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Seit 2006 ist Sascha Spoun Präsident der Leuphana. Unter seiner Ägide richtete sich die Hochschule neu aus. Dass der Schritt erfolgreich war, sieht er unter anderem im guten Betreuungsverhältnis bestätigt. Foto: mm
Seit 2006 ist Sascha Spoun Präsident der Leuphana. Unter seiner Ägide richtete sich die Hochschule neu aus. Dass der Schritt erfolgreich war, sieht er unter anderem im guten Betreuungsverhältnis bestätigt. Foto: mm

„Bei Qualität im oberen Drittel“

mm Lüneburg. An der Technischen Universität Dortmund kümmert sich ein Professor um 103 Studenten, an der Uni Flensburg um 70, in Göttingen buhlen 50 Studenten um die Gunst eines Lehrenden das geht aus einer Analyse der „Zeit“ hervor. Demnach liegt das Betreuungsverhältnis im Bundesdurchschnitt bei 1:64, rechnet man private und stark spezialisierte Unis heraus, sogar bei 1:70. Davon weit entfernt ist die Leuphana im positiven Sinn. Auf einen Professor kommen 45 Studenten, nur die Uni Lübeck steht mit einer Quote von 1:34 noch besser da. Was die Lüneburger Uni für Professoren interessant macht, wie die gute Betreuungssituation zustande kam und welche Ziele die Hochschule verfolgt, erläutert Präsident Sascha Spoun im LZ-Gespräch.

An der Leuphana herrscht für Studenten im Vergleich zu anderen Unis ein recht komfortables Betreuungsverhältnis. Wie kommt es dazu?
Sascha Spoun: Einerseits ist da unser Universitäts- und Studienmodell zu nennen. Mit unserem Konzept der Schools (Anm. d. Red.: College, Graduate und Professional School) und einer relativ großen Zahl an Professuren orientieren wir uns an angelsächsischen Vorbildern, bei denen es generell eine gute Betreuungsrelation gibt. Außerdem finanzieren wir aktuell nicht wenige Professorenstellen aus Drittmitteln und Studienbeiträgen. Unser Ziel war immer, ein besonderes Lehrangebot zu haben. Dazu gehören neben der guten Betreuung durch Professoren auch besondere Lehr- und Lernformate.

Welchen Anteil daran hat das Leuphana-Modell?
Spoun: Unser Studienmodell hat uns in Deutschland eine besondere Position verschafft. Wie beim angelsächsischen College-Modell gibt es ein Kerncurriculum, zu dem bei uns das Leuphana Semester und das Komplementärstudium zählen. Zudem besteht jeder Studiengang aus einem Haupt- und Nebenfach, dem Major und Minor. Daraus ergeben sich viele Kombinationsmöglichkeiten. Den Bedürfnissen der Studenten kommt das entgegen. Unser breit angelegtes, stark interdisziplinär ausgerichtetes Modell bietet ihnen zeitgemäße Antworten auf die aktuellen Fragen der Zivilgesellschaft. Den Erfolg zeigen auch über 10000 Bewerbungen auf 1500 Studienplätze im Wintersemester.

Ist der Gedanke, unterschiedliche Wissenschaftsdisziplinen miteinander zu verzahnen, auch für Lehrende reizvoll?
Spoun: Davon können Sie ausgehen. Viele wissenschaftliche Innovationen entstehen dadurch, dass Grenzen einzelner Disziplinen überschritten werden. Ein typisches Beispiel ist das Thema Nachhaltigkeit, das eine Perspektive über unterschiedliche Disziplinen hinweg verlangt. Ähnlich ist es bei den digitalen Medien, Fragen der Informatik und Medienwissenschaft, aber auch aus der Philosophie und Erkenntnistheorie spielen dort eine Rolle. Das gleiche gilt auch für den Gesundheitsbereich: Da geht es nicht nur um Fragen der medizinischen Behandlung, sondern auch darum, wie ein Gesamtsystem aussieht, das ein gesundes Leben ermöglicht.

Wohin soll der Weg gehen?
Spoun: Ein wichtiger Schritt wird für uns eine noch größere Diversität auf dem Campus sein. Dabei denke ich zum Beispiel an ausländische Studenten oder solche mit Auslandserfahrung. Dafür brauchen wir eine größere Zahl an englischsprachigen Lehrveranstaltungen. Außerdem wollen wir die Qualität weiter verbessern. Dabei hilft uns zum Beispiel die Lehrveranstaltungsevaluation. Sie zeigt, was man noch besser machen kann. Als erste Hochschule in Niedersachen streben wir außerdem die Systemakkreditierung an. Auch das wird uns helfen, Qualitätssicherung systematisch und selbstverantwortlich zu gestalten.

