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Ein Bagger trägt das Gebäude am Stint ab, in dem am Montag das Feuer ausgebrochen war. Von der WG-Wohnung der Studenten über der Pizzeria ist schon nichts mehr geblieben. Foto: be
Ein Bagger trägt das Gebäude am Stint ab, in dem am Montag das Feuer ausgebrochen war. Von der WG-Wohnung der Studenten über der Pizzeria ist schon nichts mehr geblieben. Foto: be

Über Nacht fast alles verloren

ahe Lüneburg. Am Tag danach realisiert Adrian Hoffmann langsam das Ausmaß der Tragödie. „Die alte Fliegerjacke, ein Erbstück von meinem Opa, – weg. Die Trompete, die mir mein Vater zum 18. Geburtstag geschenkt hat – weg. Sowas gibt einem keiner wieder“, sagt der 27-Jährige spürbar bewegt. 24 Stunden zuvor hat er fast alles verloren. Die Wohnung, die für ihn und seine vier Mitbewohner in den vergangenen Monaten zum Lebensmittelpunkt geworden war, ist in Flammen aufgegangen. Eine Tasche, sein Laptop, eine Kamera und eine Jacke – mehr konnte er nicht retten, als er in aller Früh ins Freie eilte. Dass er selbst bei dem Feuer am Stint unversehrt geblieben ist, hat er vor allem seiner Mitbewohnerin Marthe Kroll zu verdanken. Sie hat ihn geweckt: „Sie hat mir vielleicht das Leben gerettet.“

Die Nacht zu Montag endete früh für Marthe Kroll. „Ich bin durch einen lauten Knall wach geworden. Es klang, als ob jemand etwas Schweres aus dem Fenster wirft“, erzählt die Studentin. Dann hörte sie, dass jemand an der Wohnungstür klingelte und schrie. Sie verließ ihr Schlafzimmer, bemerkte den Qualm, der schon in die Wohngemeinschaft über der Pizzeria Trattoria gedrungen war, und lief erst ins Zimmer ihrer Mitbewohnerin Elisa Bracht, als die nicht da war, weiter zu Adrian. „Der hatte noch gar nichts mitbekommen und schlief noch fest“, berichtet die junge Frau. Auch sie schnappte sich noch ein paar Sachen, ihr Netbook, Unterlagen für die Uni, und rannte mit ihrem Mitbewohner ins Freie. „Erst da ist uns das Ausmaß einigermaßen bewusst geworden“, erzählt sie. „Aber dass es so schlimm werden würde, haben wir auch da noch nicht gedacht.“

Fast alles verloren haben die Studenten (v.l.) Elisa Bracht, Adrian Hoffmann, Lola Stegen, Marthe Kroll und Moritz Reinbach. Foto: ahe
Fast alles verloren haben die Studenten (v.l.) Elisa Bracht, Adrian Hoffmann, Lola Stegen, Marthe Kroll und Moritz Reinbach. Foto: ahe

Eine Stunde lang beobachteten Marthe und Adrian, wie das Haus, in dem sie sich so wohlgefühlt hatten, niederbrannte – mit all ihrem Besitz, mit all den liebgewonnenen Erinnerungen. „Da hat uns keiner gefragt, wie es uns geht, kein Seelsorger und kein Rettungssanitäter. Nur ein Polizist hat meine Personalien aufgenommen“, erzählt der Lehramtsstudent etwas verbittert. Seine Mitbewohnerin Lola Stegen erfuhr vom Verlust ihres Hab und Gut im Flugzeug. „Ich war auf dem Rückflug aus dem Urlaub in Alicante. Über W-LAN habe ich im Internet gelesen, wie eine Freundin bei Facebook fragte, ob es am Stint noch brennt. Ich bin dann sofort auf die LZ-Seite und auf die Seite des NDR – da wusste ich, es ist unser Haus“, sagt sie. Moritz Reinbach war in Hamburg, als er vom Feuer hörte, Elisa Bracht bei ihren Eltern in Halle, als sie über SMS und Facebook vom Unglück erfuhr. Sie konnten nichts retten, haben alles verloren. „Ich bin im Kopf die Inventarliste meines Zimmers durchgegangen, das war schon eklig“, erzählt Moritz. „Aber am wichtigsten ist, dass keinem was passiert ist“, findet Lola.

Alle Fünf sind vorübergehend bei Freunden oder Verwandten untergekommen, alle Fünf sind am Tag danach im Café Anna Arthur, um sich mit ein paar Kleidungsstücken, die Lüneburger gespendet haben, zu versorgen. Von der Anteilnahme, der Welle der Hilfsbereitschaft sind sie überwältigt: „Das hat mich enorm geflasht“, sagt Adrian. „Und das baut einen in so einer Situation auch wieder auf.“ Der Gute Nachbar, die Hilfsaktion der LZ und der Wohlfahrtsverbände, zahlte jedem 250 Euro Soforthilfe für das Allernötigste. Selbst Möbel würden zur Verfügung gestellt. „Aber die können wir jetzt noch gar nicht annehmen, wir wüssten ja gar nicht, wohin damit“, sagt Elisa.

Wie es für sie weitergeht, wissen die fünf Studenten der Leuphana noch nicht. „Es sieht so aus, als ob wir uns bis Weihnachten erstmal so durchschlagen müssen“, meint Adrian. Am liebsten würde das Quintett zusammenbleiben, irgendwo wieder eine WG gründen. Wenn sie etwas fänden, das ähnlich „schön, zentral und verhältnismäßig günstig“ ist wie ihre abgebrannte Wohnung, „das wäre das schönste Geschenk“, meint Marthe.

Wer der WG helfen möchte, erreicht Sie am besten per E-Mail, die Adresse: moritz_reinbach@hotmail.com

2 Kommentare

  1. Es ist unfassbar was da passiert ist . Aber bei den Artikeln fehlt oft das Schicksal von Huw Hamilton und den anderen Bewohnern.Huw hat nicht nur seinen Irish Pub verloren.Er hat auch im Haus gewohnt..Er hat alles verloren……Die Roten Rosen jammern.Die haben ein Archiv.Das haben die Bewohner leider nicht.

  2. Liebe Polizei Lüneburg, seht euch nochmal das Interview auf LZPlay mit dem Wirt der Trattoria an! Ein Mitarbeiter war also zufällig um 3.45 Uhr an einem Montag Morgen in der Nähe des Restaurants, in dem es eine Gasexplosion gab! Also dieser Umstand ist es zumindest wert mal ganz genau nachzufragen, was dieser Mitarbeiter um diese Uhrzeit dort verloren hatte!!