Mittwoch , 28. September 2016
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Ob Michaeliskirche oder St. Johannis, Wasserturm oder Rathaus -- Reinhard Kernchen baut die bekanntesten Lüneburger Bauwerke als Miniaturausgaben nach. Foto: t&w
Ob Michaeliskirche oder St. Johannis, Wasserturm oder Rathaus -- Reinhard Kernchen baut die bekanntesten Lüneburger Bauwerke als Miniaturausgaben nach. Foto: t&w

Der Mann, der ganz Lüneburg erstrahlen lässt

ahe Lüneburg. Die Johanniskirche, der Alte Kran, die Kneipenmeile am Stint, die Michaeliskirche, das prachtvolle IHK-Gebäude, der Wasserturm und natürlich das Rathaus: Lüneburgs Schönheiten passen allesamt in ein Zimmer. Und wenn all die Sehenswürdigkeiten in Miniaturformat und aus Holz sind, passt sogar noch der Pariser Eiffelturm daneben. Reinhard Kernchen hat all die bekannten Bauwerke mit eigenen Händen geschaffen. Der Lüneburger Hobby-Bastler fertigt quasi Lichterbögen für Lokalpatrioten an.

Wer Kernchen besuchen will, hat es gerade jetzt in der Weihnachtszeit nicht allzu schwer. Ähnlich wie der Stern den Heiligen Drei Königen einst in der biblischen Weihnachtsgeschichte den Weg zum Stall von Bethlehem wies, ist es im Fall Kernchen der Lichterschein, der aus seinem Wohnzimmer heraus die Hermann-Löns-Straße im Stadtteil Moorfeld erstrahlen lässt und Passanten in der Dunkelheit weithin sichtbar signalisiert: Hier wohnt einer, der sein Handwerk versteht.

Kernchen hat als Schlosser bei Pumpen Loewe gearbeitet, war auch als Wagenmeister und für eine Versicherung tätig. Mit Holz hatte er in seiner beruflichen Laufbahn eher wenig zu tun. ,,Das handwerkliche Geschick habe ich wohl von meinem Vater und meinem Großvater geerbt, die waren beide Brunnenbauer“, erzählt er. Kernchen ,,junior“, inzwischen 73 Jahre alt, baut zwar keine Brunnen, aber dafür Wassertürme, Rathäuser und Kirchen. Als er Rentner wurde, habe ihm seine Frau in einer Zeitschrift eine Winterlandschaft aus Holz gezeigt und angedeutet: Die würde sich doch auch gut im heimischen Wohnzimmerfenster machen. Der Lüneburger griff zur Laubsäge und legte los. ,,Das hat so viel Spaß gemacht, dass ich dabeigeblieben bin.“

Heute ist kein einziges Fens“ter der Wohnung mehr ohne beleuchtetes Lüneburg-Motiv, die Anbauwand im Wohnzimmer ziert eine komplette Waldlandschaft, in seinem Büro hat der Rentner einen ganzen Tisch voller strahlender Lüneburger Baukunst. Seine Frau Christel ist mächtig stolz auf ihren begabten Gatten. Dass er sich fast jeden Tag über mehrere Stunden in seine Werkstatt zurückzieht, nimmt sie mit Humor: ,,Wissen Sie, wenn ich meinen Mann mal sehen will, gehe ich einfach in den Keller.“ Nur die Sonnabende sind tabu: ,,Da gucken wir immer zusammen Fußball. Er hält zu Bayern, ich zum HSV.“ Doch während die Fußball-Leidenschaft aktuell nur einem der beiden Grund zum Jubeln gibt, machen die Kunstwerke aus Holz beiden Freude: ,,Es bereitet mir einfach Spaß, all das immerzu anzusehen“, sagt Christel Kernchen.

Längst erfreut sich nicht nur das Ehepaar allein an den Mini-Rathäusern und -kirchen, es hat sich herumgesprochen, dass da jemand geschickt mit der Säge umzugehen weiß. Kernchen baut, klebt und bastelt inzwischen im Auftrag, hat unter anderem mal den Bardowicker Dom nachgebaut. Statt einer Baumarkt-Laubsäge hat er eine elektrische Feinschnittsäge in seiner Kellerwerkstatt stehen — sein ganzer Stolz. ,,Die kostet rund 450 Euro.“ Er spannt Birkensperrholz ein und legt los. ,,Für den Wasserturm brauche ich zwei Wochen, für das Rathaus zehn, zwölf Tage“, sagt er und liefert dazu eine kleine Anekdote. ,,Meine Tochter wohnt in Hamm in Westfalen. Eines Tages hat bei ihr jemand an der Tür geklingelt und gefragt: ,Sagen Sie, ist das nicht das Lüneburger Rathaus‘ bei Ihnen im Fenster?'“

Kernchen liefert mit seiner Holzkunst ein bisschen Heimat für die Ferne, seine Miniatur-Rathäuser stehen in der Türkei, in Australien und Kanada. Als Vorlagen für all seine Lüneburg-Bauwerke dienen Fotos, die er am Computer bearbeitet, ehe er zum Bohrer greift und die Säge anwirft. ,,Das Schwerste ist, die ganzen kleinen Lichter so zu verlegen, dass man die Kabel nicht sieht, gerade beim Rathaus mit all den Fenstern“, verrät der Bastler. Einfacher war da schon seine kleine Ergänzung für den Wasserturm: ,,Da habe ich auch einen Mini-Adventskranz draufgemacht, ganz so wie beim großen“, erzählt er und lächelt.

Auch wenn die Weihnachtszeit wieder vorbei ist und die leuchtenden Kunstwerke vorerst wieder aus den Fenstern verschwinden, Kernchen hat gut zu tun. Sogar im Sommer. Da verbringt er mit seiner Frau viel Zeit im Kleingarten. Dort plätschert dann eine kleine Wassermühle. Überflüssig zu erwähnen, wer die gebaut hat.