Mittwoch , 28. September 2016
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Leuphana-Honorarprofessor Richard David Precht (M.) zeigt auf, wie sich das Finanzsystem verändern könnte. Im Hintergrund zu sehen: Diskussionsparter Dr. Uwe Jean
Heuser (l.) von der "Zeit" und Moderator Prof. Dr. Christoph Jamme.  Foto: t&w
Leuphana-Honorarprofessor Richard David Precht (M.) zeigt auf, wie sich das Finanzsystem verändern könnte. Im Hintergrund zu sehen: Diskussionsparter Dr. Uwe Jean Heuser (l.) von der "Zeit" und Moderator Prof. Dr. Christoph Jamme. Foto: t&w

Ist ein Wandel des Finanzsystems möglich?

mm Lüneburg. Alle reden von Krise. Krise? Welche Krise überhaupt? Finanzkrise, Bankenkrise, europäische Staatsschuldenkrise – in den vergangenen Jahren suchten den Finanzmarkt einige Krisen heim. Nun scheint für viele die schlimmste Krisenphase vorüber, doch gab es danach eigentlich Veränderungen? Was sollte sich verändern? Ließe sich das weltweite Finanzsystem etwa auf „Reset“ setzen?

Über „Geld, Markt und Moral“ diskutierten unter Moderation von Prof. Dr. Christoph Jamme am Freitagabend an der Leuphana Universität der Philosoph und Leuphana-Honorarprofessor Dr. Richard David Precht und der Leiter des Wirtschaftsressorts der Wochenzeitung „Die Zeit“, Dr. Uwe Jean Heuser.

Kann es Veränderung geben? Bestseller-Autor Precht und Journalist Heuser kamen bei der öffentlichen Podiumsdiskussion, bei der alle Stuhl- und Gangplätze im Hörsaal belegt waren, zu einem übereinstimmenden Fazit: „Ein Wandel ist möglich. Dafür muss es aber Menschen geben, die den Mut haben, etwas Neues anzustoßen.“ Wer das sein könnte? Politiker, Journalisten oder gar Manager? „Nein“, sagt Precht. Finanzmarktregulierung wolle sich niemand „ans Bein binden“, die Politik blockiere bei diesem Thema.

Ein Wandel müsse in der Gesellschaft entfacht werden und könne nicht „von oben diktiert werden“. Precht: „Wenn zwanzig Regierungschefs an einem Tisch sitzen, wird nichts Bahnbrechendes dabei herauskommen, kein Wandel angestoßen werden. Jeder erpresst den anderen.“ Wandel sei möglich, wenn sich Menschen zusammentun, sich in sozialen Bewegungen formieren. Dabei spricht Precht von einem „Dominoeffekt“. Einer müsse anfangen, die anderen würden nachziehen. Heuser prangerte an: „Mir fehlt unternehmerischer Mut.“ Und wenn es diesen gebe, würde er zu zaghaft ins Schaufenster gestellt werden.

Mut schöpfen Unternehmer derzeit vor allem durch eine von der Europäischen Zentralbank (EZB) losgelassene Geldschwemme. Der richtige Weg? „Im Moment scheint ein Augenzwinkern von EZB-Chef Mario Draghi mehr wert zu sein als ein Gesetz von Bundeskanzlerin Angela Merkel“, verdeutlicht Heuser. Für ihn der falsche Weg. Auf dem Kapitalmarkt gäbe es bereits „eine wahnsinnige Anhäufung von Vermögen“. Das Vorgehen der EZB verstärke gierisches Verhalten, „aus Geld Geld machen“ sei einer der Hauptgründe für den Ausbruch der weltweiten Finanzkrise, erklärte Precht.

Für die Zukunft wünscht er sich „eine gemeinwohlorientierte Ökonomie“. Bisher sei das Finanzsystem „von einer scharfen Rationalität im Einzelnen und totalen Gleichgültigkeit im Ganzen geprägt“. Es müsse ein neues Bild gezeichnet werden, wie ein gutes Finanzsystem aussehen könnte.

Das war ein Appel des Honorarprofessors an die im Hörsaal anwesenden Studenten. Precht: „Wir haben immer Angst vor Neuem. Bei einer Neuordnung des Finanzsystems schwingt natürlich die Angst mit, dass es uns danach schlechter geht.“ Doch wer wisse schon, ob eine grundlegende Veränderung zu einer Verschlechterung des Ganzen führe?

3 Kommentare

  1. Eine gemeinwohlorientierte Ökonomie? Geht das gegen mich? Alice Schwarzer: In eigener Sache

    Ja, ich hatte ein Konto in der Schweiz. Ich hatte es vergessen. So etwas passiert. Mein Steuerberater hat mich daran erinnert, rechtzeitig zur Amnestie letztes Jahr. Ich weiß noch, wie er sagte: Frau Schwarzer, wenn Sie jetzt sofort zahlen, müssen Sie vielleicht nicht ins Gefängnis. Das hat mir eingeleuchtet. Wir haben einen Deal mit dem Finanzamt gemacht. Ohne Tamtam, ohne Kameras. Moralisch und ethisch war die Sache damit begraben.

