Dienstag , 27. September 2016
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Soll die Hinrich-Wilhelm-Kopf-Straße in Kaltenmoor umbenannt werden? Die Meinungen darüber gehen auseinander. Foto: t&w
Soll die Hinrich-Wilhelm-Kopf-Straße in Kaltenmoor umbenannt werden? Die Meinungen darüber gehen auseinander. Foto: t&w

Wie belastet ist der Name?

as Lüneburg. Die Stadt wird in Februar oder März Anwohner der Hinrich-Wihelm-Kopf-Straße zu einer Versammlung einladen. Der Grund: ,,Es soll besprochen werden, ob es möglicherweise zu einer Umbennenung der Straße kommen soll oder ob das Straßenschild erhalten bleibt mit Informationen zu Hinrich Wilhelm Kopf. Danach soll das Thema im Kulturausschuss beraten werden. Geplant ist, ein Mitglied der Historischen Kommission dazu einzuladen,“ erklärt Stadtpressesprecher Daniel Steinmeier.

Die Verwaltung folgt damit einem Vorschlag der rot-grünen Mehrheitsgruppe. In Hannover haben sich dagegen jüngst alle Fraktionen im Landtag klar für eine Umbenennung des Hinrich-Wihelm-Kopf-Platzes ausgesprochen, da sich der erste niedersächsische Ministerpräsident in der NS-Zeit an jüdischem Vermögen bereichert hat. Die Landtagsfraktionen lehnen eine Historiker-Empfehlung ab. Wie berichtet, hatte die Göttinger Politologin Teresa Nentwig eine Biografie über den ersten Ministerpräsidenten Niedersachsens und SPD-Politiker vorgelegt. Darin war deutlich geworden, dass Kopf in der NS-Zeit als Miteigentümer einer Berliner Firma, die jüdisches Eigentum verkaufte, kräftig verdient habe. Daraufhin war eine Debatte ausgebrochen, ob nach Kopf benannte Straßen, Plätze und Schulen umbenannt werden sollen auch in Lüneburg. Das Landtagspräsidium hatte die Historische Kommission dann beauftragt, Nentwigs Buch auszuwerten.

Die würdigte zwar in ihren Gutachten Kopfs Verdienste als Ministerpräsident, stellt aber auch klar, dass er in der NS-Zeit „nach allen denkbaren Maßstäben als moralisch-politisch belastet zu gelten“ habe. Trotzdem lautete die Empfehlung der Kommission, die Benennung von Schulen, Plätzen und Straßen beizubehalten, sich aber einer kritischen Auseiandersetzung mit dem Verhalten Kopfs zu stellen.

Lüneburgs Oberbürgermeister Ulrich Mädge (SPD) machte Ende November deutlich, dass es seine ,,Intension“ sei, dem Vorschlag der Kommission zu folgen. An dieser Position habe sich nichts geändert, sagt Steinmeier. Die SPD-Genossen im Landtag wollen wie die anderen Fraktionen der Empfehlung der Kommission nicht folgen. ,,Wir tun uns schwer damit, wenn der Platz vor dem Landtag den Namen Kopf behält“, erklärte SPD-Chefin Johanne Modder. Eine Meinung, die die Lüneburger Landtagsabgeordnete An­drea Schröder-Ehlers teilt.

Das sagen Politiker der Ratsfraktionen

Heiko Dörbaum (SPD) und Andreas Meihsies (Grüne): Die rot-grüne Gruppe sieht es als fragwürdig an, inwieweit nach dem Untersuchungsergebnis der Historischen Kommission und der Forderung des Ältestenrates des Landtages nach Umbenennung des Hinrich-Wilhelm-Kopf-Platzes noch Straßennamen, die nach Hinrich Wilhelm Kopf benannt wurden, beibehalten werden können. Das gilt auch für die Hinrich-Wilhelm-Kopf-Straße in Lüneburg. Wir haben als Gruppe schon Anfang Dezember Oberbürgermeister Ulrich Mädge vorgeschlagen, für eine öffentliche Diskussion so vorzugehen: Einberufung eines Symposiums unter Beteiligung des Vorsitzenden der Historischen Kommission zur Erörterung der Untersuchungsergebnisse. Eine Anwohnerversammlung Hinrich-Wilhelm-Kopf-Straße sowie die Erörterung und Beschlussfassung über die weitere Verfahrensweise in den Ratsgremien.

Niels Webersinn (CDU): Die CDU sieht sich hinsichtlich ihrer Kritik an der Benennung einer Straße nach Hinrich-Wilhelm-Kopf durch die Position aller im Landtag vertretenen Parteien bestätigt: diese wollen den Hinrich-Wilhelm-Kopf-Platz vor dem Landtag umbenennen aufgrund des schuldhaften Handelns des SPD-Mitgliedes Kopfs in der NS-Zeit und des Belügens der deutschen Bevölkerung durch Ministerpräsident Kopf nach dem 2. Weltkrieg hinsichtlich seiner an Juden begangenen Verbrechen. Unverständlich für die CDU ist die Haltung der SPD zu diesem Thema: die von Frau Lotze vor einem Jahr versprochene Diskussion wurde nicht geführt. Auch SPD-Oberbürgermeister Mädge hält sich im Vergleich zu anderen Straßenumbenennungen erstaunlicherweise zurück. Herr Mädge steht hier in der Pflicht die gleiche Unterstützung den Anwohnern der bisherigen Hinrich-Wilhelm-Kopf-Straße zu gewähren, wie den Anwohnern der Landrat-Albrecht-Straße, nämlich die Übernahme aller Kosten der Umbenennung.