Wie grenzt sich die Uni mit ihrem Modell von anderen Hochschulen ab?
Spoun: Es gibt eine große Gruppe von Traditionsuniversitäten, die zu jedem Fach eine große Fakultät vorhalten können. Das hat mit deren Geschichte und ihrer materiellen Ausstattung zu tun. Wir sehen unsere Stärke darin, im Grenzbereich der Disziplinen zu arbeiten und an der Schnittstelle von Wissenschaft und Praxis. Dazu schaffen wir Verbünde mit Partnern in der Region und auch auf internationaler Ebene. So können wir ein sehr spezifisches Profil entwickeln.

Kehrt die Leuphana der Massenuniversität den Rücken und verkörpert stattdessen eine Hochschule neuen Typs?
Spoun: Das kann man eindeutig mit Ja beantworten. Die Leuphana steht für Profil und Qualität.

Welche Lehreinheit sehen Sie am Besten aufgestellt und wo gibt es Luft nach oben?
Spoun: Die Lehreinheiten sind in einer sehr dynamischen Entwicklung und befruchten sich gegenseitig. Nehmen wir die Umweltwissenschaften: Im Hinblick auf Interdisziplinarität ist man hier sehr weit. Oder betrachten Sie das neue Lehrangebot Digital Media, das komplett in englischer Sprache stattfindet. Die Umweltwissenschaftler wollen sich daran orientieren und ab Herbst 2015 ebenfalls einen Teil der Lehrveranstaltungen in englischer Sprache anbieten. Unser Studienmodell fördert das gegenseitige Lernen. In den Wirtschaftswissenschaften wird es ab Herbst ein Lehrangebot geben, das sich konzeptionell mit den kritischen Entwicklungen in der Wirtschaft auseinandersetzt. Da geht es nicht mehr nur um traditionelle Wirtschaftswissenschaft, sondern auch um Fragen etwa der Ethik oder des Allgemeinwohls.

Bedeutet eine Verstärkung des englischsprachigen Angebots eine große Umstellung für Ihre Lehrenden?
Spoun: Das ist natürlich eine Herausforderung, wenn man es über Jahre gewohnt ist, in Deutsch zu lehren. Wir helfen mit Unterstützungsangeboten. Einer unserer Professoren entwickelt zum Beispiel gerade mit britischen Kollegen ein Modul, das auch bei uns umgesetzt werden kann. Wir befinden uns hier in einem Entwicklungsprozess, der darauf abzielt, die Universität international attraktiver zu machen. Die Universität kann so zu einem internationalen Drehkreuz werden, von dem auch die Region Lüneburg profitieren kann.

Auf einer Skala von 1 bis 10, 10 ist sehr gut, wo steht die Leuphana mit ihrem Lehrangebot?
Spoun (lacht): Es gibt insgesamt eine aufsteigende Tendenz. Betrachtet man verschiedene Indikatoren, würde ich uns etwa beim Betreuungsverhältnis oder bei der Qualität des Lehrangebotes im oberen Drittel sehen.

 

Ein Professor für 45 Studenten

Die Betreuungsrelation von 1:45 zwischen Professoren und Studenten ergibt sich aus einer Publikation des Statistischen Bundesamtes, die sich auf Zahlen von 2012 bezieht. Da kamen an der Leuphana auf 174 Professuren knapp 7800 Studenten. Die zugrunde liegende Zahl der Professoren schließt sowohl ordentliche Professuren als auch Junior- und drittmittelfinanzierte Professuren ein. Für Forschung und Lehre steht der als Stiftung organisierten Hochschule eine dauerhafte Finanzhilfe des Landes zur Verfügung, die liegt derzeit bei 52,3 Millionen Euro. Hinzu kommen unter anderem Drittmittel (rund 27 Millionen Euro) und Studienbeiträge (rund 6 Millionen Euro), die nach dem Wegfall der Studiengebühr zum nächsten Wintersemester vom Land durch Studienqualitätsmittel kompensiert werden.

