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„Methusalem im Radiogeschäft“: Moderator Kai Rake berichtet seit 1988 für den Radiosender ffn aus Lüneburg und Umgebung. Foto: be
„Methusalem im Radiogeschäft“: Moderator Kai Rake berichtet seit 1988 für den Radiosender ffn aus Lüneburg und Umgebung. Foto: be

Reporter, Entertainer, Bürgerfreund

mm Lüneburg. Totgesagte leben länger – das gilt auch fürs Radio. Seit es das Internet gibt, wurden die Unkenrufe laut, Radio sei nun überholt. Heute ist Welttag des Radios, das Medium hat überlebt, befindet sich sogar im Aufwind. Wie man zum Radio kommt und wie ein „unnormaler“ Tagesablauf aussieht – davon berichten drei lokale Moderatoren.

foto:Michael Behns  Dirk Böge NDR
NDR2-Moderator Dirk Böge vereint sein Hobby mit seinem Beruf. Wenn er nicht auf Sendung ist, steht er am Spielfeldrand beim HSV und heizt den Fans des Fußballbundesligisten ein.

NDR 2-Moderator Dirk Böge aus Westergellersen ist ein echter Entertainer, einer mit flotten Sprüchen auf der Lippe. Wie geboren fürs Radio. Schon als er vier Jahre alt war, habe seine Oma gesagt: „Junge, du musst zum Radio.“ Heute ist Böge 46 Jahre alt und seit zwölfeinhalb Jahren beim NDR. Sein Weg zum Radio begann in Lüneburg. „Auf dem Uni-Campus bin ich über Radio ZuSa gestolpert“, erzählt Böge, der damals BWL studierte. „Direkte Kommunikation lag mir schon immer, ich bin ja nicht auf den Mund gefallen“, begründet er seine Lust aufs Moderieren. So ließ Böge die Zahlen hinter sich und konzentrierte sich auf die Radiowelt. Seine Mutter habe damals Bedenken gehabt, doch die konnte der erfolgreiche Moderator über die Jahre wohl zerstreuen.

Nach seiner Ausbildung bei Radio ZuSa zog es Böge zum NDR. Zwischendurch schob er aber noch seine Diplomarbeit ein, wohl auch um die Nerven seiner Mutter zu schonen. Beim NDR in Hamburg moderiert Böge Sendungen wie den NDR-Soundcheck, abends ab 21 Uhr, den Hitmix oder Spezialsendungen beispielsweise zum Reeperbahnfestival. Einen „normalen“ Arbeitstag gebe es nicht. Böge ist abends, nachts und am Wochenende „on air“. Normal sei bloß, dass es für eine Stunde Sendung mit aktuellen Themen die gleiche Vorlaufzeit brauche. Die hat Böge weniger, wenn er am Spielfeldrand des HSV steht. NDR 2 ist Medienpartner des Fußballbundesligisten. Am Wochenende heizt Böge den Fans bei Heimspielen live und in Farbe ein. Als er das Angebot bekam, Stadionsprecher beim HSV zu werden, habe er nicht zweimal überlegt. Hobby und Beruf vereinen? Dirk Böge hat es als Entertainer geschafft.

Im Regionalstudio von ffn in Lüneburg sitzt Kai Rake hinterm Mikro. Der 55-Jährige zählt sich zu den „Methusalems im Radiogeschäft“, seit 1988 berichtet er für ffn. Rake begann seine Karriere als Journalist beim „Neuen Kurier“ in Buchholz, nahe seinem Heimatort Bendestorf. Dass er dort landete, war auch seinem Hobby geschuldet, dem Musikmachen. „Ursprünglich wollte ich Musiker oder Kunstrestaurator werden“, erzählt Rake. Mit der Kunst sei das aber so eine Sache gewesen. Musik macht Rake am Keyboard, spielte mit einem Schulfreund auch in einer eigenen Band. Über andere Bands und ihre Studios in Hamburg und Umgebung berichtete Rake während seines Studiums. So kam er zur Lokalzeitung. Ein Wurf ins kalte Wasser – noch weitgehend unbeleckt sei er gleich als Redaktionsleiter eingestellt worden.