Birte Schellmann (FDP): Ich teile die Ansicht der Historischen Kommission uneingeschränkt. Hinrich Wilhelm Kopf hat ohne Zweifel in der Nachkriegszeit für Niedersachsen große Verdienste erworben. Dass er in der Nazizeit auch große, vorwerfbare Fehler gemacht hat, ist sicherlich ein schwerer Makel, der diese Verdienste jedoch nicht schmälert, aber den Menschen in seiner Vielschichtigkeit zeigt und zu differenzierter politischer Auseinandersetzung zwingt. Den derzeit verbreiteten Hang, alle mahnenden Erinnerungen an solche Persönlichkeiten auszulöschen und zu glauben, dass man so die Bevölkerung zu kritischer Beschäftigung mit der Vergangenheit erziehen könnte, halte ich für naiv und grundfalsch.

Torbjörn Bartels (Piraten): Ich teile die Auffassung der historischen Kommission hier nicht. Ich sehe keinerlei kritische Auseinandersetzung mit unserer Geschichte durch Beibehaltung des Straßennamens. Ein Straßenname taugt in meinen Augen nicht als Mahnmal, es ist immer eine Ehrung. Klar ist es ärgerlich, wenn eine Straße umbenannt wird, aber wir tragen doch eine gewisse Verantwortung für unsere Geschichte. Angehörigen von Opfern des Herrn Kopf oder des NS-Regimes vor Augen zu führen, dass wir Kopf mit einer Straße ehren, halte ich für nicht angebracht. Daher spreche ich mich für eine Umbenennung der Straße in einen neutralen Namen aus.

Michèl Pauly (Linke): Wir sehen die historischen Fakten über Hinrich Wilhelm Kopf als ebenso geklärt an wie im Falle Paul von Hindenburgs. Bekannterweise forderten wir mehrmals die Umbenennung der Hindenburgstraße und genauso sollte auch Hinrich Wilhelm Kopf aus dem Straßenbild verschwinden. Ein Straßenname ist immer auch eine Würdigung einer Person. Es ist davon auszugehen, dass ein Großteil aller Anwohner und Passanten nicht durch die wie auch immer geartete Form der kritischen Auseinandersetzung erreicht werden könnte. Es verbliebe eine Würdigung durch die namentliche Präsenz. Wir wollen dem Beispiel aus Hannover folgen und streben eine Umbenennung der Hinrich Wilhelm-Kopf-Straße an. Wir wisssen, dass eine Umbenennung immer auch eine Zumutung für die Anwohner ist. Es ist für die Opfer des Faschismus und für alle antifaschistisch Bewegten allerdings eine noch größere Zumutung, wenn Personen wie Hinrich Wilhelm Kopf gewürdigt werden.

One comment

  1. Volkmar Schiewe

    Frau Teresa Nentwig behauptet in Ihrem Werk über Hinni Kopf (941 Seiten) auf Seite 823:

    Mit seiner Tätigkeit „als kommissarischer Verwalter des jüdischen Gemeindevermögens“ in Czieschowa überschritt Kopf zudem eine moralische Grenze. Jüdische Gräber sind für die Ewigkeit gedacht. Durch den Verkauf der Grabsteine missachtete Kopf dieses Glaubensprinzip – allein des Profits wegen.

    Dies ist eine unfassbare Lüge, mit der sie den Landtag, die Regierung, die Parteien, die Medien und die Bürger getäuscht hat. Sie hat dadurch eine folgenschwere Befassung mit diesem „Verbrechen“ ausgelöst.

    Die Wahrheit steht auf folgender Internet-Seite: Diese Seite bitte mit dem Google-Browser aufrufen, da dieser von Polnisch auf Deutsch übersetzen kann:

    http://www.sztetl.org.pl/pl/article/cieszowa/12,cmentarze/1850,cmentarz-zydowski-w-cieszowej/

    Der Übersetzung ist zu entnehmen (im Auszug mit geringer Veränderung zum besseren Deutsch):

    Am Ende des neunzehnten Jahrhunderts, fast alle Juden verließen Cieszowa, und im Jahre 1905 in dem Dorf gab es keinen einzigen. Im Jahr 1911 aus ungeklärten Gründen wurde die Synagoge abgerissen.
    Allerdings gab es immer noch Cemetery.
    Er überlebte Weltkrieg, die Zwischenkriegszeit.

    Im Zweiten Weltkrieg entging der Friedhof in Cieszowa der Zerstörung.

    Also hat Hinrich Wilhelm Kopf, obwohl er das Amt eines kommissarischen
    Verwalters durch die Bestallung vom 4.11.1941 bis Mai 1944 ausübte
    (s. a. Seite 245/246 der Dissertation) n i c h t zu der Zerstörung beigetragen, sondern vielmehr durch sein Unterlassen Positives bewirkt.

    Er ist also nicht der „Kriegsverbrecher“ mit dem Makel einer Friedhofsschändung.