6 Kommentare

  1. Ist dieser Artikel eine kostenpflichtige Anzeige der Leuphanaführung, oder schwenkt die LZ auf Schmusekurs mit der Uni um, um auch künftig über das Finanzierungsdesaster des Libeskindbaus berichten zu dürfen. Es könnte jedoch auch sein, dass mit dieser selbstdarstellenden Qualitätsexpertise die Mehrkosten legitimiert werden sollen. Was auch immer. Der Artikel befremdet mich in dem übrigen Umfeld der Berichterstattung über die Lüneburger Uni.
    Warum kommen Studenten nicht mal zu Wort? Wie sehen sie den Bau des Audimac-Lüneburg und die Finanzierungsprobleme. Halten die Studenten so einen Bau für zwingend notwendig? Erwarten sie dadurch Verbesserungen der Studienbedingungen? Oder sind sie auch jetzt zufrieden mit der Uni? Viele Fragen, die man auch den Studierenden zur Abwechselung stellen könnte.

  2. Werner Schneyder

    Mit Zahlen muss man vorsichtig umgehen. Entscheidend ist auch die Zahl der wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Da liegt es auch an der Leuphana im Argen. Professoren an Technische Universitäten wie Dortmund haben in der Regel weit mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und können daher z. B. Lehre in kleinen Gruppen anbieten.
    Zudem wäre es interessant zu wissen, wie das Betreuungsverhältnis pro Studiengang aussieht, vor allem im Größten Studiengang, dem Lehramt.
    Gute Betreuung ist generell an Zahlen pro Kopf nicht ablesbar. Wie stark engagieren sich Lehrende in der Betreuung? Nehmen sie sich Zeit? Sind sie erreichbar? Wie gut vorbereitet sind Vorlesungen, Seminare? usw. Das wissen die Studierenden ganz genau.

  3. Else Hinnersen

    Ohne auch nur ein Wort über den von ihm mit zu verantwortenden Hundert-Millionen-Skandal um die Bauruine des byzantinischen Protz-Doms im Vorgarten seiner Fachhochschule zu sagen, ergreift Herr Spoun hier die ihm von der Landeszeitung gebotene Ballyhoo-Gelegenheit, um schwammiges Werbegerede über ein schwammiges Thema zu gießen.

    Angst, sein ohnehin blasses Gesicht in der Öffentlichkeit vollständig zu verlieren, beziehungsweise Sorge, das, was davon noch übrig ist, zu wahren, kennt er offenbar nicht.

    Dass Betreuungsrelationen an Hochschulen nur Durchschnittswerte sind, die von Fach zu Fach oder sogar von Dozent zu Dozent sehr unterschiedlich ausfallen können, wird nicht erwähnt. Und dass ein gutes quantitatives Verhältnis von Lehrenden zu Lernenden vielleicht notwendige Voraussetzung, aber keineswegs zureichende Gewähr für die Qualität der Ausbildung ist, kommt ebenfalls nicht zur Sprache.

    Außerdem trifft es einfach nicht zu, dass das „Studienmodell“ der Leuphana, dieser „in Deutschland eine besondere Position verschafft“ hat. Die Aussage wird auch durch permanente lautstarke Wiederholung in Vorträgen, Zeitungsartikeln und Rundfunkinterviews nicht wahr. Selbst dann nicht, wenn eine grüne Landesministerin leuchtende Augen bekommt, sobald das „Konzept“-Geschwätz auf Recyclingpappe gedruckt und mit der Leerformel „Nachhaltigkeit“ angepriesen wird. Die Ausrichtung am „angelsächsischen College-Modell“ ist (leider) seit mindestens zwanzig Jahren ein, nein, der einzige Trend in der gesamten deutschen Hochschullandschaft. Man kann ihn auch als besinnungslos rasende Reise in einem Zug ohne Zugführer bezeichnen, der kein Ziel mehr, sondern nur noch einen Arbeitsmodus kennt: die „Effizienz“ des Hochschulsystems nämlich, das nicht mehr auf Bildung angelegt ist, sondern auf schnellsten Erwerb verwertbaren Wissens. Auf diesen Zug ist die Leuphana als einer der leichtgewichtigeren Trittbrettfahrer 15 Jahre nach Abfahrt bloß aufgesprungen, gebärdet sich aber, als sei sie sein Erfinder.

    Das ist sie nicht. Aber anstatt froh zu sein, dass man ihr wenigstens diesen Vorwurf nicht machen kann, rennen ihre „Repräsentanten“ als besonders unangenehm gellende Marktschreier durch alle Abteile und behaupten, etwas über die Lokomotive zu wissen. Sieht man sich einmal die „sieben Leitthemen“ an, die nach Meinung der Leuphana-Vermarkter „die Zivilgesellschaft des 21. Jahrhunderts prägen werden“ und die ihr Studienangebot zusammenfassen, hat man alles an Mainstream und Buzzwords beisammen, was jeder „Corporate-Academy“ jeder x-beliebigen Unternehmensberatung zur anspruchslosen Ehre gereicht.

