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Mitte der 90er-Jahre riss der Boden im Kalkberggrund auf. Wasser kann nun den Gips aufquellen lassen mit Folgen für den Ochtmisser Kirchsteig. Foto: t&w
Mitte der 90er-Jahre riss der Boden im Kalkberggrund auf. Wasser kann nun den Gips aufquellen lassen mit Folgen für den Ochtmisser Kirchsteig. Foto: t&w

Unruhiger Untergrund

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Prof. Dr. Frank Sirocko sprach im Club von Lüneburg. Foto: ca

ca Lüneburg. Würde das SaLü für ein bis drei Jahre die Soleförderung einstellen, könnte die Stadt an ihren entsprechenden Messpunkten ablesen, ob die Senkungen nachlassen. Denn die Entnahme könnte zumindest einen Einfluss auf Abwärtsbewegungen haben, welche die Hansestadt beispielsweise an der Frommestraße und am Ochtmisser Kirchsteig beuteln. Der Mainzer Geologe Prof. Dr. Frank Sirocko entwarf seine Thesen am Dienstagabend als Referent beim Club von Lüneburg vor mehr als 100 Zuhörern. Neu ist das Gedankenkonstrukt des gebürtigen Lüneburgers nicht, seit 2006 verfolgt der Experte das Auf und Ab des Lüneburger Bodens.

Ein Zusammenhang zwischen Soleförderung und Senkungen ergibt sich aus der Geschichte. Als die Saline 1980 nach Jahrhunderten des Salzabbaus ihren Betrieb einstellte, dauerte es nur kurze Zeit, bis Senkungen nachließen. Das Salz war Lüneburgs Schicksal: Es hatte die Stadt reich gemacht, aber auch schwer geschädigt. Die Landeszeitung hatte in den 50er- und 60er-Jahren über Senkungskobolde geschrieben. Doch die hatten nichts Niedliches an sich: Rund 200 Häuser fielen ihnen zum Opfer, Gebäude sackten ein oder rissen auseinander. Sirocko zitierte aus Unterlagen, die ihm zugespielt worden seien: Danach hatte das Bergamt der Saline gestattet, jährlich bis zu 40 000 Kubikmeter Salz abzubauen, als Sole liegt der Wert etwa dreimal so hoch.

Doch es gibt nicht nur ein Ab, sondern auch ein Auf: Der Salzstock, der sich mit einem Durchmesser von rund einem Kilometer rund um den Kalkberg zieht, drückt sich weiter nach oben. Die gegensätzlichen Bewegungen führen zu Spannungen im Boden, die sich entladen können. So sei ein Haus an der Frommestraße 1931 nicht durch ein Nachgeben der Erde, wie viele glauben, eingestürzt, sondern quasi zusammengepresst worden.

Kirchsteig
Am Ochtmisser Kirchsteig sind die Erdbewegungen so gewaltig, dass die Straße sich verzieht. Immer wieder müssen Schäden behoben werden. Foto: A/be

Wie auch der von der Stadt beauftragte Geologe geht Sirocko nach der Auswertung von Bohrungen am Ochtmisser Kirchsteig davon aus, dass es keinen gewaltigen Hohlraum gibt, in den der Boden sackt. Der Ansatz: Versickerndes Regenwasser spült in 70, 80 Meter Tiefe Sand aus. Es bildet sich ein poröses Gebilde aus kleinen Löchern und Schnüren, das an einen Schwamm erinnert. Dieses Gebilde gibt irgendwann dem Druck von oben nach. Der „Einsturz“ könne durch einen gewaltigen Regenguss verursacht worden sein, sagte Sirocko. Er schloss aber nicht aus, dass auch der Bau des Kreisels bei Mönchsgarten eine folgenreiche Erschütterung verursacht haben könnte.

Der Kalkberg, der eigentlich ein Gipshut ist, könnte auch bei aktuellen Ereignissen eine Rolle spielen. Unten im Grund riss 1995/96 der Boden auf, Spalten ziehen sich durch das Gestein. Grund- und Oberflächenwasser treffen nun auf den Gips, der hat die Eigenschaft, in dieser Verbindung aufzuquellen auf das 1,6-Fache seiner ursprünglichen Größe. Das führt zu mächtigen Spannungen im Boden. Und die Linie, so Sirocko, weise in Richtung Ochtmisser Kirchsteig.

Frommestraße
Zwei Gebäude an der Frommestraße mussten fallen, die Stadt hielt sie für einsturzgefährdet und sah die Bewohner in Gefahr. Foto: A/be

Zurück zum SaLü. Es gibt zwei Thesen. Geologen vom Landesbergbauamt gehen davon aus, dass Regenwasser etwa vom Kreideberg versickert, die Grundwasserströme führen sozusagen rechts und links am Kalkberg vorbei in Richtung Ilmenau. Das SaLü, das laut Sirocko jährlich 2000 bis 3000 Tonnen Salz für seinen Badebetrieb abschöpft, nutzt nach Sicht der Experten nur Sole, die sowieso abläuft. Das habe kaum Auswirkungen auf den Wasserhaushalt.

Sirocko hingegen vertritt die Ansicht, dass die entnommene Menge durchaus Folgen hat nach dem Prinzip der kommunizierenden Röhren: Was hier entnommen wird, muss da aufgefüllt werden. Der Wissenschaftler betont, dass vor allem natürliche Prozesse Ursache des Phänomens sind. Menschliche Eingriffe könnten das Ganze aber verstärken in welchem Umfang, das sei Spekulation. Das könnten nur Untersuchungen ergeben und eben der Versuch, die Soleförderung einzustellen oder zu reduzieren.

Die Folgen deutete er an: Wer einen Zusammenhang herstellt, könnte versucht sein, vor Gericht klären zu lassen, ob er das Spaßbad für Senkungsschäden an seinem Haus verantwortlich machen könnte.