Donnerstag , 29. September 2016
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Der Lüneburger Fotograf Björn Schönfeld setzt auf ästhetisch schöne Fotos von Hebammen, um auf deren berufliche Probleme aufmerksam zu machen. Sein Konzept ist bislang aufgegangen. Foto: t&w
Der Lüneburger Fotograf Björn Schönfeld setzt auf ästhetisch schöne Fotos von Hebammen, um auf deren berufliche Probleme aufmerksam zu machen. Sein Konzept ist bislang aufgegangen. Foto: t&w

Die Gesichter der Hebammen

us Lüneburg. „Aktuell habe ich 102 Gesichter“, sagt Björn Schönfeld. Wie viele noch hinzukommen werden, ist ungewiss, „denn inzwischen komme ich zeitlich und finanziell an meine Grenzen“, sagt der Fotograf. An ihre finanziellen Grenzen stoßen mittlerweile auch immer mehr Hebammen. Hohe Nebenkosten, die bei der Ausübung ihres Berufs anfallen, belasten das Einkommen, das mit den steigenden Nebenkos“ten oft nicht Schritt hält. Diesen Frauen, „die ihren Beruf mit viel Herzblut ausüben“, wie Fotograf Schönfeld sagt, hat der 32-Jährige sein Projekt „Das erste Gesicht“ gewidmet und erfährt überwältigenden Zuspruch dafür.

„Täglich bekomme ich E-Mails von Hebammen, die das Projekt unterstützen wollen“, sagt Schönfeld. Mehr als 9000 „Likes“ listet seine Facebook-Seite inzwischen auf, beim Start am 17. Dezember waren es auf Anhieb 2000, ein Beitrag sei sogar von 50000 Nutzern aufgerufen worden. „Offenbar habe ich ein wichtiges Thema angesprochen“, sagt Schönfeld. Darauf gestoßen ist der 32-Jährige bei der Geburt seiner eigenen Kinder. „Wir sind mit einer Hebamme befreundet, dadurch habe ich von den Problemen erfahren.“

Die Lüneburgerin Lena Starke ist nicht nur selbst als Heb“amme tätig, als Mitglied des erweiterten Vorstands des „Hebammenverbands Niedersachsen ist sie auch bestens mit den Problemen ihrer Kolleginnen vertraut. „Die hohen Beiträge für die Berufshaftpflichtversicherung, die von den freiberuflichen Hebammen zu zahlen sind, belasten schon sehr“, sagt sie. 5090 Euro fallen dafür pro Jahr an, Tendenz steigend. Grund für die steigenden Beiträge seien die oft hohen Schadensersatzklagen, sagt Starke. „Nicht die Zahl der Klagen, aber die Höhe der Schadenssumme hat zugenommen“, sagt Starke. Natürlich sei sie froh, dass es die Versicherung gibt, anders könnte und würde sie ihren Beruf auch nicht ausüben.

Doch dass diese Kosten allein auf den Schultern der Heb“ammen lasten sollen, ist für sie nicht akzeptabel: „Warum müssen wir für Dinge zahlen, die zwischen Himmel und Erde geschehen?“ Sie fordert daher, dass dieses Thema auf die politische Ebene gebracht wird. „Ich denke an die Einrichtung eines Fonds oder ähnliches. Aber dafür brauchen wir die Unterstützung der Politik.“

Wegen der hohen finanziellen Belastungen hätten viele Hebammen das Thema Geburtshilfe bereits an den Nagel gehängt und sich anders orientiert. „Sie machen stattdessen Babyschwimmen, Schwangeren-Yoga oder eine Ausbildung in Akupunktur“, sagt Lena Starke. Doch damit verlagere sich das Problem nicht nur in die Krankenhäuser, „die Geburtshilfe insgesamt leidet, weil für die Schwangeren weniger Personal und weniger Zeit zur Verfügung steht“.

Das Projekt von Björn Schönfeld findet Lena Starke „total klasse, vor allem, weil es das Thema von dieser Seite beleuchtet und Frauen zeigt, die gebraucht werden“. Sie hofft nun, dass „Das erste Gesicht“ weiterhin viel Aufmerksamkeit erfährt und dazu beitragen wird, Lösungen in das Haftpflichtdilemma zu bringen.

Im Augenblick läuft das Projekt nahezu ausschließlich auf Facebook, parallel aber arbeitet Schönfeld an einer eigenen Internetseite, dort sind auch bereits „erste Gesichter“ eingestellt. In den nächsten Tagen sind wieder Reisen geplant, in Hamburg, Marburg, Berlin, Leipzig und Nürnberg war er bereits, um weitere „Gesichter“ einzufangen. Zu ersten Kongressen ist er auch schon eingeladen, dort soll er sein Projekt vorstellen. „Die Leute sind offenbar von der Herangehensweise begeistert“, sagt er und meint damit die Art, wie er das Problem der Hebammen präsentiert in ausdrucksstarken, schönen Porträts von Frauen, die hinter dem Hebammenberuf stehen. „Negatives haben wir schließlich genug.“