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Am Liebesgrund findet sich ein Rest der alten Stadtbefestigung, die Mauern sind Jahrhunderte alt. Vor rund 100 Jahren ließ die Stadt einen Durchbruch in den Wall graben und legte eine Brücke an zur Garlopstraße. Foto: t & w
Am Liebesgrund findet sich ein Rest der alten Stadtbefestigung, die Mauern sind Jahrhunderte alt. Vor rund 100 Jahren ließ die Stadt einen Durchbruch in den Wall graben und legte eine Brücke an zur Garlopstraße. Foto: t & w

Verschwundene Schönheiten

ca Lüneburg. Praktisch mag es sein, doch schön und harmonisch? Die beiden Attribute fallen vermutlich nur wenigen ein, wenn sie auf das C A-Haus an der Glockenstraße blicken. Vier Jahrzehnte ist es her, dass neben dem Glockenhaus das große Bekleidungsgeschäft entstand. Damals war dort der städtische Bauhof zu Hause. Eine mächtige Kastanie musste ebenso fallen wie jahrhundertealte Häuser. Die Stadt hatte das Areal verkauft und grünes Licht für den Abbruch gegeben. Heute würde sie es vermutlich nicht mehr tun. Eine Erinnerung an das mittelalterliche Ensemble findet sich im aktuellen Heft des Arbeitskreises Lüneburger Altstadt (ALA). Die „Aufrisse“ gehen wieder einmal einem verlorenen Stück Lüneburg nach.

Ein bisschen liest sich das Heft wie eine große Traueranzeige. So viel Zeitgeist, der Schmarren ins Antlitz der Stadt riss: Beispiele sind der Kaufhaus-Komplex zwischen Grapengießer- und Heiligengeiststraße, für den der Braunschweiger Investor Bruno Schintzel in den 80ern Häuser und Gärten verschwinden ließ, und der nach dem Auszug des Bekleidungshauses P C langweilig vor sich hindämmert, sowie ein Gebäude an der Ludwigstraße, das nach Lüneburgs erster Hausbesetzung in den 80er-Jahren fiel, lediglich der Keller blieb erhalten und wurde restauriert. Das elegante Kreuzrippengewölbe nutzt heute die Modefirma Roy Robson.

ALA-Chef Curt Pomp und seine Ko-Autoren haben die Schuldigen in gewohnter Form schnell benannt, eine ignorante Bauverwaltung und Politik, die es zuließ, dass die Bagger rollten, um vermeintlich Schöneres zu schaffen. Diese Philosophie ist so neu allerdings nicht. Denn das Heft erzählt auch vom Durchbruch im alten Wall am Liebesgrund. Dort liegt kein altes Stadttor, wie viele meinen. Vor einem Jahrhundert entstand ein Tunnel samt Brücke zur gegenüberliegenden Garlopstraße. Auch dies, so meint der ALA, sei ein Frevel, da die charakteristische alte Stadtbefestigung zerstört worden sei.

Bei so vielen, oft berechtigten Vorwürfen fragt sich der Leser allerdings manchmal, ob sich nicht einmal ein Artikel lohnen würde, der das Umdenken in den vergangenen Jahrzehnten beschreibt. Nicht nur ALA-Mitglieder restaurierten Häuser liebevoll, auch andere haben Zeit und Geld in eher verfallen wirkende Bauten investiert, um die alte Anmut wieder sichtbar zu machen – Lüneburg lockt Besucher eben wegen seiner Architektur an. In diesen Tagen wird die Denkmalpflege von weniger wohlmeinenden Bauherren oft kritisiert, weil sie so pingelig sei, von anderen hingegen gelobt, da sie wertvolle Tipps bei der Restaurierung alter Häuser gebe.

Auch Praktisches findet sich in der neuen Broschüre, etwa Tipps von Dr. Klaus Püttmann, dem Lüneburger Vertreter des Landesamtes für Denkmalpflege, zur energetischen Sanierung eines geschützten Hauses. Ein Beitrag von Stadtführer Andreas Rönnau leuchtet die Zeit der französischen Besatzung und deren Ende vor 200 Jahren aus.

Das Heft ist erhältlich im ALA-Büro, Zugang an der Neuen Straße, Tel.: 26 77 27.