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Student Alexander Karst (l.) und Archäologe Markus Brückner suchen an der Wallstraße nach Spuren der alten Stadtbefestigung. Verfärbungen im Sand geben Hinweise, wo der Stadtgraben verlief. Foto: t&w
Student Alexander Karst (l.) und Archäologe Markus Brückner suchen an der Wallstraße nach Spuren der alten Stadtbefestigung. Verfärbungen im Sand geben Hinweise, wo der Stadtgraben verlief. Foto: t&w

Die Stadt legt ihren Panzer ab

ca Lüneburg. Mal heller, mal dunkler Sand, was ist daran besonders? Für den Stadtarchäologen Dr. Edgar Ring und seinen Kollegen Markus Brückner von ArchaeoFirm tut sich in den beiden Gruben auf dem Gelände der gerade abgerissenen alten St.-Ursula-Schule ein Stück Stadtgeschichte auf. Zwischen Ritter- und Wallstraße lag einst die Stadtbefestigung. Die dunklen Flächen im Erdreich deuten auf den Stadtgraben hin, der über die Zeit durch Pflanzenreste und Modder zuwuchs. Ursprünglich wohl einmal rund zehn Meter breit und ein Hindernis für Angreifer, wurde er immer schmaler, sodass Feinde ihn wohl mit einem beherzten Sprung hätten überwinden können. Später legten die Lüneburger einen Wall an, dessen Krone im Bereich der heutigen Wallstraße lag — der Straßenname erklärt sich so von selbst.

Der Blick in die Tiefe ist möglich, weil die kommunale Gesellschaft Lüwobau bekanntlich einen neuen Komplex auf das Areal setzen möchte. Qua Gesetz haben die Archäologen das Recht auf ihre Grabungen, die der Bauträger finanzieren muss. Es ist ein Miteinander: Die Grabungsfelder liegen dort, wo auch Lüwobau später ausschachten will. Und zudem hätte es auch wenig Sinn gemacht, an anderer Stelle zu buddeln: Dort standen Schule und zuvor die katholische Marienkirche, für ihre Fundamente war der Boden bereits aufgewühlt worden.

Die Fachleute werten für ihre Arbeit nicht nur Bodenprofile aus. Als Vorlage, wie es einst am Roten Tor aussah, das einen Steinwurf entfernt lag, nutzen sie beispielsweise die älteste Lüneburger Stadtansicht. Hans Bornemann hat sie in der Mitte des 15. Jahrhunderts gemalt, zu finden ist sie als Teil des Heiligenthaler Altars in der Nicolaikirche. Zu sehen sind Stadtmauer, Türme und Tore — eine typisch mittelalterliche Stadt.

Adolf Brebbermann, Kenner und Zeichner der Stadtgeschichte, hat sich 1955 in einer Arbeit mit dem „Wehrhaften Lüneburg in vergangenen Jahrhunderten“ beschäftigt. Er geht aufgrund seiner Studien davon aus, dass sich die Stadt zunächst mit massiven Zäunen und Wällen schützte. Im 13. und 14. Jahrhundert habe man, wie andere Städte schon zuvor, begonnen, feste Mauern zu bauen. Denn erst 1282 habe es die erste Lüneburger Ziegelei gegeben. Ziegel sind heute noch am Bardowicker Wall am Liebesgrund zu sehen.

Die Hafeneinfahrt von der Ilmenau aus, etwa dort, wo heute das Behördenzentrum steht, bewachte ein Baumschließer, der Sperren über den Fluss zog. Nachdem Bürger 1371 rebelliert und die Burg auf dem Kalkberg geschleift hatten, nutzte die Stadt einen Turm auf dem Berg, um von dort aus, aber auch von Kirchtürmen durch Wachen Stadt und Umland beobachten zu lassen, herannahende Feinde oder Feuer in der Stadt sollten so schnell bemerkt werden.

Noch bis in unsere Zeit gehören Befestigungen zum Stadtbild, gegen Angriffe sind sie nicht gefeit. Für die Nordlandhalle musste ein Stück des Roten Walls weichen. Wenig „historisch sensible Pläne gab es, auf der Bastion Am Schifferwall oder im Liebesgrund eine Stadthalle zu bauen.

Zurück zur Grabung. Ring berichtet, der Celler Herzog rügte die Lüneburger im 17. Jahrhundert, weil sie ihre Befestigung nicht gut in Schuss hielten — obwohl die Stadt von den Einwohnern ein sogenanntes Grabengeld kassiert hatte. ,,1636 müssen die Lüneburger gestehen, dass sie die Einnahme anderweitig verwandt hatten“, so der Archäologe.

In dieser Zeit kam der niederländische Festungsexperte Johan van Falckenberg an die Ilmenau, um Empfehlungen auszusprechen, wie man in modernen Zeiten eine Stadt schützt. Doch im Rathaus schob man das Ganze eher auf die lange Bank, erst später wurde dann der Wall angelegt.

Der wachsenden Stadt und dem zunehmenden Verkehr wurde das Korsett zu eng. Im 18., mehr noch im 19. Jahrhundert beginnen die Bürger, Mauern und Türme umzulegen. Das Rote Tor, so Stadtchronist Wilhelm Reinecke in seinen ,,Straßennamen Lüneburgs“, ,,ist abgebrochen im dritten Jahrzehnt des Achtzehnhunderts; ein offener Ersatzbau von 1865 wurde als Verkehrshindernis wieder beseitigt 1906″.