    » Kunst und Kulturwissenschaften » „Rege Kontakte in die Kunstszene. Diese wiederum profitiert von dem wissenschaftlichen Know-how, das sich an der Ilmenau versammelt.“

    » Demokratie und ihre Zukunft » „Wie kann sie die drängenden Probleme unserer Zeit lösen? Und wie kann sie in Zukunft wieder mehr Menschen für sich begeistern?“

    » Heterogenität und Bildung » „Wie können Lehrkräfte auf diese Vielfalt reagieren, damit sich die Schüler gemäß ihren individuellen Voraussetzungen und Interessen entfalten können? Diese Frage nach dem Umgang mit Heterogenität gilt heute als eine der dringlichsten im deutschen Bildungssystem.“

    » Entrepreneurship und Wirtschaft » „Welche Persönlichkeitsmerkmale machen einen erfolgreichen Unternehmer aus? Wie kann man Menschen dazu motivieren, sich mit eigenen Ideen selbstständig zu machen? Und: Wie kann man dafür Sorge tragen, dass Unternehmer Nachhaltigkeits-Prinzipien zu ihrer Philosophie erheben?“

    » Digitale Medien » Medie und Medienkonsum haben sich „drastisch verändert. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Leuphana fragen danach, welche Möglichkeiten und Gefahren dieser Umbruch mit sich bringt.“

    » Gesundheit und gesellschaftliche Entwicklung » „Die Leuphana sucht nach Konzepten, die auch in Zukunft allen Kranken eine gerechte, qualitativ hochwertige und finanzierbare Versorgung garantieren.“

    » Nachhaltigkeit » „Wissenschaftler der Leuphana entwickeln dazu notwendige Technologien. Gleichzeitig erforschen sie, welche Rahmenbedingungen eine nachhaltige Entwicklung fördern – ob in Bildung, Gesetzgebung oder Politik.“

    Das sind sind ebenso hochtrabende wie diffuse, aber eben deshalb werbewirksame Projektionsformeln oder „Kundenangebote“ wie sie sich in den Prospekten von allen Kadettenanstalten für Verkaufspersonal und Wirtschaftsberatungsagenturen der Republik wiederfinden.

    Deshalb entsetzt es vermutlich auch niemanden, wenn sich der Präsident einer „Universität“ in aller naiven Offenherzigkeit wie folgt brüstet: „Unser breit angelegtes, stark interdisziplinär ausgerichtetes Modell bietet (…) zeitgemäße Antworten auf die aktuellen Fragen der Zivilgesellschaft.“ Von der bizarren Anmaßung, Studenten und „gesellschaftlichen“ Kunden solche „Antworten“ im Ernst „bieten“ zu können, einmal abgesehen: Dass es nicht Sache eines wie immer „angelegten“ oder „ausgerichteten“ Hochschul-„Modells“ sein kann, „ANTWORTEN zu bieten“, sondern im Gegenteil es ihre Aufgabe ist, das FRAGEN zu ermöglichen und Mittel und Methoden ihrer Bearbeitung zu entwickeln, kommt ihm gar nicht in den Sinn.

    Der Leuphana-Präsident agiert wie der Pressesprecher einer Firma. Kein Wunder, auch seine Ausbildungsanstalt ist ein durchökonomisierter Betrieb. Und ihre Existenz ist, wie die fast aller anderen „pisageschockten“, den Imperativen des Ökonomismus gehorsamst vorauseilenden „Humankapital“-Schmieden, zunehmend von den Zuwendungen großer Firmen abhängig. Folglich klingen Seminarthemen, die der Deutsche Hochschulverband seinen Professoren-Mitgliedern anbietet, so: „Was verstehen die Angelsachsen unter einer gelungenen Präsentation?“, „Der erste Eindruck zählt: Auftritts- und Eröffnungstechniken“, „Wie stelle ich mich, meine Kollegen, mein Institut und/oder meine Universität selbstbewusst dar?“, „Besonderheiten der Körpersprache“, „Hat der Wissenschaftler Verschwiegenheitspflichten gegenüber Presse oder anderen Externen?“, „Wie tritt er gegenüber Kollegen auf?“.

