Aktuell
Home | Lokales | Lüneburg | Die Lebensmittelretter
Ergebnis eines nächtlichen Streifzugs: Paprika, Salat, Babygläschen, Dill, Frühlingszwiebeln und Kartoffeln haben Daniel Schulz (l.) und Matti Pannenbäcker aus den Containern geholt. Alles durchaus noch genießbar, finden sie. Foto: kg
Ergebnis eines nächtlichen Streifzugs: Paprika, Salat, Babygläschen, Dill, Frühlingszwiebeln und Kartoffeln haben Daniel Schulz (l.) und Matti Pannenbäcker aus den Containern geholt. Alles durchaus noch genießbar, finden sie. Foto: kg

Die Lebensmittelretter

kg Lüneburg. Sie haben gerade noch einmal Glück gehabt. Drei Polizeiwagen gleichzeitig hinderten Matti Pannenbäcker und Daniel Schulz an der Flucht, als sie Ende Juli beim „Containern“ an den eingezäunten Abfalltonnen eines Lüneburger Bio-Supermarktes erwischt wurden. Im Schutz der Dunkelheit suchten sie darin nach noch essbaren Lebensmitteln, die der Markt aus dem Verkauf genommen hatte. Es folgte eine Anzeige wegen Diebstahls und Hausfriedensbruchs, wie man sie aus dem sogenannten „Keks-Prozess“ des Lüneburgers Karsten Hilsen kennt, der Kekse aus den Abfalltonnen einer Confiserie holte (LZ berichtete). Denn anders als in Österreich oder der Schweiz bleibt Müll nach deutschem Abfallrecht bis zur Abholung Eigentum des Wegwerfers.

Für Pannenbäcker und Schulz ging der Vorfall glimpflich aus. Nachdem sie mit der Filialleitung des Marktes das Gespräch gesucht hatten, wurde ihre Anzeige fallen gelassen.

Doch wie viel Essen landet tatsächlich in der Tonne? Und wie definiert der Einzelne „genießbar“? Die damals zuständige Mitarbeiterin der Biomarktkette dementiert gegenüber der LZ, dass in der Filiale genießbare Lebensmittel weggeworfen werden. Verantwortliche bei Supermärkten der Ketten Rewe, Lidl und Edeka schließen sich an: Nicht mehr verzehrfähige Ware muss nach Vorschrift entsorgt werden, alles andere geht an die Tafel. Deren Mitarbeiter holen überschüssige Lebensmittel mehrmals pro Woche ab, geben sie an Bedürftige aus. „Zu viel gibt es nicht. Wir haben noch nie irgendwo etwas stehen lassen“, erklärt Kerstin Grambow, die sich bei der Tafel engagiert. „Wir können natürlich nur das mitnehmen, was der Sponsor uns zur Verfügung stellt. Normalerweise dürften die Leute, die containern, nichts mehr im Müll finden.“

Das Duo Pannenbäcker und Schulz glaubt dagegen: „Lebensmittel werden weiterhin weggeschmissen.“ Als Berater für landwirtschaftliche Betriebe hat Pannenbäcker täglich mit der aufwendigen Produktion von Lebensmitteln zu tun, und es lässt ihn immer wieder ungläubig zurück, große Mengen davon in Abfalltonnen wiederzufinden. Deutschlandweit landen jährlich rund 550 000 Tonnen Lebensmittel aus dem Handel im Müll. „Wir wollen in Lüneburg eine Lösung für das Problem finden“, sagt Pannenbäcker.

In einem offenen Brief an die Biomarktkette fordern die Männer auf, noch genießbare Lebensmittel, die nicht an gemeinnützige Organisationen wie die Tafel abgegeben werden können, für Privatpersonen zugänglich zu machen. Darin schreiben sie: „Durch kritische Nachfrage fanden wir Anfang dieses Jahres heraus, dass Sie aus ästhetischen Gründen und wegen Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums noch genießbare Lebensmittel wegwerfen. Wir hatten keine Möglichkeit, diese Lebensmittel käuflich zu erwerben oder direkt vom Markt abzunehmen. Aus diesem Grund begannen wir, diese weggeworfenen Lebensmittel zu retten.“ Der offene Brief soll ein Anfang sein. Mit einer Petition wollen Schulz und Pannenbäcker alle Lüneburger Einzelhändler auffordern, nicht abgenommene Lebensmittel für Privatpersonen zugänglich zu machen.

Die selbsternannten Lebensmittelretter verweisen auf Projekte in Hamburg oder Berlin, wo es bereits Kooperationen mit Supermärkten gibt. Ehrenamtliche Helfer holen am Abend alles ab, was von Mitarbeitern der Tafel und anderen Einrichtungen nicht mitgenommen wird, und verteilen es per Losverfahren an Interessierte. Dabei handelt es sich vielfach um bedürftige Menschen, aber nicht nur.

Auch Schulz und Pannenbäcker sind nicht darauf angewiesen, Lebensmittel aus dem Müll zu fischen. „Wenn sie an Bedürftige gehen, umso besser“, sagt Schulz. Hauptsache, die Sachen würden nicht weggeschmissen. Die Angst, dass dadurch Nachfrage verloren gehe, sei jedoch größer, vermutet der BWL-Student. Mit einer Petition wollen er und Pannenbäcker ein Umdenken bei den Händlern bewirken. „Ich glaube, Unternehmen könnten auch ein positives Zeichen damit setzen, wenn sie die entsprechenden Lebensmittel rausgeben und von dem Imagegewinn profitieren“, meint Schulz.

Um sich zum Thema auszutauschen, laden die Initiatoren der Lüneburger Lebensmittelretter-Initiative (www.lebensmittelretter-lueneburg.de) für Donnerstag, 5. Dezember, 19 Uhr, in die „Mondbasis“, Lünertorstraße 20, ein.

VIDEO:

Screenshot lebensmittel

 

One comment

  1. Ich glaube in good old Germany gibt es genug Armut die sich dadurch etwas verringen liese.
    Liebe Lebensmittelkonzerne Ich möchte nicht das lebensmittel in die Tonne kommen. Eure ewigen Ausreden warum das doch gemacht werden muss, sind Kinderk…, eure Anwälte könne es sicher so formilieren das ihr immer auf der sicheren Seite steht. Ich könnte mir auch vorstellen einen z.B. Aldi DANKE Tag einzuführen. Überledgt doch mal was da an positve Werbung reingeht ich denke eure Werbefuzzis könnten dadurch euren Umsatzstärksten Tag machen. Denkt doch einfach etwas weiter, weniger Hunger und doch mehr Umsatz ihr könntet Helden sein.