Mittwoch , 28. September 2016
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Karl-Heinz Wienke sitzt vor einem ganzen Stapel Unterlagen mit Gutachten und Bescheinigungen. Jedes Jahr muss er viel Aufwand betreiben, um seinen Führerschein behalten zu dürfen. Foto: t&w
Karl-Heinz Wienke sitzt vor einem ganzen Stapel Unterlagen mit Gutachten und Bescheinigungen. Jedes Jahr muss er viel Aufwand betreiben, um seinen Führerschein behalten zu dürfen. Foto: t&w

Wenn Bürokratie teuer wird

mm Lüneburg. Karl-Heinz Wienke hat die meiste Zeit seines Berufslebens als Fernfahrer auf der Straße verbracht, insgesamt mehr als 40 Jahre. Das hat sichgeändert. „Ich habe kein Verlangen mehr, den Job zu machen“, sagt der 63-jährige Lüneburger. Doch inzwischen muss er sogar hohe Hürden überwinden, um überhaupt mit dem Auto fahren zu dürfen. Jedes Jahr muss er ein Gutachten beim hiesigen Straßenverkehrsamt vorlegen, das ihm bescheinigt, dass er überhaupt dazu in der Lage ist, sich ans Steuer zu setzen. Grund ist seine Krankengeschichte. Doch durch seine berufliche Vergangenheit, die einen Lkw-Führerschein erforderte, wird das für ihn richtig teuer.

Der Ruheständler ist Diabetiker, hatte 2003 einen Schlaganfall. Dadurch könnte seine Fahrtauglichkeit beeinträchtigt sein, deshalb muss sie in regelmäßigen Abständen überprüft werden. So weit, so verständlich auch für den Betroffenen. Beim Straßenverkehrsamt muss Wienke einmal im Jahr ein verkehrsmedizinisches Gutachten vorlegen. Was ihn wurmt: Die Erstellung des Gutachtens sei für ihn mit hohen Kosten verbunden. Zu hohen aus seiner Sicht. „Es kostet mich zwischen 1000 und 1500 Euro.“ Für Sicherheitsprüfung, die ärztlichen Untersuchungen, die Führerscheinverlängerung.

Die Anforderungen, um seine Fahrerlaubnis zu behalten, seien deshalb so hoch, weil er eben einen Lkw-Führerschein besitze. „Ich brauche den aber gar nicht mehr“, sagt Wienke. Nur Auto fahren wolle er eben weiterhin. Doch wenn er die teuren medizinischen Gutachten für die Führerscheinklasse C nicht vorlege, dürfte Wienke auch keine Kleinwagen mehr fahren. Nach dem streng bürokratischen Motto: einmal Lkw-Führerschein, immer Lkw-Führerschein. Wienke hat sich gerade ein neues Auto gekauft. „Das brauche ich“, betont er. „Wie soll ich sonst von A nach B kommen?“

Jeden Monat geht’s für ihn zum Blutzuckertest und zur Blutdruckmessung. Sein damaliger Arbeitgeber habe ihn bei der Verkehrsbehörde gemeldet, auf die Schlaganfallproblematik hingewiesen und um eine Überprüfung der Fahrtauglichkeit gebeten. „Mein früherer Arbeitgeber machte aus einem Schlaganfall drei“, ärgert sich Wienke. Tatsächlich sei nur ein Schlaganfall bestätigt. Das geht auch aus neuorologischen Gutachten hervor, die der LZ vorliegen. Als Folge des Schlaganfalls habe er zwar hin und wieder ein lahmes linkes Bein, seine Fahrtauglichkeit sei dadurch jedoch nicht beeinträchtigt. Die Gutachten der Ärzte bestätigen dies, auch dass durch die Diabetes „keine Einschränkungen zum Führen der Fahrzeuge der Klasse CE, T (und Untergeordnete) vorliegen“. Im September legte Wienke der Straßenverkehrsbehörde das geforderte verkehrsmedizinische Gutachten vor. „Dann habe ich wenigstens ein Jahr Ruhe“, sagt Wienke. Die hohen Kosten machen es ihm dennoch schwer, ruhig zu bleiben, wenn er seinen Fall schildert.

„Bei Krankheiten wie Diabetes oder Schlaganfall ist es der Regelfall, dass die Betroffenen turnusmäßig ein verkehrsmedizinisches Gutachten vorlegen müssen, das ihnen eine Fahrtauglichkeit bescheinigt“, erklärt Frauke Noweck, Sprecherin des Landkreises Lüneburg. Für die einzelnen Führerscheinklassen seien allerdings unterschiedliche Gutachten notwendig. Ein Gutachten für die Führerscheinklasse B könne unter Umständen günstiger ausfallen als eines, das auch zum Führen von Fahrzeugen der Klasse C — also auch Lastwagen — berechtigt. Das müsse in einem persönlichen Gespräch geklärt werden. Letztlich entscheide der Verkehrsmediziner, welche Gutachtenform vonnöten sei. Im Fall Karl-Heinz Wienke bestehe wohl noch Klärungsbedarf, schätzt Frauke Noweck die Lage ein. Bei einem durchaus möglichen Verzicht auf den Führerschein zum Fahren von Lkw, den der Lüneburger auch nicht mehr haben will, könnte es für Wienke also billiger werden und sich seine verfahrene Situation endlich entspannen.

One comment

  1. „Bei Krankheiten wie Diabetes oder Schlaganfall ist es der Regelfall, dass die Betroffenen turnusmäßig ein verkehrsmedizinisches Gutachten vorlegen müssen, das ihnen eine Fahrtauglichkeit bescheinigt”, erklärt Frauke Noweck, Sprecherin des Landkreises Lüneburg.

    Habe ich das richtig verstanden und den richtigen Umkehrschluß gezogen? Jeder Diabetiker und/oder Schlaganfallpatient muß/wird dem Strassenverkehrsamt gemeldet und muß regelmäßig ein Gutachten vorlegen? Diese Meldung kann ja überwiegend nur von Ärzten kommen. Ist das dann mit der ärztlichen Schweigepflicht vereinbar? Oder geschieht es vielleicht sogar quasi hinter dem Rücken der Patienten.
    Das hätte für mich ein Geschmäckle von Teil-) Entmündigung und Brandmarkung. Und höchst ungerecht ist dabei, dass die Patienten die Gutachten offensichtlich auch noch selbst bezahlen müssen. Für Mobilität und ein Stück der Freiheit muss also bezahlt werden. Dabei hat sich kein Patient seine Erkrankung ausgesucht.

    Damit will ich nicht in Abrede stellen, dass die Vorlage bei Berufskraftfahrern im Interesse aller Verkehrsteilnehmer durchaus sinnvoll ist. Doch wenn man sich den Artikel verinnerlicht kommt man schnell zu der schon wiederholt geführten Diskussion, ob die Fahrerlaubnis grundsätzlich ab einem gewissen Alter entzogen werden sollte. Und demnächst werden vielleicht weitere Erkrankungen in den Katalog aufgenommen. Bei allen Problematiken spüre ich ein Unbehagen was die Würde des Menschen und seine Freiheit betrifft.