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In seiner Zeit als Kreisarchäologe hat Dietmar Gehrke (r.) schon viel erlebt, dieser Moment war auch für ihn eine Premiere: 55 Jahre, nachdem der britische Offizier Major Toots Williams das Steinbeil aus einem Grabhügel in der Lüneburger Heide mit nach England genommen hatte, brachte es jetzt sein Sohn Peter Williams zurück nach Lüneburg. Foto: t & w
In seiner Zeit als Kreisarchäologe hat Dietmar Gehrke (r.) schon viel erlebt, dieser Moment war auch für ihn eine Premiere: 55 Jahre, nachdem der britische Offizier Major Toots Williams das Steinbeil aus einem Grabhügel in der Lüneburger Heide mit nach England genommen hatte, brachte es jetzt sein Sohn Peter Williams zurück nach Lüneburg. Foto: t & w

Steinzeit-Souvenir aus Kaltem Krieg

off Lüneburg. 1958, irgendwo in der Lüneburger Heide. Der britische Offizier Major Toots Williams steckt mit seiner Truppe mitten in einer militärischen Übung, als die Soldaten der „Duke of Cornwall’s Light Infantry“ auf einen Hügel stoßen. Williams befiehlt seinen Leuten, dort einen Kommandostand zu errichten – und trifft kurz darauf eine Entscheidung, die seinen Sohn Peter 55 Jahre später mit schuldbewusster Miene ins Lüneburger Fürstentum-Museum führen wird. Der Offizier nimmt das Steinbeil, das seine Soldaten in dem Hügel finden, mit nach England, legt es in eine braune Schachtel und hütet es wie einen Schatz. Bis er im April 2012 stirbt.

55 Jahre später, in der Eingangshalle des Fürstentum-Museums, mittags zehn vor zwölf. Kreisarchäologe Dietmar Gehrke hat sich in Hemd und Jackett geschmissen, „ausnahmsweise“, sagt er, „immerhin kommt ein General zu Besuch“. Wenige Minuten später ist es dann so weit, Peter Williams öffnet die Tür und vor Dietmar Gehrke steht ein britischer Offizier, so akkurat, wie man ihn sich vorstellt: Makellos gebügelte Hose passend zum dunkelblauen Zweireiher mit Gold-Knöpfen, blauer V-Ausschnitt-Pullover, Karo-Hemd, Krawatte und perfekt frisierter Schnurrbart. In der Hand eine verblichene braune Schachtel. Die Beute seines Vaters.

Dass britische Soldaten während des Kalten Krieges Funde aus Grabhügeln der Region mit nach England genommen haben, war kein Einzelfall. „Das kam schon mal vor“, sagt Gehrke. „Wobei die meisten Hügelgräber der Region zerstört wurden, als man Mitte des 19. Jahrhunderts alles urbar machte, was möglich war.“ Peter Williams ist die Aktion seines Vaters trotzdem „fürchterlich peinlich“. Das sagt er bei seinem Besuch gleich mehrmals – mit einem Augenzwinkern.

Williams Vater, Major Toots Williams, hingegen nahm das Ganze offenbar gelassener. „Immer wenn man in sein Arbeitszimmer kam, hat er sein Steinbeil ganz stolz gezeigt“, erzählt Sohn Peter, „und wenn wir gesagt haben, wie fürchterlich das ist, hat er abgewunken und gesagt, er habe den Soldaten, der es gefunden hat, schließlich bezahlt dafür.“ Mit 20 Schilling oder umgerechnet zur damaligen Zeit 11,20 Mark.

Wie viel das Steinbeil in Euro und Cent tatsächlich wert ist, spielt für den Kreisarchäologen keine Rolle. „Der Fund ist etwa 2200 Jahre alt und ein Relikt aus der späten Steinzeit“, sagt Gehrke, „ein Beil, von dem wir im Museum einige haben.“ Trotzdem kann dieser Fund für die Wissenschaft wichtig werden, „vor allem weil Major Williams damals die Fundumstände des Beils akribisch notiert hat“, sagt Gehrke.

Auf einem verblichenen, fleckigen Zettel ist zu lesen, dass das Beil in einer Steinkiste lag neben den Überresten des Verstorbenen in einer Tonschale. Die verbliebenen Knochen bettete Williams 1958 um in eine Frühstücksbox der britischen Armee und ließ sie im Hügelgrab, die zerbrochene Tonschale übergab er dem Britischen Museum. Nur das Beil, das dem Verstorbenen zur Verteidigung im Jenseits mit ins Grab gelegt wurde, behielt der Major für sich. Bis zu seinem Tod 2012. „Danach stand für uns fest, dass wir das Beil bei der nächsten Deutschlandreise zurück nach Lüneburg bringen“, sagt Peter Williams. Jetzt war es so weit – und der Brite setzte seinen Vorsatz um. Für den Kreisarchäologen eine Premiere. „Denn auch wenn der ein oder andere archäologische Fund von britischen Soldaten mitgenommen wurde, zurückgebracht hat sie mir bis jetzt noch nie jemand“, sagt Gehrke, „eine tolle Geste.“

Bodenfunde sind nach dem niedersächsischen Denkmalschutzgesetz bei der Bodendenkmalpflege zu melden.

Klassische Hügelgräber finden sich unter anderem in der Oldendorfer Totenstatt.