    Daß jetzt so eine Sauhatz auf mich veranstaltet wird, wegen eines Vergehens, von dem ich mich längst diskret freigekauft hatte, hat vermutlich dunklere Gründe. Denn als kritische Feministin macht man sich Feinde. So wollte ich im Kachelmann-Prozeß die Unschuldsvermutung abschaffen. Denkbar, daß es vielleicht Jörg Kachelmann war, der mir heimlich nachreiste, Fotos machte, wann immer ich mit den Plastiktüten voller Geld über die grüne Grenze gelaufen bin. Das wäre nicht nur illegal, es wäre menschlich zutiefst widerlich. Ich hoffe, daß Kachelmann auch für diesen Verdacht hart bestraft wird.

    Anständige Redaktionen haben das Material des Informanten abgelehnt. Meine lieben Freunde bei der Bild-Zeitung wollten es zunächst drucken, bis ich sie, nach stundenlangem Heulen am Telefon, mit dem Versprechen locken konnte, für eine neue Kolumne betrunken durchs Bahnhofsviertel zu laufen und Prostituierte anzupöbeln. Der Spiegel war nicht so ethisch.

    Noch einmal zu den Gründen für dieses Konto: Einerseits habe ich darauf eingezahlt in einer Zeit, in der die Hatz gegen mich solche Ausmaße annahm, daß ich ernsthaft dachte, vielleicht muß ich ins Ausland gehen, mich auf einem Dachboden verstecken. Schon einmal hat man in Deutschland Jagd auf superreiche dicke Medientanten gemacht. Zum anderen wollte ich mit dem Geld eine Stiftung gründen, die mein privates Geschmarre als Forschungs- und Dokumentationsarbeit adeln sollte – aber dann stellte ich fest: Sowas habe ich ja schon, mit meinem Frauenturm in Köln. Doch auch hier zeigt sich, daß ich ausschließlich ans Gemeinwohl gedacht habe.

    Natürlich: Fehler zu machen ist falsch. Aber ich habe meinen Fehler gestern eingesehen, und heute bin ich ein besserer Mensch. Wer das nicht akzeptiert, mißhandelt und schlägt wahrscheinlich auch Frauen. Das finde ich das eigentlich Erschreckende an dieser Debatte.

  2. das Bild kennt der mann aber auch nicht. wir werden bald einer Währungsreform in´s Auge sehen müssem, während schäuble noch fleissig dabei ist uns zu erzählen, dass alle auf einem guten Weg sind. mal sehen wie die uns das auch noch als erfolg verkaufen.

  3. „Das Vorgehen der EZB verstärke gierisches Verhalten, “aus Geld Geld machen” sei einer der Hauptgründe für den Ausbruch der weltweiten Finanzkrise, erklärte Precht.“ Wie Recht er hat. Geld frist Hirn. Klingt banal, ist aber absolut zutreffend. Und Geld frist nicht nur Hirn, sondern es tötet auch jegliches soziales Verantwortungsbewußtsein. Wir leben schon seit sehr langer Zeit in einer durch das „ich denken“ betonten Gesellschaft. Beste Beispiele dafür sind die sogenannten Steuerflüchtlinge, die teils schon aufgeflogen sind, oder die dieses Schicksal noch ereilen wird.

    Unter diesen Aspekten muss man sich fragen, ob wir überhaupt noch ein Volk, eine Gemeinschaft, eine Gesellschaft sind. Ja sind wir. Jedoch nur auf das Ego beschränkt und ohne Skrupel zur Stärkung des Ego die Schwäche anderer auszunutzen. Also doch nein.

    Früher sprach man von einer sozialen Markwirtschft (Ludwig Erhardt). Da gab es aber auch noch viele Inhaber geführte Unternehmen. Heute sind nahezu alle großen Unternehmen Aktiengesellschaften, die von Managern geführt werden. Da gibt es keine sozialen Aspekte mehr. Da gibt es nur noch ein Ziel. Umsatz- und Gewinnsteigerungen zum Wohle der Aktionäre. Und für für die eigenen Boni natürlich.

    Die Finanzwirtschaft und die Unternehmen stehen seit mindestens 20 Jahren schon in einem eigenen Raum. Sie haben sich verselbstständigt und sind politisch eigentlich nicht mehr oder kaum noch kontrollierbar. Denn sie bestimmen eigentlich die Politik. Die Politiker sind dabei Marionetten wie Jim Knopf aus der Augsburger Puppenkiste. Doch wo führt das hin, wenn es nicht zeitnah gestoppt wird? Wird es nur noch Reichtum und Armut geben? Bedauerlicherweise zeichnet sich das ab. Und das widerum wird andere Probleme verstärken. Zum Beispiel Kriminalität. Aber ist nicht die Finanzwirtschaft längst kriminell?