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Den Gaststudenten David Lau, Ana Carolina Maia, René Baotista, Halie Mosher und Cody O'Brosky raubte das Feuer ihre Unterkunft. Sie fühlen sich in Lüneburg dennoch gut aufgehoben. Foto: t&w
Den Gaststudenten David Lau, Ana Carolina Maia, René Baotista, Halie Mosher und Cody O'Brosky raubte das Feuer ihre Unterkunft. Sie fühlen sich in Lüneburg dennoch gut aufgehoben. Foto: t&w

Ein glückliches Missverständnis

mm Lüneburg. Sie saßen im Hotel Bergström, sahen aus unmittelbarer Nähe, wie die Flammen in ihren Wohnungen im ersten und obersten Stockwerk wüteten. Das war am Montagmorgen, wenige Stunden nachdem am Stintmarkt das Feuer ausgebrochen war. „So einen Brand habe ich noch nie hautnah miterlebt. Und ausgerechnet hier passiert es“, berichtet David Lau aus Peru, der mit Ana Carolina Maia aus Brasilien auf der obersten Etage des abgebrannten Lösecke-Hauses in einer Wohngemeinschaft lebte.

Zwei Etagen tiefer wohnte René Baotista aus Mexiko. Seine Mitbewohner, die US-Amerikanerin Halie Mosher und ihr Freund Cody O’Brosky, nächtigten bei ihrer Gastfamilie in Oedeme, als das Feuer ausbrach. Eigentlich hätte es ihre erste Nacht im neuen Heim werden sollen. Der Plan war, zum 1. Dezember die Wohnung zu beziehen, die Hausverwaltung war vom 1. Januar ausgegangen. „Ein glückliches Missverständnis“, wie Halie jetzt weiß. Das Nötigste haben sie und Cordy behalten, Laptop, Personalausweise, Visum und 500 Dollar von Halie sind futsch. Denn wie es der Zufall wollte, befanden sich ihre Unterlagen samt Reservegeld schon im neuen Heim.

Die Geldsorgen der Studenten konnten fürs Erste gelindert werden – mit einer Sofortspende von je 250 Euro vom Guten Nachbarn, der Hilfsaktion von LZ und den freien Wohlfahrtsverbänden. „23 Bewohnern haben wir so schon unter die Arme gegriffen“, berichtet Jürgen Enke von der Arbeiterwohlfahrt. Das Geld können die Studenten gut gebrauchen. Für neue Lehrbücher, Klamotten oder auch einen Laptop.

René war wie seine Kommilitonen ganz hin und weg vor lauter Spendenbereitschaft. Ihm war es noch gelungen, einige elektronische Geräte, die er auf die Schnelle packen konnte, vor den Flammen in Sicherheit zu bringen. Er hofft, dass er in den Trümmern noch weitere Gegenstände wiederfindet. Ersatzklamotten bekamen die Studenten vom DRK gespendet. „Uns geht es eigentlich gut“, erzählen sie. Und: „Ich fühle mich als richtiger Teil der Lüneburger Gemeinschaft“, verdeutlicht Halie, die nun mit Cordy wieder bei ihrer Gastfamilie wohnt. René und David haben zusammen in Häcklingen bei einer Familie Unterschlupf gefunden, Ana Carolina im Campus-Wohnheim an der Uelzener Straße. Die Unterkünfte vermittelte das International Office der Leuphana Universität.

Das Team um Koordinatorin Claudia Wölk lässt die Studenten nicht im Stich, hilft beim Beantragen neuer Visa und versucht, ihnen zukommen zu lassen, was sie noch dringend benötigen. „Es ist schön zu sehen, wie Leute, die helfen wollen, mobilisiert werden“, schildert Wölk. Die Mobilisierung funktioniert auch an der Uni. „Tutoren, die in unserem Buddy-Programm die ausländischen Studenten betreuen, haben sich sofort erkundigt, was sie tun können, und stellten gleich Übernachtungsmöglichkeiten in Aussicht“, berichtet Wölk. Aus der Reihe der Programmdirektoren und Professoren kam das Angebot, einen Laptop zu spenden.

Wichtig sei bei allem, dass es Leute gibt, die sich in den Muttersprachen Englisch und Spanisch mit den Studenten über ihre Gemütslage austauschen könnten, betont Wölk. Sie selber verstehen die Situation auch als Chance, ihre Deutschkenntnisse zu verbessern. „Wir waren jetzt öfter gezwungen, Deutsch zu sprechen. Das hilft beim Lernen der Sprache“, sagt Halie. Auf die Frage, ob in dieser Woche eigentlich an Uni zu denken sei, entgegen die Fünf: „An was denn sonst?“ Dennoch sei es schwierig, sich jetzt auf den Lernstoff zu konzentrieren: „Am Montag wusste ich gar nicht, was ich machen soll“, erläutert David. Doch irgendwie muss es jetzt weitergehen – und „rumsitzen und ausharren führt ja zu nichts“, stellt Halie fest.