Mittwoch , 28. September 2016
Aktuell
Home | Lokales | Lüneburg | Lüneburg hängt Hamburg ab
Studenten haben untersucht, ob man am schnellsten per Fahrrad, Auto oder Bus im Stadtverkehr unterwegs ist und dazu auch drei Städte verglichen. Fotos: t & w
Studenten haben untersucht, ob man am schnellsten per Fahrrad, Auto oder Bus im Stadtverkehr unterwegs ist und dazu auch drei Städte verglichen. Fotos: t & w

Lüneburg hängt Hamburg ab

as Lüneburg. Wer sich in der Lüneburger Innenstadt mit einem Elektrofahrrad bewegt, ist schneller unterwegs als Autofahrer. Im Vergleich dazu sind die Radverkehrsbedingungen in der Metropole Hamburg schlechter, teilweise noch ein bisschen besser als in Lüneburg ist die Situation für Radler und Pedelec-Fahrer hingegen in Göttingen. Das hat im Kern ein sogenanntes Reisezeitexperiment ergeben, das Prof. Dr. Peter Pez mit Studierenden der Leuphana umgesetzt hat.

Der Verkehrsexperte der Leuphana hat die Seminarteilnehmer zu Testfahrten beziehungsweise -gängen durch Lüneburg, Hamburg und Göttingen geschickt. Zu Fuß, per Rad, Pedelec, mit dem Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) und mit dem Auto wurden unterschiedliche Strecken zu unterschiedlichen Zeiten zurückgelegt. „Erzielt werden sollten repräsentative Reisezeitergebnisse“, sagt Prof. Pez. Daraus wurden Reisezeitdiagramme erstellt, die abbilden, in welchen Distanzen die verschiedenen Verkehrsteilnehmer am schnellsten unterwegs waren.

In Lüneburg war das Pedelec (elektrisch trittunterstützte Räder) der Testsieger bei einer Strecke bis zu 4,8 Kilometer, es ist damit innerhalb Lüneburgs in den meisten Fällen das schnellste Fortbewegungsmittel. „Sogar bei 10 Kilometer Luftlinie ist man hier in der Hauptverkehrszeit sowie auf City-Strecken noch schneller als mit dem Auto unterwegs, das aber an der Peripherie der Stadt und in Schwachverkehrszeiten besser abschneidet“, erläutert Pez.

Das Reisezeitexperiment in Hamburg ergab erstaunlicherweise: Dort hat das Auto immer noch die Nase vorn. Pez: „Eigentlich würde man denken, dass Nutzer des ÖPNV in einer solchen Metropole am schnellsten unterwegs sind, aber das ist nicht so.“ Geschuldet sei dies unter anderem den Umsteigeerfordernissen. Auch die Radverkehrsbedingungen lassen zu wünschen übrig. Das liege unter anderem daran, dass die Radwege hochbordig und viel zu eng angelegt seien und parkende Autos, Mülltonnen, Passanten darauf den Radverkehrsfluss behinderten. „Hochbordige Radwege bremsen Radfahrer und Pedelecs vielfach aus. Hamburg hängt in der Radverkehrspolitik, die zum Beispiel mehr Führung auf der Straßenfahrbahn fordert, tüchtig hinterher“, so die Einschätzung des Lüneburger Professors, der die Entwicklung in Lüneburg lobt: „Der Anfang der 90er-Jahre auf den Weg gebrachte Verkehrsentwicklungsplan hat die positive Wende eingeleitet.“

Zu den Ergebnissen des Reisezeitexperiments in Göttingen sagt er: „Die Durchlässigkeit und die damit verbundenen Reisezeiten für Rad- und Pedelec-Fahrer waren im Innenstadtverkehr im Städtevergleich die besten, außerhalb des Zentrums bremsen aber gen Osten die erheblichen Steigungen selbst die E-Radfahrer deutlich. Da ist Lüneburg besser dran.“ Allerdings könnte sich Lüneburg noch etwas von Göttingen abgucken: Radschnellwege, das sind überbreite Radwege oder Fahrradstraßen, in denen Autos zwar zulässig sind, aber Radler Vorrang haben. Weiter sei Göttingen auch bei Vorrangregelungen für Fußgänger und Radler sowie in Sachen Radverkehrsrouten, die abseits der Hauptverkehrsstraßen verlaufen. Als Beispiel für eine solche mögliche Route in Lüneburg nennt Pez den „Lückenschluss“ einer Radfahrerlaubnis in der Südhälfte des Kurparks, um über den Artur-Illies-Weg zwischen Stadtzentrum und Universität nicht nur rasch, sondern auch angenehm pendeln zu können.

Aus wissenschaftlicher Perspektive sieht Pez in den Reisezeitexperimenten ein Instrument, mit dem vergleichbare, objektive Daten zu Straßenverkehrsbedingungen erhoben werden können – „harte facts, die subjektive Einschätzungen bereichern und Städtevergleiche oder Maßnahmenevaluierungen überhaupt erst erlauben. Sie bilden deshalb eine gute Grundlage für Politik, Planung und Wissenschaft, um den Stadtverkehr umweltfreundlicher und sozialverträglicher zu gestalten“.

One comment

  1. Rüdiger Wittmund

    „Fahrradstraßen, in denen Autos zwar zulässig sind, aber Radler Vorrang haben“ sind blanker Unsinn. Wir haben in Oldenburg eine davon, hat viel Geld gekostet und wird immer dann stolz präsentiert, wenn die Stadt sich an irgendeinem Fahrradstadt- Wettbewerb beteiligt (und verliert, weil sie nichts Innovatives zu bieten hat). Es ist überhaupt kein Unterschied zu merken, Autos und LKWs nutzen diese „Fahrradstraße“ wie vorher, verursachen dort sogar Staus und haben allein durch ihre Präsenz Vorrang gegenüber den Zweirädern. Fahrräder haben dann ideale Bedingungen, wenn sie eigene Wege bekommen (wie in Groningen) und konsequent Durchfahrmöglichkeiten für sie und NICHT für PKWs und LKWs geschaffen werden. Davon gibt es ja einige in Lüneburg, man müsste sie nur besser im Bewusstsein der Autofahrer verankern, sprich die verbotene Nutzung unnachgiebiger sanktionieren.