Donnerstag , 29. September 2016
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So sieht einer der beiden alten Eisenbahnwaggons aus, die im kommenden Jahr in einem Sozialprojekt restauriert werden. Er soll an das Schicksal von getöteten KZ-Häftlingen erinnern. Foto: nh/teuschmann
So sieht einer der beiden alten Eisenbahnwaggons aus, die im kommenden Jahr in einem Sozialprojekt restauriert werden. Er soll an das Schicksal von getöteten KZ-Häftlingen erinnern. Foto: nh/teuschmann

Die Lüneburger Tragödie

rast Lüneburg. Auf dem Weg vom KZ-Außenlager Wilhelmshaven zum KZ Neuengamme wurde am 7. April 1945 nach fünf Tagen Fahrt ein sogenannter Evakuierungstransport am Bahnhof Lüneburg von amerikanischen Bomben getroffen. Viele Häftlinge starben, viele weitere wurden von den Nazis im Bereich des Bahnhofs ermordet, 60 bis 80 Gefangene nach Bergen-Belsen verbracht. Bislang erinnert ein Gedenkstein im Tiergarten an den Massenmord. Künftig soll es eine zweite Stätte geben, die an die 256 KZ-Häftlinge erinnert, die am Ende des Zweiten Weltkriegs in Lüneburg starben – ein museal zu nutzender Waggon soll auf einem Gleisbett im Wandrahmpark vor dem neuen Museum Platz finden. Ermöglicht wird das ehrgeizige Projekt durch den EU-Sozialfonds, einer Kofinanzierung durch das Jobcenter und die Stadt.

Das Berufshilfeprojekt mit der Aufarbeitung zweier alter Eisenbahnwaggons startet am 1. April 2014, läuft über ein Jahr und verfolgt laut Projektleiter Michael Raykowski von job.sozial das vorrangige Ziel, Menschen in Ausbildung und Arbeit zu bringen: „Wie es beispielsweise bereits bei unseren Projekten mit dem Ewer und dem Prahm im alten Hafen gelungen ist.“ Einen Zweitnutzen sieht er für die Region – das gefällt Dr. Heike Düselder, Chefin des Museums: „Es bietet die Möglichkeit einer Ergänzung der Darstellung der NS-Zeit in Lüneburg, die bislang im Museum nicht dokumentiert ist.“ Aus dem Projekt könne eine Kooperation mit der Geschichtswerkstatt entstehen, die das Konzept zusammen mit dem Museum erstellt hat. Karl Hellmann von der Geschichtswerkstatt sagt: „Der Waggon wird begehbar sein, Zutritt gibt es aber nur mit kundigen Führern. Vieles aus den 1930er-Jahren kann auch im Museum selbst ausgestellt werden.“

Der Waggon gehört der Geschichtswerkstatt und steht in Amelinghausen. Einen zweiten Wagen, der ebenfalls über dieses Projekt aufgearbeitet wird, besitzt die Arbeitsgemeinschaft Verkehrsfreunde Lüneburg (AVL), deren Chef Hans Dierken sagt: „Er soll später als Fahrradanhänger für den Zug von Lüneburg nach Bleckede dienen.“ Er ist dankbar für das Projekt: „Die AVL hätte den Waggon alleine nicht fertigstellen können.“ Der Wagen stamme aus der Zeit zwischen 1910 und 1927: „Damit wurden Güter transportiert, es wurden 120 000 Exemplare gebaut, die europaweit eingesetzt wurden.“

Sven Schönewerk von der Gesellschaft Awocado, die vor acht Jahren zusammen mit der neuen arbeit GmbH das Unternehmen job.sozial gründete, sieht vor allem neue berufliche Perspektiven für die bis zu 40 Teilnehmer.

Michael Elsner von der neuen arbeit beziffert die Kosten für das Vorhaben mit 230 000 Euro, die vor allem für Personalkosten benötigt und in diesem Fall aus dem EU-Sozialfonds über die NBank des Landes Niedersachsen abgedeckt werden. Hinzu kommen Materialkosten von rund 30 000 Euro, die finanzieren Hansestadt und Sparkassenstiftung. Kulturreferent Jürgen Landmann ist voll des Lobes für das unter der Schirmherrschaft von Oberbürgermeister Ulrich Mädge stehende Projekt: „Die finanzielle Unterstützung ist eine Anerkennung der vorbildlichen Arbeit aller Kooperationspartner.“