Donnerstag , 29. September 2016
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Die Stadtführer Verena Fiedler, Klaus Niklas, Sabine Büschelberger (v. l.) sind Feuer und Flamme für ihr Thema, Brände und Feuerwehr in der Stadtgeschichte. Foto: ca
Die Stadtführer Verena Fiedler, Klaus Niklas, Sabine Büschelberger (v. l.) sind Feuer und Flamme für ihr Thema, Brände und Feuerwehr in der Stadtgeschichte. Foto: ca

Feuer und Flamme

ca Lüneburg. Es war keine gute Idee, die Buchhalter Carl Winderstein hatte. Er zündet im Sprit- und Öllager der Reichenbachschen Fassfabrik am 27. Juni 1889 ein Streichholz an, um nach etwas zu suchen. Es gibt einen Knall, Flammen schießen empor. Im Nu dehnen sie sich aus, die Fabrik an der Lüner Straße fängt Feuer. Es greift um sich, leckt an der Nicolaikirche, gräbt sich in Nachbargebäude. Am Ende vertilgt der Brand 35 Häuser. Die Folgen sind noch heute an der Baumstraße zu sehen: Eine Gebäudereihe, die nach dem Brand hochgezogen wurde, liegt ein Stück zurück und hat kleine Vorgärten. Eine feurige Geschichte aus mehr als 1000 Jahren Stadtgeschichte.

Die drei Stadtführer Sabine Büschelberger, Verena Fiedler und Klaus Niklas haben das Motto des Weltgästeführertags, der am Freitag begangen wird, als Anregung genommen: Feuer und Flamme. Das Trio beschäftigt sich am Sonnabend, 22. Februar, mit Bränden, die in Lüneburg wüteten, wie sich die Bürger gegen den Roten Hahn wehren. Die uralte Redewendung leitet sich übrigens von den aufgestellten Federn eines Hahns her so wie aus dem Dach schlagende Flammen. Ihre Führungen beginnen um 10, 12, 14 und 16 Uhr vor der Tourist-Information am Rathaus. Der Erlös soll über die Hilfsaktion Guter Nachbar den Brandopfern vom Stint zufließen.

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Ein weiterer Blick auf die Fabrik. Der Böttcher Reichenbach hatte die Fassproduktion wie einen Industriebetrieb organisiert. Fässer wurden wie heute Container genutzt. Im Hintergrund ist die Nicolaikirche zu sehen, ihr fehlt noch der hohe Turm. Foto: A

Der Segen, aber vor allem die Gefahr des Feuers war den Menschen von altersher bewusst. So haben sie bereits vor Jahrhunderten darauf geachtet, dass Erdgeschosse aus Stein gemauert werden mussten, erst darüber durfte Fachwerk beginnen. Fenster gingen nach außen auf, jeder Haushalt musste Ledereimer zum Löschen parat halten, Zünfte und Gilden stellten Brandbekämpfer, Schmieden, Bäckereien und Brauereien arbeiteten in freistehenden oder Eckgebäuden damit sie im Fall der Fälle einfacher zu löschen waren. Zudem gab es an mehreren Stellen der Stadt Löschschlitten: Auf Kufen zogen Männer ihr „Löschfahrzeug“ an den Einsatzort.

Manchmal bewiesen die Ahnen vermeintlich Weitblick doch die Macht des Faktischen war gegen sie. Sabine Büschelberger nennt ein Beispiel: Auf den Etagen des Turms von St.Johannis hatten wackere Christen große Wasserbecken auf Holzlagern deponiert. Die Idee: Brennt es, kokelt das Holz weg, das Wasser ergießt sich in die Tiefe. „Genutzt hat es nichts“, sagt die Stadtführerin. Die Konstruktion hilft ja nur, wenn die Flammen von unten kommen: „Bei einem Blitzeinschlag hat es nicht funktioniert.“ So wie im März 1406, als ein großer Teil des Riesen mit einem Donnerschlag abgefackelt sein soll.

Gebrannt hat es immer wieder in der engen Stadt. Und immer wieder lebten die Menschen in Angst, dass ein „Feuer ins Laufen kommt“, wie es Feuerwehrleute nennen, dass es sich fortfrisst von Haus zu Haus. Lüneburg hatte Glück, die Tausendjährige musste keinen so verheerenden Brand verkraften wie Hamburg. Dort hatte ein Großbrand 1842 die halbe Metropole in Schutt und Asche gelegt. Dagegen wirkt der Reichenbachsche Brand eher klein.

Feuerwehrleute haben den Brand gelöscht. Sie stehen in der Ruine der Reichenbachschen Fassfabrik, die 1889 an der Lüner Straße abbrannte. Das mittelalterliche Gebäude hinter ihnen zeigt den Scharnebecker Hof, die ehemalige Residenz des Klosters. Foto: Museum/Repro: ca
Feuerwehrleute haben den Brand gelöscht. Sie stehen in der Ruine der Reichenbachschen Fassfabrik, die 1889 an der Lüner Straße abbrannte. Das mittelalterliche Gebäude hinter ihnen zeigt den Scharnebecker Hof, die ehemalige Residenz des Klosters. Foto: Museum/Repro: ca

Für Angst und Schrecken sorgte der „Feuerteufel von Lüneburg“. 1959/60 steckte der Mann die Ratsbücherei, den Viskulenhof und die „Krone“ an. Vom Alten Kaufhaus, seiner wohl folgenschwersten Tat, blieb nur die Barockfassade stehen, die wir noch heute kennen. Bittere Ironie: In den Neubau zog die Feuerwehr, der baute man zu ihrem Umzug aus der Katzenstraße ins Wasserviertel in den 60er Jahren die modernste Wache Niedersachsens. Bekanntlich ist die Feuerwehr inzwischen in den Lünepark gewechselt, da feiert sie in diesem Sommer ihren 150. Geburtstag.

Feuer und Flamme, ein ewiges Thema, das sich immer wieder in die Geschichte der Stadt einbrennt. So wie Ende vergangenen Jahres, als Unbekannte das alte Lösecke-Haus am Stintmarkt ansteckten. Das hatte 150 Jahre zuvor schon einmal gebrannt.

Eher heiter endete eine brandheiße Geschichte im Herbst 1957. Zwölf Jahre nach dem Zusammenbruch der Nazi-Diktatur waren noch britische Besatzer in der Stadt. Die betrieben ein eigenes Kaufhaus. Dort schaute sich ein englischer Soldat um, er wollte Feuerwerk kaufen. Der Anlass: Die Briten feiern im November den Guy-Fawks-Day, der Missetäter hatte 1605 das Londoner Parlament in die Luft jagen wollen. Der Engländer jedenfalls probierte aus, was das Kaufhaus in dieser Angelegenheit zu bieten hatte, eine Menge: Er hielt eine Kippe an Zündschnüre, 500 explodierende Knallfrösche ließen das Personal in Deckung gehen. Die Feuerwehr konnte wieder abrücken. Dieses Mal mit einem Grinsen im Gesicht.