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Dr. med. Jörn Ole Vollert lauscht dem Herzrhythmus, den Saxophonist Vladimir Karparov spielt. Vollert ist für die Gesamtleitung des Projekts Apollon verantwortlich, steuerte wie Musiker und Arrangeur Karparov auch einige Kompositionen bei. Foto: nh
Dr. med. Jörn Ole Vollert lauscht dem Herzrhythmus, den Saxophonist Vladimir Karparov spielt. Vollert ist für die Gesamtleitung des Projekts Apollon verantwortlich, steuerte wie Musiker und Arrangeur Karparov auch einige Kompositionen bei. Foto: nh

Herr Doktor spielt den Herzrhythmus

rast Lüneburg. Nachts um 4 fliegt der Rettungshubschrauber vier Schwerverletzte ein, die Beatmungsmaschine hält den im künstlichen Koma liegenden Patienten am Leben, ein Asthmaanfall mit einer drohenden Erstickung geht in kontrolliertes Atmen über – Szenen aus der Notaufnahme eines Krankenhauses. Und Geräusche und Bilder, die jetzt in einem ehrgeizigen Projekt umgesetzt wurden. Gerade erlebten die Notaufnahmegeschichten des „Projekts Apollon“ vor 700 Besuchern im CCH in Hamburg ihre Welturaufführung mit großem Orchester: Die 50 Musiker des Metropole Orkest aus dem niederländischen Hilversum, das schon mit Superstars wie Shirley Bassey und Céline Dion auftrat, spielte unter Leitung von Jörg Achim Keller, Chefdirigent der NDR Big Band, Stücke wie „Diarrhoe“, „Herzinfarkt“ und „Alkohol-Intoxikation“, die verknüpft wurden durch Geschichten über die Ärztin Esmeralda, die der Schauspieler Günter Barton vortrug. Ein ehrgeiziges Projekt, hinter dem ein Mann steckt, der Anfang der 90er-Jahre unter dem Pseudonym Ole Boston zu den Stars der Lüneburger Musikszene zählte: Dr. med. Jörn Ole Vollert.

Der gebürtige Scharnebecker, professioneller Grenzgänger zwischen Musik und Medizin, spielt nun erneut den Herzrhythmus. Innovativ zeigte sich der heute 46-Jährige schon als Komponist und Keyboarder Ole Boston, als er verschiedenste Musikstile verschmelzen ließ, etwa Pop mit Fusion. Sein Song „Leviathan“ erschien 1994 auf dem Sampler „Wunder Wildnis“ neben Titeln etwa von Eric Clapton und Vangelis. Doch dann traf er eine Entscheidung, die seine Musikkarriere unterbrach: „Ich zog nach Berlin, machte meinen Doktor der Humanmedizin – natürlich übers Thema Musiktherapie. Später wirkte ich als Arzt an der Berliner Charité. Dort mache ich heute noch ein bisschen Lehre, betreue einige Doktoranden, die ihre Promotionen beenden.“ Das Geld in die Haushaltskasse fließt heute vorwiegend durch seinen Hauptberuf als Medical Director eines Unternehmens, das diagnostische Bluttests unter anderem für Herzerkrankungen herstellt.

Den Anstoß für das Projekt Apollon gab Dr. Barbara Hogan, Chefärztin der Zentralen Notaufnahme an der Asklepios Klinik Hamburg: „Sie fragte, ob ich einen Dirigenten kenne, der auf einem Kongress in einem Vortrag die Führung eines Orchesters mit der Führung einer Notaufnahme vergleichen kann. Meine spontane Antwort: ,Nimm doch gleich ein ganzes Orchester. Wir könnten ja dazu auch ein paar Krankheiten vertonen.'“ So wurde die Idee weitergesponnen. Die Gesamtleitung übernahm Dr. Vollert – von Ausarbeitung über künstlerische Leitung bis hin zur Realisierung und der CD-Produktion im Studio. Die Scheibe „Projekt Apollon – Notaufnahmegeschichten“ ist jetzt erschienen, sie ist zunächst nur über www.projekt-apollon.de zu haben.

Die Musik begleitet den Herrn Doktor schon immer. Nach seiner Ausbildung zum Arzt nahm er sich eine Auszeit, lebte anderthalb Jahre in New York: „Da hatte ich mein eigenes Tonstudio, produzierte illustre Leute.“ Zurück in Berlin, nahm er seine Grundlagenforschung in der Musiktherapie auf, war als Notarzt bei Großveranstaltungen wie der Love Parade oder Kelly-Family-Konzerten dabei. Und er hatte sein eigenes Berliner Studio „SiBo Music“, produzierte Jazz-Rock-Songs, legte einen Nana-Remix auf und brachte den HSV-Song „Zurück bleibt nur das Mutterschiff“ von Gunter Gabriel auf den Markt. Vor 13 Jahren gründete er die Firma „JOV medical & music“, die unter anderem bei Bertelsmann unter dem Motto „Einklang med“ eine Serie zur Musiktherapie herausgab und sich nun ums Projekt Apollon kümmert, über das er stolz sagt: „Apollon erzählt von der Notaufnahme, von den vielen ängstlichen Momenten der Patienten, den stressigen Situationen der Ärzte, aber auch vom beruhigenden Gefühl, die richtige Diagnose gestellt und Leben gerettet zu haben.“

Dr. Jörn Ole Vollert ist seit sieben Jahren verheiratet, lebt mit seiner Frau („einer wunderbaren und wunderhübschen Bulgarin“) und seiner ein Jahr und vier Monate alten Tochter Bo Marlen in Berlin, ist aber oft in Lüneburg und Scharnebeck: „Meine Mutter und meine Geschwister leben ja noch dort.“ Und da gibt’s noch einen Grund für die Besuche: „Meine Tochter Baro Vicenta Ra aus einer Beziehung aus meiner Heimat wohnt in Adendorf, ist 16 und macht nächstes Jahr ihr Abitur – wie ich – in Scharnebeck.“