Dienstag , 27. September 2016
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Aktionskünstler Hermann Josef Hack hat mit Studenten auf dem Campus aus Kartons und Planen  ein symbolisches Flüchtlingscamp gebaut. Foto t&w
Aktionskünstler Hermann Josef Hack hat mit Studenten auf dem Campus aus Kartons und Planen ein symbolisches Flüchtlingscamp gebaut. Foto t&w

„Angstgesteuerte Politik“

mm Lüneburg. Wo kommen sie her, warum sind sie hier und wohin mit ihnen? Die Fragen stellen sich Bevölkerung und Politik, wenn es um Migration von Flüchtlingen und Asylbewerbern geht, sie werden zurzeit auch in Stadt und Landkreis Lüneburg heiß diskutiert. Bei der „Leuphana Konferenz für nachhaltiges Leben 2014“ stand nun die europäische Asyl- und Flüchtlingspolitik im Fokus. Denn gefährlich ist der Weg nach Europa für Menschen, die in ihren Heimatländern politisch verfolgt, wirtschaftlich unterdrückt oder vom Klimawandel bedroht werden. Warum, das verdeutlichte die Podiumsdiskussion „Die Festung Europa in einer globalisierten Welt: Per­spektiven der Flüchtlingspolitik“. Auf dem Uni-Campus baute Aktionskünstler Hermann Josef Hack mit Studenten aus Pappkartons, Plastik und Planen ein Flüchtlingscamp auf als Symbol für verheerende Umstände, unter denen Menschen auf ein besseres Leben hoffen.

Von einer „angstgesteuerten Politik in Europa“ sprach Diskussionsteilnehmer Markus Löning, in der vergangenen Legislaturperiode war er Menschenrechtsbeauftragter der Bundesregierung. Was ihn zu seiner Aussage veranlasste, ist eine generelle Visums­pflicht für EU-Fremde. Asylbewerber, die ihre Heimat Hals über Kopf verlassen müssen, bleibt ein legaler Weg nach Europa dadurch versperrt. „Durch die Visumspflicht ist auch jede vermeintlich legale Einreise illegal“, sagt Jurist Volker Gerloff. Asyl kann erst beantragt werden, wenn der Boden eines Landes betreten wird, ohne Visum ist das aber schon eine erste Rechtsverletzung. Klaus Rösler, Direktor der Abteilung Einsatz der EU-Grenzschutzagentur Frontex in Warschau, sieht Visaerleichterungen und -freiheiten in einigen Mitgliedsstaaten als einen möglichen Ausweg. „Die Politik muss Verbesserungen schaffen, die wir dann umsetzen“, sagt er. Frontex koordiniert die operative Zusammenarbeit der EU-Mitgliedsstaaten zum Schutz der europäischen Außengrenzen.

Für Luise Amtsberg, Grünen-Abgeordnete im Bundestag, ist klar: „Europa ist eine Festung“, es gäbe keine Möglichkeit der legalen Einreise. Den Grenzschutzbeauftragten von Frontex attestiert sie eine Wächterfunktion. Markus Löning verdeutlicht die Lage der europäischen Mittelmeeranrainer, die von ­afrikanischen Flüchtlingen angesteuert werden: „Griechenland ist ökonomisch und politisch nicht in der Lage, Flüchtlinge aufzunehmen, Italien fehlt der Wille und Bulgarien hat keine Kapazitäten.“ Asylbewerbern sollte deshalb Freizügigkeit gewährt werden. So könnten sie in Länder reisen, die aufnahmebereit sind.

„Flüchtlingsströme, die jetzt kommen, sind nur die Speerspitze“, weiß Hermann Josef Hack. Für ihn ist es wichtig, eine Willkommenskultur zu schaffen. Bürger müssten sensibilisiert, einer Ghettoisierung entgegengewirkt werden. Wie ein Flüchtlingsghetto zum Beispiel in Afrika aussehen kann, demonstrierte Hack durch Pappbehausungen unter Plastikplanen. Dadurch wolle er ein Symbol schaffen und nicht das Leben in einem Camp simulieren, in die Situation der Flüchtlinge könne man sich als Privilegierter ohnehin nicht reindenken, das wäre vermessen, sagt der 57-Jährige.

Hack besitzt auch ein Miniatur-Flüchtlingslager aus über 1000 Zelten, das er im Zen­trum europäischer Hauptstädte aufbaut, um auf die Opfer des Klimawandels hinzuweisen. Zeltplanen nutzt der Künstler für Darstellungen globaler Herausforderungen. Eine davon ist der Klimawandel. Im Pazifik gibt es Inseln ohne Trinkwasser, ein Beispiel ist Tuvalu. Der Anstieg des Meeresspiegels sorgt dort für eine Versalzung der Gewässer, Menschen müssen ihre Heimat verlassen. Sie flüchten in Camps, wo sie sich Müll zusammensuchen, um eine Behausung zu haben. Wasserknappheit ziehe auf der Erde auch Kriege nach sich, „eine Katastrophe löst eine andere aus“, so Hermann Josef Hack. Flüchtlingsströme würden sich verstärken. Als Künstler will Hack Emotionen transportieren und durch seine Aktionen wachrütteln: „Jeder Einzelne muss im Privaten aktiv werden.“ Vielleicht stellt sich dann auch seltener die Frage: „Warum sind die eigentlich hier?“