann. Und von diesen Eltern habe sich mit 69,1 Prozent eine deutliche Mehrheit für die Ganztagsschule ausgesprochen. Der Schulvorstand als höchstes Gremium der Schule, in dem neben Eltern auch Schüler und Lehrer vertreten sind, versagte der Einführung für die fünften und sechsten Klassen zu Beginn des nächsten Schuljahres dann aber seine Zustimmung – mit 11 zu 5 fiel das Votum in geheimer Abstimmung sogar deutlich aus.

Die Bedenken, die es vor allem bei Schülern und Lehrern aktuell gibt, kann Christine Hartmann durchaus nachvollziehen. Sie sagt: „Unsere Schule hat etwas andere Bedingungen als andere Schulen. Wir sind räumlich begrenzt und können nicht einfach anbauen. Zudem haben wir keine eigene Sporthalle, die Mensa ist sehr klein und die künftige Erlasslage noch unklar.“ Der Schulvorstand wünsche sich zuerst Zusagen, wie die Raumprobleme gelöst werden sollen, und dann solle der Antrag gestellt werden.

Daraus aber wird nichts. Der Erste Stadtrat Peter Koch kennt zwar diese Argumentation auch von anderen Schulen, sprach vom „Henne-Ei-Prinzip – nach dem Motto, was war zuerst da oder hier: Wer fängt an?“. Position der Stadt sei aber: Erst müsse sich die Schule erklären, dass sie Ganztagsschule werden will, dann schaue die Verwaltung, welche Umbauten erforderlich sind, um das pädagogische Konzept umzusetzen. „Wir können ja nicht auf Verdacht irgendwo eine Mensa bauen.“ Angesichts der Frist, dass der Antrag für eine Umsetzung zum nächsten Schuljahr bis spätestens 1. Dezember gestellt sein müsse, verwies er darauf: Rein rechtlich sei es laut Schulgesetz durchaus möglich, den Antrag auch ohne Zustimmung des Schulvorstands zu stellen.

„Das sollten wir nicht tun“, warnte Dr. Gerhard Scharf (CDU) und sprach gar von einer „Drohung“ Kochs. Der wies das zurück: „Eine Drohung ist, jemandem Unbill in Aussicht zu stellen. Ich stelle nur Vorteile in Aussicht.“ Scharf wähnte sich – wie seine Fraktionskollegin Susanne von Stern – bei Abwägung von Elternwillen und Schulvorstandsvotum in einer „echten Konfliktsituation“, schlug deshalb vor, den Punkt von der Tagesordnung zu nehmen – ohne Erfolg.

„Ich hätte auch ein bisschen Bauchschmerzen, wenn wir den Antrag einfach so stellen“, gestand Renate Thielbörger (SPD). Gleichzeitig aber verwies sie darauf, dass viele Eltern aus dem räumlichen Einzugsbereich der Raabe-Schule ein Ganztagsangebot durch die Schule Im Roten Felde und demnächst auch die Grundschule Hasenburger Berg schon kennen und womöglich ohne Nachmittagsangebot ein Betreuungsproblem bekämen.

Jens Kiesel (Rentnerpartei) plädierte für den Antrag. „Unterstützen wir doch einfach die Fünf, die dafür sind.“ Dem hielt Jan Niclas Mücke als Schülervertreter entgegen: „Das wäre nicht im Sinne der Demokratie.“ Die Ausschussvorsitzende Hiltrud Lotze (SPD) stellte in Aussicht: „Überall dort, wo Schulen sich auf den Weg gemacht haben, ist die Stadt auch ihren Verpflichtungen in Sachen Um- und Neubau nachgekommen.“

Schließlich entschied sich der Ausschuss einstimmig bei drei Enthaltungen für die Antragstellung – allerdings mit der Option auf Rückzug, wenn der Schulvorstand nicht bis Ostern vom Vorhaben überzeugt werden kann. Christine Hartmann ist zuversichtlich: „Ich bin ein positiver Mensch, deshalb glaube ich, dass uns das gelingt.“