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Das sind Sammlerstücke, preist Auktionator Burkhard Schmeer die Lego-Boxen im Glockenhaus an. Foto: t&w
Das sind Sammlerstücke, preist Auktionator Burkhard Schmeer die Lego-Boxen im Glockenhaus an. Foto: t&w

Begehrte Fehlgriffe

ahe Lüneburg. Ein Gutschein mag nicht das einfallsreichste Geschenk sein, doch wenn zumindest das Geschäft nicht völlig falsch gewählt ist, kann der Beschenkte in den allermeisten Fällen damit etwas anfangen. Aber wer braucht schon eine mausgraue Teekanne oder eine CD mit Latin Folkhits? Nicht jeder macht vor Freude Luftsprünge, wenn er eine DVD-Kollektion mit Heinz-Erhardt-Filmen oder ein Paar blaue Wollsocken auf den Gabentisch gelegt bekommt. Doch in Lüneburg sind genau diese Geschenke in diesem Jahr unterm Weihnachtsbaum gelandet – echte Fehlgriffe, fanden die Bescherten und brachten ihre Präsente jetzt mit zur 1. Nacht der langen Gesichter ins Glockenhaus, um sie schnell wieder loszuwerden.

Nacht der langen Gesichter
Malin Claussen kann mit dem Engel, den sie geschenkt bekommen hat, nichts anfangen.

Sabine Thümer-Bauereiß hat die Idee zur Veranstaltung aus ihrer Heimat Nürnberg mit nach Lüneburg gebracht und hier leicht modifiziert: Alle, die zu Weihnachten etwas geschenkt bekommen haben, mit dem sie nichts anzufangen wissen, können es bei einer Versteigerung meistbietend anbieten – vielleicht findet ja jemand anderes Verwendung für das missratene Geschenk und hat Freude daran. Auch der falsch Bescherte profitiert, statt nutzlosem Zeug in der Wohnung hat er ein paar Euro im Portemonnaie. Gleichzeitig tut er was Gutes: 20 Prozent des bei der Auktion für sein Präsent erzielten Erlöses kommt jeweils zur Hälfte der Lüneburger Kindertafel und der Stiftung Medien- und Onlinesucht zu Gute.

Für die Veranstalter – neben den beiden begünstigten Einrichtungen die Lüneburg Marketing GmbH – war die Premiere ein Wagnis. „Wir wussten ja nicht, wie viele kommen würden“, sagt Arnhild Zorr-Werner von der Stiftung Medien- und Onlinesucht. Die Erwartungen werden übertroffen, knapp 100 Weihnachts-Fehlgriffe landen ein zweites Mal auf dem Gabentisch – vom Gebäudebausatz für eine Modelleisenbahn über die chice Damenarmbanduhr bis zur Munddusche für die tägliche Zahnpflege. Ebenso finden viele potenzielle Bieter den Weg ins Glockenhaus, das somit gut gefüllt ist.

Auch Malin Claussen hat ein Geschenk mitgebracht, das bei ihr nicht so gut angekommen ist: ein goldfarbener Engel. Wer der „Übeltäter“ war, der einer 15-Jährigen damit eine Freude zu machen glaubte? Höflich zurückhaltend sagt die Jugendliche lediglich: „Verwandte, die den wohl selber schön fanden.“ Für 5 Euro Mindestgebot, so legt sie es selbst fest, soll der Engel nun andernorts einen passenden Himmel finden.

Nacht der langen Gesichter
Maler mit Musikgeschmack: Jan Baylon hat für 80 Euro ein historisches Akkordeon ersteigert.

Dabei helfen soll Burkhard Schmeer, den die Veranstalter für die nachweihnachtliche Bonusbescherung als Auktionator gewinnen konnten. Der Schauspieler preist auch die schrägsten Präsente wie einen mit Fell besetzten Radiowecker humorvoll und mit viel Liebe zum Detail an. Dass nicht alles gleich einen Abnehmer findet – zweitrangig. Das Publikum fühlt sich gut unterhalten – und das ist eines der Hauptziele des Abends. „Damit es für Sie leichter ist, haben wir die Geschenke in vier Kategorien eingeteilt: Sachen, Kram, Zeugs und Dinge“, scherzt Schmeer.

Ein Pokerkoffer findet für 12 Euro einen neuen Besitzer, ein Espressokocher mit einem Set passender Tassen geht für 7 Euro weg, denselben Preis erzielt ein Plüschbär, der seinen Kuschelpartner wechselt. Manches kommt aber auch mit bestem Zureden nicht an: Weder für den Babystrampler im Prinzessinnenlook noch für die gehäkelte Tischdecke oder das Playboy-Set mit Boxershorts und Duftwässerchen mag jemand den aufgerufenen Mindestpreis bieten. Was im ersten Durchgang nicht weggeht, bekommt eine zweite Chance. Am Ende bleiben nur zehn Geschenke übrig, für die sich trotz aller Bemühungen niemand erwärmen mag. Der Engel von Malin Claussen ist nicht dabei, er hat für 8 Euro ein neues Zuhause gefunden – und Malin spendet den Erlös komplett.

Das freut natürlich auch Arnhild Zorr-Werner, die bilanziert: „Wir sind sehr zufrieden. Für uns und für die Kindertafel hat die Auktion nach Abzug aller Kosten jeweils 187 Euro eingebracht, dazu kommen je 100 Euro aus dem Verkauf der Lose. Die Veranstaltung wird es im nächsten Jahr wieder geben, dann am 27. Dezember. Die Nacht der langen Gesichter soll zu einer festen Größe werden.“