Donnerstag , 29. September 2016
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Hans H. Kloodt erfreut sich an Stickereien wie dieser, die für
hohe Handwerkskunst stehen.  Sie zieren einen handgewebten Stoffballen, aus dem ein Kimono gefertigt werden könnte. Fotos: t & w
Hans H. Kloodt erfreut sich an Stickereien wie dieser, die für hohe Handwerkskunst stehen. Sie zieren einen handgewebten Stoffballen, aus dem ein Kimono gefertigt werden könnte. Fotos: t & w

Der Mann mit den 600 Kimonos

as Lüneburg. Als der Bardowicker Tischlermeister und Restaurator Hans H. Kloodt vor zwölf Jahren bei einem Chinesen in Hamburg einen japanischen Kimono-Schrank entdeckte, war es um ihn geschehen. „Die japanische Möbelkunst ist edel und handwerklich hochwertig“, schwärmt er. Kloodt wollte mehr davon, fand im Internet herrliche Stücke. Doch Transport und Zoll machten das Ganze zu teuer. Bei der Internetrecherche stieß er dann auf etwas anderes: handgewebte, handgefärbte und handgenähte Kimonos. „Das hat mich total fasziniert.“ Inzwischen hat er 600 dieser traditionellen japanischen Kleidungsstücke gesammelt. „Es ist ein bisschen wie eine Sucht.“

Direkt neben seiner Werkstatt hat Kloodt einen Raum, wo er seine Schätze verwahrt. Dicht an dicht hängen Kimonos in Schränken und präsentieren sich auf Schaufensterpuppen. Auf Tischen stapeln sich reich bestickte Obi aus Seide – das sind Gürtel, die zum Kimono angelegt werden. Und Stoffballen aus feinster Seide oder Woll-Seide-Gemisch türmen sich in Fächern. Die Sammelleidenschaft des 66-Jährigen hat mit einem Teil begonnen, das er für 99 Cent im Internet erwarb. Zuerst hätten ihn nur Aussehen und Farbe fasziniert, sagt er. Doch ziemlich schnell erkannte er, mit welch hoher Handwerkskunst und aufwendiger Technik besonders Kimonos aus dem vergangenen Jahrhundert hergestellt wurden. „Sie zeigen, mit wie viel Herzblut und Können gearbeitet wurde und wird.“ Das hat seinen Preis: Mehrere tausend Euro kann so ein Stück dann schon kosten.

In Japan werden Kimonos bevorzugt nur noch zu besonderen Anlässen getragen, bei der jungen Generation seien sie nicht mehr so angesagt, weiß Kloodt. Das habe zeitweise zum Preisverfall geführt. Für den Bardowicker vielleicht ein Glück, weil er dadurch manch Schnäppchen erwerben konnte. Er selber präferiert es, nicht nur morgens beim Frühstück in eins seiner Lieblingsteile gewandet zu sein. Er trägt sie auch beim Besuch der Oper oder im Theater. Die Außenseite des Kimonos für Männer ist schwarz, die Innenseite hingegen reich mit Malereien und Stickereien verziert. Darüber trägt Mann einen Haori, einen kurzen Kimono, eine Art Jackett – natürlich mit der schwarzen Seite nach außen. „In Japan gilt das als Understatement.“ Doch Kloodt schätzt, wie gesagt, das Schöne, das Kunstvolle. Bei einer Aufführung der „Zauberflöte“ auf japanisch im Hamburger Thalia-Theater habe er deshalb natürlich die Innenseite nach außen getragen. „Ein Affront für Japaner“, sagt er leicht kokett. Einer habe leicht verkrampft gesagt: „Schön“ – und das natürlich nicht so gemeint.

Frauen durften bis 1920 nur lange Kimonos tragen, die jedoch von beiden Seiten bestickt waren, berichtet Kloodt und präsentiert einen solchen, dessen unteren Teil Kranich-Szenen schmücken. Dann angelt er eine kurze, knallbunte Frauenrobe aus einem Schrank. „Von 1920, für damalige Zeiten provokativ.“ Kloodt schätzt das Stück besonders, weil der Seidenstoff in traditioneller Shibori-Technik hergestellt wurde. Dabei wird der Stoff durch aufwendiges Abbinden – ähnlich wie beim Batiken – gestaltet. Bei jungen Japanerinnen sei es inzwischen „hipp“, diese wertvollen Roben in Kombi mit Jeans zu tragen, berichtet Kloodt.

Hergestellt werden die traditionellen japanischen Gewänder aus einem einzigen Ballen Stoff. Diese haben festgelegte Ausmaße, „die Stickereien sind immer an der richtigen Stelle. Da die Ballen eine Breite von 38 Zentimetern haben, haben alle Kimonos eine Mittelnaht“, erläutert Kloodt. Die Unterseite der Ärmel der weiblichen Gewänder ist immer geöffnet, „sodass sie als Tasche genutzt werden können“. Und noch eine Besonderheit mit Blick zurück: Verheiratete Frauen durften kurze Ärmel tragen, „junge Frauen hingegen nur lange Ärmel“. Dadurch schwinge die Robe stärker und verleihe mehr Sex-Appeal, sieht Kloodt dahinter die Absicht.

Wenn der Bardowicker die Stoffballen aus den Regalen zieht, übers handgewebte Material streicht, Malereien und Stickereien erläutert, dann spürt man seine Freude am Handwerk. „Aus diesem Woll-Seide-Gemisch hat sich eine Hamburgerin einen Anzug anfertigen lassen. Es war ein Traum, ich hätte fast geweint.“ Dass er sich inzwischen von Stoffen und einzelnen Teilen trennt beziehungsweise sie verkauft, habe auch mit seinem Alter zu tun. „Aber es müssen Menschen sein, die das Handwerk schätzen und die Kunst dahinter erkennen.“ Wenn dann ein Obi als Tischläufer einen Kunden erfreut oder die Innenseite eines Kimonos gleich einem Gemälde eine Wand dekoriert, dann weiß der Bardowicker seine Schätze wertschätzend angenommen.

Kloodt ist auch einer der 16 Aussteller bei „Kunsthandwerk Handwerkskunst“ im Kloster Lüne, die Veranstaltung ist am Sonnabend, 7. Dezember, von 10 bis 18 Uhr, und am Sonntag, 8. Dezember, von 11 bis 17 Uhr geöffnet.

 

Ein Video über den Kimono-Sammler finden Sie auch unter www.lzplay.de

Screenshot - kimono