„Das Handwerkszeug, was ich brauchte, lernte ich in einem sechswöchigen Crash-Kurs“, berichtet Rake. Eine Glosse über ein geplantes NATO-Depot in der Buchholzer Region wurde ihm damals jedoch zum Verhängnis. Gefrustet verließ Rake die Redaktion, wurde aber noch am selben Abend zum neu gegründeten Radio Korah gelotst. Nach dem Konkurs des Senders ging es für Rake zu ffn. Hier erarbeitete er sich den Ruf als „Castor-Kai.“ Er habe nur einen Atommüll-Transport nicht live miterlebt.

Vor dem ersten Castor, der nach Gorleben rollte, sei er mit dem Deutschen Atomforum im Privatjet ins französische Le Hague geflogen. Rake: „Die vermeintlich geplante Umerziehung mit Wein und Kaviar hat bei mir aber nicht geklappt. Ich war danach eigentlich noch skeptischer und kritischer als zuvor.“ Aber nicht nur beim Castor war Rake an vorderster Front. Ob als Berichterstatter über Leukämie-Fälle in der Elbmarsch, die Entführung von Jan-Philipp Reemtsma oder das Zugunglück von Eschede Rake führt und durchleidet ein bewegtes Reporter-Leben. In Erinnerung haften Interviews mit Persönlichkeiten wie Helmut Kohl, Dustin Hofman oder dem Dalai Lama.

Bei ffn gibt es tagtäglich 14 Regionalsendungen, Rake moderiert mindestens sechs. Hinzu kämen aktuelle Schaltungen. Am Ende stehe ein Tagespensum von zehn Beiträgen samt Veranstaltungshinweisen. Rake ist seit drei Jahren alleinerziehender Vater zweier Kinder, zwei erwachsene sind schon aus dem Haus. Ein Spagat zwischen Familie und Beruf, den der Moderator da jeden Tag bewältigen muss. Da müsse man schon mal improvisieren, gesteht Rake.

Immer am Bürger ist Matthias Dworschak, Studioleiter bei Radio ZuSa. Beim Bürgerfunksender kann jedermann seine eigene Sendung machen.
Immer am Bürger ist Matthias Dworschak, Studioleiter bei Radio ZuSa. Beim Bürgerfunksender kann jedermann seine eigene Sendung machen.

Radio zum Mitmachen, gibt es bei Matthias Dworschak. Der 40-Jährige ist Studioleiter und Redakteur beim Lüneburger Bürgerfunksender Radio ZuSa. Musik von Jazz bis Heavy Metal, Frauenmagazin, Computer- oder eine deutschlandweit einzigartige Feuerwehrsendung, das Programm des Bürgerfunksenders ist nicht gerade eintönig. Und auch die Bürger, die hier ihre eigene Sendung machen, seien manchmal echte Paradiesvögel. „Vom Punker bis zum Steuerberater“ reiche das Spektrum an Freiwilligen.

Wer bei Radio ZuSa auf Sendung gehen möchte, lernt zuvor in Einsteigerseminaren die Grundtechniken des Radiomachens. Wie funktioniert ein Mischpult? Wo kommen Nachrichten her? Wie führe ich ein Interview? „Das ist unser Schnupperangebot“, sagt Dworschak. Wer dann selber einsteigen möchte, kann ein Konzept für eine Sendung vorschlagen. Es herrsche Zugangsoffenheit, „wir sind ein gemeinnütziger Sender und dürfen niemanden rauskegeln.“ Für den Inhalt und die Qualität ihrer Sendung sei den Bürgern freie Hand gegeben, nur diffamierende Inhalte würden nicht toleriert.

Als Festangestellter ist Dworschak für die redaktionellen Abläufe verantwortlich. Zu seinem täglich Brot gehört das Musikprogramm. Von sechs bis zehn Uhr am Morgen läuft „Extra wach“, am Nachmittag von 16 bis 18 Uhr die „Happy Hour“. „Wir spielen wenig Mainstream und orientieren uns stark an den Musikwünschen unserer Hörer“, sagt Dworschak.

Aus einer Musiksendung am Abend, die er einfach aus Spaß gemacht habe, wurde eine handfeste Anstellung. Dworschak kam direkt nach seinem Studium an der Lüneburger Universität zu Radio ZuSa. „Man könnte sagen, ich bin auf dem Campus hängen geblieben“, sagt der Lüneburger.