Dienstag , 27. September 2016
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Lisa-Marie Wienecke (r.) berichtet den anderen Schülern über Megafon von den Ergebnissen des Gesprächs mit der Landesschulbehörde. Fotos: t&w
Lisa-Marie Wienecke (r.) berichtet den anderen Schülern über Megafon von den Ergebnissen des Gesprächs mit der Landesschulbehörde. Fotos: t&w

„Schule ist keine Komödie“

ahe Lüneburg. Das Fazit von Sandra Neuner fällt zwiespältig aus: „Es waren nicht die richtigen Ansprechpartner, die können eh nichts ändern. Aber tat gut, mal Dampf abzulassen. Ich denke, es ist angekommen, was wir wollen“, bilanziert die Gymnasiastin der Wilhelm-Raabe-Schule. Sie zählte zu den Schülervertretern, die im Gespräch mit zwei Dezernenten der Landesschulbehörde die Position derjenigen Schüler vertreten und erklären durften, die gestern in Lüneburg auf die Straße gingen, weil ihre Lehrer künftig mehr arbeiten sollen.

Die Schülervertretungen des Gymnasiums Oedeme und der Wilhelm-Raabe-Schule hatten die Demonstration organisiert. Daran beteiligten sich nach Schätzungen der Polizei rund 1250 Schüler beider Schulen. In zwei großen Gruppen zogen sie von ihren jeweiligen Schulen durch die Innenstadt zur Landesschulbehörde. „Wir wollen keine gestressten Lehrer“ stand auf einem Plakat, auf einem anderen in Anlehnung an einen aktuellen Kinofilm „Fack Ju Göthe – Schule ist keine Komödie“ oder auch „Das sage ich meiner Mami, die wählt Euch dann nicht mehr“.

Die Landesregierung will bekanntlich, dass Lehrer an den Gymnasien künftig eine Stunde pro Woche mehr unterrichten. Außerdem möchte sie alle älteren Pädagogen weniger als noch vor der Wahl versprochen durch Unterrichtsbefreiung entlasten. Für viele Lehrer ist es der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Sie fühlen sich als Leidtragende einer ganzen Reihe von schulpolitischen Entscheidungen in den vergangenen Jahren. Die Personalräte der Lüneburger Gymnasien haben den hiesigen Abgeordneten der rot-grünen Landesregierung eine Resolution übergeben, in der sie unter anderem fordern, die Erhöhung nicht durchzusetzen.

Viele Schüler wollen ihre Lehrer im Protest unterstützen. Sie fürchten, dass sie die Leidtragenden sein werden. Schließlich hatten die Pädagogen angekündigt, dass sie im Fall der Mehrarbeit ihr Engagement, das über die reine Dienstverpflichtung hinausgeht, einschränken, zum Beispiel Klassenfahrten gestrichen werden könnten. Natalie Glodzer aus der 6e der Raabe-Schule demonstriert, „weil ich auch weiter Klassenfahrten machen will“. Ihre Klassenkameradin Neele Winkelmann hält es für „ungerecht, dass die Lehrer mehr arbeiten sollen, ohne dass sie dafür auch mehr Geld bekommen“.

Dass nicht wenige die Ankündigung der Lehrer auch als Drohung verstehen und kritisieren, sie würden die Kinder, weil Lehrer als Beamte selbst nicht demonstrieren dürfen, quasi instrumentalisieren, wollen die Schüler so nicht stehen lassen. Ihr Protest sei aus eigenem Antrieb zustande gekommen. Maximilian David vom Gymnasium Oedeme verdeutlicht: „Die Lehrer haben immer weniger Zeit für die Vor- und Nachbereitung der Stunden, das geht zulasten der Unterrichtsqualität. Und sie haben immer weniger Zeit für Beratungsgespräche mit uns.“

Raabe-Schüler Max Schlademann sagt: „Man findet auch kaum noch Lehrer, die sich für eine Projektwoche engagieren. Wir haben den Eindruck, es wird immer nur an den Gymnasien gespart.“ Lisa-Marie Wienecke vom Gymnasium Oedeme sagt: „Egal in welcher Form die Lehrer auf die Mehrarbeit reagieren, es würde auf unserem Rücken ausgetragen. Entweder fallen Klassen- und Studienfahrten weg, das halte ich für pädagogisch unsinnig. Oder es würde eine Klausur weniger geschrieben, das wäre auch nicht gut, weil wir uns eh schon schlechter aufs Abitur vorbereitet fühlen als frühere Schülerjahrgänge.“

Dieses „Angebot“ der Landesregierung, als Gegenleistung für die Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung eine Klausur zu streichen, empfindet Dieter Stephan, Direktor des Gymnasiums Oedeme, als faulen Kompromiss. „,Und ich finde es beachtlich, dass unsere Schüler das genauso sehen und gut, dass sie es von sich aus thematisieren.“ Der Schulleiter hält jedoch auch nichts von der Ankündigung, Klassenfahrten zu streichen. „Man kann keinen Lehrer dazu verdammen. Aber es wäre auch ein Akt der Selbstbestrafung, denn jeder engagierte Lehrer macht solche Klassen- und Studienfahrten auch aus pädagogischer Leidenschaft.“

Ob und wie seine Schüler für die Teilnahme an der Demonstration Sanktionen fürchten müssen, ist noch unklar: „Da steht die Schulpflicht gegen das Recht auf freie Meinungsäußerung. Wir werden besprechen, wie wir damit umgehen.“ Seine Kollegin Christina Hartmann von der Raabe-Schule will sich zunächst einen Überblick darüber verschaffen, wie viele Schüler gefehlt haben und dann entscheiden. Auf den Vorschlag Stephans, „am Nachmittag zu demonstrieren, auch wegen der höheren Glaubwürdigkeit, sind die Schüler leider nicht eingegangen.“ Die Lehrer haben an beiden Gymnasien übrigens auch gestern Morgen das gemacht, wofür sie bezahlt werden: Sie haben unterrichtet – zumindest all jene Schüler, die dageblieben sind.