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Zwei Justizbedienstete führen Michel T. in Handschellen aus der JVA ausnahmsweise außenherum ins Landgericht, der zweite Angeklagte kam über eine direkte Verbindung von der JVA ins Gericht. Denn es wurde Tätertrennung angeordnet  beide belasten sich gegenseitig schwer. Foto: be
Zwei Justizbedienstete führen Michel T. in Handschellen aus der JVA ausnahmsweise außenherum ins Landgericht, der zweite Angeklagte kam über eine direkte Verbindung von der JVA ins Gericht. Denn es wurde Tätertrennung angeordnet  beide belasten sich gegenseitig schwer. Foto: be

„Aus Panik drehte ich ihr die Luft ab“

rast Lüneburg. ,,Ich spürte einen Schlag auf den Hinterkopf und wie das Blut lief. Ich ging zu Boden, war bewusstlos. Die Erinnerung kommt erst wieder, als ich nicht mehr auf dem Weg, sondern auf einem Waldboden lag und Max mich würgte. Er hörte auf, als ich mich bewusstlos stellte, ich wurde dann auch wirklich bewusstlos.“ Dass der Angriff in der Nähe des Reihersees in Brietlingen noch deutlich brutaler gewesen sein muss, wie die Verletzungen später zeigten, daran kann sich die 19-Jährige aus dem Kreis Lüneburg nicht erinnern. Wegen versuchten Mordes und versuchtem Schwangerschaftsabbruchs stehen der 23 Jahre alte Maximilian ,,Max“ D. aus Schnakenburg und der ein Jahr jüngere Michel T. aus Bleckede seit gestern vor der 4. Großen Strafkammer am Landgericht Lüneburg. Beide gestanden ihre Tatbeteiligung, belasteten sich gegenseitig schwer nur in einem Punkt waren sie sich einig: Sie hätten die Frau nicht töten wollen.

Das Opfer war im sechsten Monat von D. schwanger. Und darin sieht der Staatsanwalt das Motiv: ,,Sie hatte ihm mitgeteilt, dass sie nicht abtreiben wolle und er Unterhalt zahlen müsse. Er sah dadurch seine neue Beziehung zu einer anderen Frau und seine finanzielle Situation gefährdet.“ Mit T. habe er geplant, sie zu einem abgelegenen Ort zu locken. D. habe sie zum Reihersee gefahren, wo er T. zuvor abgesetzt habe. T. sei dem Paar entgegengekommen, an ihm vorbeigegangen, habe dann kehrt gemacht und mit dem Baseballschläger auf die Frau eingeschlagen. Weitere Schläge seien danach von beiden Angeklagten geführt worden. Laut Anklage wollte das Duo die Schwangerschaft so beenden und die Frau töten, damit sie die Täter nicht identifizieren könne.

,,Ich hatte nie die Absicht, sie zu töten, Absicht war der Schwangerschaftsabbruch“, sagte D.: ,,Meine neue Beziehung wäre beendet gewesen, wenn meine Freundin von der Schwangerschaft erfahren hätte.“ Gemeinsam mit T. habe er das Geschehen erst bei der Autofahrt zum Reihersee geplant: ,,Die Idee kam von T., dass der Schwangerschaftsabbruch mit Schlägen gegen den Bauch herbeigeführt werden könnte.“ Die Baseballkeule habe er, D., immer in seinem Kofferraum gehabt. T. habe laut Plan dem Paar auflauern und zuschlagen, dann unerkannt fliehen sollen. Dem Opfer warf D. gestern vor, es habe ihn ,,gestalkt“, mit Handynachrichten genervt. Er beteuerte: ,,Die Unterhaltsforderung war nicht so das Problem, ich hätte gezahlt.“ Die 19-Jährige, die D. im März 2013 bei einem Lagerfeuer am Inselsee in Scharnebeck kennengelernt und nur wenige Male Sex mit ihm hatte, beteuert allerdings: ,,Er sagte, er könne nichts zahlen“, daher habe er eine Abtreibung gewollt. Inzwischen hat die Frau ein gesundes Mädchen zur Welt gebracht.

D. belastete T. stark. Der habe nach dem ersten Schlag auf den Hinterkopf noch zwei oder drei Mal auf den Körper des Opfers eingeschlagen: ,,Ich war geschockt, das mit dem Kopf war nicht geplant. Sie brach zusammen. Als sie auf dem Boden liegend schrie, habe ich ihr den Mund zugedrückt. Und aus Panik drehte ich ihr die Luft ab, um sie ruhig zu stellen.“ Er habe mit beiden Händen zugedrückt, das Opfer dann zu einem kleinen Waldstück getragen, es auch einige Meter geschleift: ,,Wir legten sie dort ab, damit sie dort später gefunden werden kann.“

Die Darstellung von Michel T. löste beim Vorsitzenden Richter Franz Kompisch Verwunderung aus: ,,Herr T., soll das Ihre Einlassung sein?“ Der 22-Jährige schilderte das Geschehen so: D. klingelte ihn am Tattag aus dem Bett, habe ihm später in einem Döner-Laden erzählt, dass er eine Stalkerin hat, die ihm seine neue Beziehung kaputtmachen wolle. ,,D. hatte die Idee, ich sollte ihr Angst machen und am Reihersee mit dem Baseballschläger rumfuchteln.“ Das habe er auch getan, nachdem das Paar an ihm vorbeigegangen sei und er hinter den beiden war. Die Frage des Vorsitzenden, wie die Frau Angst bekommen sollte, wo er doch hinter ihr war und sie ihn nicht sehen konnte, die konnte T. nicht beantworten. Den Schlag gegen den Kopf erklärte er so: ,,Die blieben plötzlich stehen“, da habe er die Frau ,,versehentlich getroffen“: ,,Max nahm mir den Baseballschläger aus der Hand“ und habe die Frau auf den Acker geschmissen: ,,Ich wollte damit nichts zu tun haben und bin weggegangen.“ T. sagte, er habe das Opfer nicht erkennen können. Die Frau aber konnte ihn sofort identifizieren, obwohl er eine Kapuze ins Gesicht gezogen hatte. Sie war dabei, als ihm 2013 die Worte ,,Odin statt Jesus“ auf einen Arm tätowiert wurden.

Der Prozess wird fortgesetzt.