Dienstag , 27. September 2016
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Rüdiger Nehberg (l.) im Gespräch mit Nils Sommer von der Schülervertretung der Herderschule. Sie spendete 4745 Euro für sein Projekt Target, das gegen Genitalverstümmelung kämpft. Foto: t & w
Rüdiger Nehberg (l.) im Gespräch mit Nils Sommer von der Schülervertretung der Herderschule. Sie spendete 4745 Euro für sein Projekt Target, das gegen Genitalverstümmelung kämpft. Foto: t & w

„Zerstört an Körper und Seele“

us Lüneburg. Tiefe Betroffenheit, sprachloses Entsetzen und auch Hoffnung – die Gefühle und Empfindungen unter den rund 500 Herderschülern waren spürbar, als Rüdiger Nehberg in der Aula der Schule bei seinem Thema angekommen war: der Kampf gegen die weibliche Genitalverstümmelung. „Täglich werden 8000 Mädchen ihrer Genitalien und Würde beraubt, weltweit sind davon 150 Millionen Frauen betroffen.“ Die Zahlen allein schon ließen viele Schülerinnen und Schüler in der vollbesetzten Aula verstummen. Doch die Bilder, die Nehberg, bekannter Survival-Experte und inzwischen selbsterklärter Menschenrechtler, bei seinem Diavortrag dann zeigte und die andeuteten, welche Verletzungen der Eingriff an Körper und Seele der jungen Mädchen hinterlässt, schockierten dann doch und lösten im Saal auch manche Träne.

Rüdiger Nehberg weiß um die Wirkung der Bilder, und er weiß, dass er ohne sie nicht wichtige Schritte zu dem erreicht hätte, wovon er vor Jahren noch träumte: der Verstümmelungspraxis ein Ende zu setzen. „Ohne Bilder wird es geleugnet,“ sagt Nehberg. Ihm und seiner Frau gelang es, das in 35 Ländern verbreitete Ritual auch fotografisch zu dokumentieren. „Der Raub der Klitoris ist noch die mildeste Form der Verstümmelung, die schlimmste die pharaonische.“ Viele verbluteten, die seelischen Folgen seien unermesslich, „es gibt Mädchen, die haben seitdem nie wieder gesprochen“. Die Bilder von den qualvollen Beschneidungen waren es dann auch, die dazu führten, dass höchste Islam-Repräsentanten im November 2006 die Genitalverstümmelung zu einem „strafbaren Verbrechen, das gegen höchste Werte des Islam verstößt“, und damit zur Sünde erklärten. Zwar seien auch christliche Frauen von Verstümmelung betroffen, „doch 90 Prozent der Opfer sind Muslima“, so Nehberg.

Vor dreizehn Jahren startete er sein Projekt „Target“, seine „eigene Menschenrechtsorganisation, um von Bedenkenträgern frei zu sein“, wie er sagt. Seitdem hat er erreicht, dass in Ägypten, Syrien und Katar Fatwas, religiöse Gesetze, gegen die Verstümmelung erlassen wurden – „ein erster Schritt“, wie Nehberg sagt. Jetzt sei Aufklärung wichtig, „denn viele glauben immer noch, dass sie im Sinne ihrer Religion handeln, doch in den heiligen Schriften steht nichts davon“.

Rüdiger Nehberg war nach Lüneburg gekommen, um eine 4745-Euro-Spende entgegenzunehmen, ein Betrag, der beim Sponsorenlauf der Herderschüler im Mai zusammengekommen war (LZ berichtete). „Diese Spende bringt uns einen Riesenschub vorwärts“, sagte Rüdiger Nehberg, er war sichtlich dankbar.