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Zimmerer Lennart Thiel kritisiert zwar die "viel zu theoretische" Meisterausbildung, braucht den Brief aber für seine Selbstständigkeit. Im nächsten Jahr will er sogar einen Gesellen einstellen und einen Auszubildenden aufnehmen. Foto: t&w
Zimmerer Lennart Thiel kritisiert zwar die "viel zu theoretische" Meisterausbildung, braucht den Brief aber für seine Selbstständigkeit. Im nächsten Jahr will er sogar einen Gesellen einstellen und einen Auszubildenden aufnehmen. Foto: t&w

Weniger auf dem Meisterweg

us Lüneburg. „Zu theoretisch, zu wenig Praxisbezug.“ Lennart Thiel hatte sich von seiner Meisterausbildung mehr erhofft. Zehn Monate lang büffelte er von Montag bis Freitag im Technologiezentrum an der Dahlenburger Landstraße, wo die Handwerkskammer (HWK) Braunschweig-Lüneburg-Stade Meister ausbildet. Rund 8000 Euro hat er dafür auf den Tisch legen müssen. Die Investition sei dennoch gut angelegt, sagt der 28-Jährige, denn verzichten würde er nicht auf den Brief, der ihm im Juli 2012 überreicht wurde. „Den Meister brauche ich, um das anbieten zu können, was ich jetzt machen will“, sagt Thiel. Jetzt, damit meint er seine Selbstständigkeit, und die ist ohne Meisterbrief nicht möglich – zumindest nicht in seinem Beruf.

Lennart Thiel ist einer von 486 Absolventen, die im Bereich der hiesigen Handwerkskammer im vergangenen Jahr ihren Meister gemacht haben, 2546 waren es in ganz Niedersachsen. Noch immer gilt dieser Abschluss als höchstes Qualitätsmerkmal im Handwerk, bestätigt Frank Twele, Geschäftsbereichsleiter der HWK Braunschweig-Lüneburg-Stade und zuständig für Meisterprüfungen.

Doch den Sprung vom Gesellen zum Meister wagen längst nicht mehr so viele wie noch 2004. Damals wurde im Zuge der Reform des Handwerksrechts die Meisterpflicht für 53 Gewerbe abgeschafft. Seitdem brauchen zum Beispiel Gebäudereiniger, Vergolder und Lichtreklamehersteller, aber auch Geigenbauer, Fliesenleger und Schuhmacher diesen Abschluss nicht mehr, um in die Selbstständigkeit starten und Lehrlinge ausbilden zu können. Inzwischen ist die Meisterpflicht nur noch für 41 von 127 Handwerken vorgeschrieben, darunter Friseure, Tischler, Klempner, Glaser – und eben Zimmerer wie Lennart Thiel. Sie zählen zu den vollhandwerklichen Berufen, die 86 anderen zu den handwerksähnlichen.

Die Politik hatte sich von der Umstellung vor allem eine Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der betroffenen Gewerke sowie „Impulse zur Sicherung der Beschäftigung und Ausbildung“ erhofft, wie es damals in der Begründung zur Novellierung der Handwerksordnung hieß. Seitdem ist die Zahl der Unternehmensgründungen auch gestiegen, doch der große Schub auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt blieb weitgehend aus. Denn nicht selten ist in den neu entstandenen Betrieben nur einer angestellt: der Chef persönlich, und der muss auch nicht immer die Ausbildung zum Gesellen haben. Auch das ist seit der Neuregelung nicht mehr vorgeschrieben.

Frank Twele kennt die Situation und spricht von einer „Dequalifizierungsspirale“, die durch die Neuregelung ausgelöst worden sei. „Mit dem Wegfall der Meisterpflicht haben sich einige Unternehmen insgesamt vom Thema Ausbildung verabschiedet. Denn sie bieten in aller Regel nicht das an, was man sich von ihnen erhofft hat, nämlich die Einstellung von Lehrlingen.“

Die Quittung für die Reform der Handwerksordnung zeigt sich aber auch in einem weiteren Bereich. Jahr für Jahr sank die Zahl der abgelegten Meisterprüfungen, 2009 war der Tiefpunkt erreicht. Nur noch 2219 Meistertitel wurden in dem Jahr von den Kammern in Niedersachsen vergeben, 1995 waren es noch 5800. Inzwischen ist die Zahl der Meisterwilligen zwar wieder gestiegen und hat fast das Niveau von 2003 wieder erreicht, von den Spitzenwerten früherer Zeiten aber ist man immer noch weit entfernt.

Die Handwerkskammern haben inzwischen auf diese Entwicklung reagiert, auch mit Blick auf die Probleme, die durch die demografische Entwicklung und den damit verbundenen Fachkräftemangel auf die Handwerksbetriebe zukommen. Um den Meistertitel, ein Relikt aus uralten Zeiten, wieder attraktiver zu machen, wurde der Zugang zur Prüfung vereinfacht, die „Pflichtgesellenjahre“ sind entfallen. Heute kann jeder frisch gebackene Geselle sofort mit der Meisterprüfung weitermachen. Es gibt durchaus Absolventen mit Anfang 20, die meisten sind aber 25 bis 35 Jahre alt.

Hinzu kommt, dass seit 2012 der Meistertitel mit dem Abschluss eines Bachelorstudiums auf einer Stufe steht. Für Frank Twele ein bildungspolitischer Erfolg: „Damit hat jeder die Chance zum Aufstieg – über den akademischen Weg genauso wie über den Weg der beruflichen Bildung.“ Und auch ans notwendige Kapital können Existenzgründer jetzt leichter kommen: Das Land Niedersachsen und die NBank haben einen Gründerfonds aufgelegt, den „Mikrostarter“, mit dem Darlehen bis zu 30 000 Euro auch ohne Eigenkapital möglich sind – vorausgesetzt, die Geschäftsidee überzeugt.

Ganz ohne Fremdfinanzierung ging es auch bei Lennart Thiel nicht, der gerade seine neue Werkstatt in Sülbeck bei Neetze einrichtet. Dort arbeitet er in einer 350 Quadratmeter großen ehemaligen Scheune, die er selbst restauriert hat. Für 2014 ist Verstärkung geplant: Im April kommt ein Geselle, der zurzeit für den Meister büffelt, im August der erste Lehrling.