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Dr. Antje-Fee Köllermann, Kunsthistorikerin im Forschungsteam der "Goldenen Tafel", beim Lüneburger Vortrag. Foto: t&w
Dr. Antje-Fee Köllermann, Kunsthistorikerin im Forschungsteam der "Goldenen Tafel", beim Lüneburger Vortrag. Foto: t&w

Der Weg führt nach Lübeck

oc Lüneburg. Wenn man den Begriff „Goldene Tafel“ googelt, dann führt Wikipedia, das größte Lexikon aller Zeiten im allwissenden Netz, den Leser zu einem prachtvollen Altaraufsatz nach Minden bzw. Berlin. Die Mindener Goldene Tafel, einst prächtiger Schmuck des Mindener Doms, befindet sich heute im Bode-Museum Berlin. So geht das mit den Schätzen der kleineren Städte; die Mindener hatten ihr gutes Stück selbst verscherbelt.

Der allererste Eintrag, den das Internet bietet, weist den Weg nach Lüneburg und Hannover. Die Goldene Tafel aus St. Michaelis Lüneburg bzw. das, was im Wesentlichen von ihr blieb, befindet sich heute im Landesmuseum Hannover und wird zurzeit auf Herz und Nieren untersucht. Den Stand der auf vier Jahre angelegten interdisziplinären Forschung stellte jetzt Dr. Antje-Fee Köllermann vor, sie ist für den Bereich Kunstgeschichte/Geschichte zuständig.

Als „Goldene Tafel“ bezeichnet wird der vor rund 600 Jahren geschaffene hölzerne Hochaltar der früheren Benediktinerklosterkirche mitsamt seinem älteren kostbaren Reliquienschrein. Die Goldene Tafel wurde, kaum errichtet, schnell berühmt und lockte immer wieder schlimme Finger: Zweimal im 17. Jahrhundert kamen Kirchenräuber.

Vor allem die Geschichte des raffinierten Nickel List, der sich 1698 zum Raub als Adliger tarnte, lieferte Stoff zur historischen und belletristischen Verwertung. List hat in Celle am „23. Mai 1699 seinen Lohn empfangen, da er von unten auf mit 8 Schlägen zerschmettert, ihm noch lebend, der Kopf mit dem Beil abgehauen, selbigen auf den Pfahl genagelt, der tote Körper aber auf einem Scheiterhaufen zu Pulver verbrennet worden“ – so steht’s jedenfalls auf einer Schandsäule in Beutha im Erzgebirge, wo List lange gelebt hatte.

Die Lüneburg-Beute blieb verschwunden. Das in Goldblech geschlagene Relief des (2,31 x 3,70 Meter) großen Reliquienschreins samt sagenhaftem Schatz hatte der Goldenen Tafel den Namen gegeben. Die erhaltenen beiden Altarflügel kamen nach Hannover, nachdem sie im Rahmen der Umgestaltung der Kirche 1796 verkauft wurden. Das, was heute im Landesmuseum Hannover bewahrt wird, hat es aber in sich: Das aufklappbare Hochaltarretabel gilt als herausragendes Beispiel für die Kunst der Spätgotik im deutschen Norden. „Die Skulpturen gehören zum Schönsten, was die Zeit hervorgebracht hat“, sagt Dr. Köllermann.

Über die Entstehung der Goldenen Tafel gibt es mehr Mutmaßungen als Wissen. Kurz gefragt: Wer hat wo wann was wie gemacht – und warum? Fragen gibt es reichlich, Spekulationen ebenso. Den Forschern helfen keine schriftlichen Quellen, weder zur Entstehungsgeschichte noch zu den Meistern, die sie nun einmal waren, die Schreiner, Schnitzer und Maler. Sie müssen wegen der dichten Verzahnung von Schnitzwerk und Schreingestaltung lange Zeit eng zusammengearbeitet haben, wie die Referentin aufzeigte.

Zur nun laufenden Untersuchung steuert die Volkswagenstiftung 540 000 Euro bei, zu den weiteren Förderern zählt die Klosterkammer Hannover. In einer einsehbaren Werkstatt werden im Landesmuseum Hannover alle denkbaren, das Werk nicht beschädigenden Analyse- und Bildgebungsverfahren eingesetzt, von der Stereomikroskopie bis zur digitalen Infrarot-Reflektografie, von Pigmentanalysen bis zu dendrochronologischen Untersuchungen.

Dr. Köllermann konzentrierte sich auf die Frage der Werkstatt bzw. Werkstätten und führte ihre Zuhörer von Lüneburg nach Lübeck, zu den – nicht neuen – Verbindungen zum Lübecker Marien-Retabel. Konkret verwies die Referentin, um ein Beispiel zu nennen, auf die bei beiden Werken ungewöhnliche Art der Einspannung der Holzskulpturen. Die Figuren zeigen auf der Standseite die gleichen kleinen und sonst nicht gebräuchlichen Muster von Löchern, die zur Befestigung der Figuren dienten. Dr. Köllermann wies zudem auf charakteristische, andernorts nicht zu findende Ähnlichkeiten der Figuren auf beiden Kunstwerken hin, etwa auf das Schlüsselbund, das Petrus mit sich trägt.

Möglicherweise habe es sich um eine Art Wanderwerkstätten gehandelt, die von Auftrag zu Auftrag zogen. „Es wird weitere Erkenntnisse geben“, sagte die Kunsthistorikerin. Die Ergebnisse werden in ein Kolloquium und eine Sonderausstellung im Landesmuseum Hannover münden. Das dürfte im Jahr 2016 der Fall sein.

Veranstaltet wurde der Abend in der Unterkirche von St. Michaelis von der Kirchengemeinde, für die Pastor Olaf Ideker-Harr begrüßte, und vom Ortskuratorium der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, für das Dr. Paul-Georg Lankisch Klingelbeutel durch die Reihen schickte.