    Vorbei – so scheint es – die Zeit, als Wissenschaft vor allem durch Inhalte punktete. Vorbei die Zeit, als Forschung auch oder vor allem Respekt und Demut (vor dem Forschungsgegenstand und vor dem Wissen und Können anderer) bedeutete. Der zeitgemäße Professor hat sich die gleichen Präsentationstechniken anzueignen, die der Pharmareferent oder der Sportartikelverkäufer in einer Schulung vermittelt bekommt. Der Professor ist der Verkäufer seiner Wissensware. Zugleich kontrolliert das Pressereferat, ob der professorale Verkäufer seine Ware auch angemessen bewirbt, sprich: ob er oder sie das „Richtige“ gegenüber der Öffentlichkeit, den Medien sagt.

    Bei allem betrüblichen Einheitsbrei, den Herr Spoun hier als eine persönliche Leistung feinster leuphanatischer Kochkunst verkaufen möchte, sollte allerdings eines nicht vergessen werden: Wenn es ein „Alleinstellungsmerkmal“ gibt, dass dem Präsidium der Leuphana „in Deutschland eine besondere Position verschafft“ hat – und zwar „nachhaltig“ -, dann ist es das Steuergeldfiasko, das Unehrlichkeit und Versagen in der Angelegenheit „Libeskind-Bau-Lüneburg“ heraufbeschworen hat.

  4. Im Leuphana-Circle

    Britain Love Druckser (Name schon ziemlich blöd), 23, muss früh aufstehen in letzter Zeit. Um halb vier Uhr morgens klingelt der Wecker. Britain springt aus dem Bett, kopiert rasch eine Seminararbeit zusammen, radelt wie ein Verrückter zum diversifizierten und systemakkredidierten College-, Graduate- und Professional-School-Campus an der Leuphana-Universität, fällt im Hörsaal tot um und steht als fanatisierter Self-Tracker und ferngesteuerter Datenlieferant der globalen Transparenz-Community wieder auf. Was wie eine zynische journalistische Überspitzung klingt, ist in diesem Fall eine übertriebene Darstellung zur Veranschaulichung eines Sachverhalts. Britain ist Student; genauer gesagt ein typischer Student der neuen Generation in Lüneburg – fleißig, ordentlich, mausetot.

    Die deutsche Hochschullandschaft hat sich verändert. Wo einst Berge, Wiesen und Felder waren, stehen jetzt Gebäude, Baugruben oder Städte; teils schon seit vielen hundert Jahren. Die Globalisierung hat auch vor der Alma Mahler nicht haltgemacht; Worte wie »Bologna«, »Flexi-Debilisierung« und »Riesenschweinerei« charakterisieren die Umwandlung. Am studentischen Alltag lässt sich gut ablesen, wie sehr sich die ehedem so heile Hochschulwelt gewandelt hat. Von früh bis spät mit den Freunden klönen, gelegentlich mal ein Seminar besuchen, sich spätnachts noch schnell mit zwei, drei Videos aufs Examen vorbereiten – das geht nicht mehr. Heute braucht man die ersten zwei Semester schon, um sich im Home-office eigenhändig ein iPad unter den Haaransatz zu implantieren. Der Alltag der Professoren übrigens ist im Wesentlichen der gleiche geblieben. Ganz im Gegenteil zu dem der Studenten.

    Der Bologna-Prozess, der die europaweite Vereinheitlichung der Hochschulen kennzeichnet, verwirrt schon durch die neue Terminologie. So studiert Britain Druckser das Fach »German Speak Studies« (früher: ­Germanistik). Anstelle der alten Leistungsnachweise erhält er jetzt sogenannte »Credit Points«: für jeden Bankkredit, den er zur Finanzierung des Studiums aufnehmen muss, erhält Britain eine bestimmte Anzahl Kreditpunkte. Hat er genügend »Credits« gesammelt, ist er examensreif, wird sich stolz »Bachelor of Deutsche Language« nennen können und ist zunächst arbeitslos. Denn erst wer Bachelor ist, hat überhaupt die Chance, zum begehrten »Master« bzw. »Husband« aufzusteigen und vom Arbeits- bzw. Heiratsmarkt akzeptiert zu werden.

    Die neuen Studiengänge werden dabei mit atemberaubender Geschwindigkeit absolviert. Der dreißigjährige Bummelstudent, der im vierzigsten Semester Orchideenzucht und Walfang studiert, ist ein Zerrbild von gestern. Das Zerrbild von heute ist der neunzehnjährige Fummelstudent, der nach zwei Semestern Studium (BWL, Verblendung und Infotainment), dreijährigem Auslandsaufenthalt, sieben gehörten Fremdsprachen und zwanzig Jahren Berufserfahrung von Headhuntern umgarnt wird, um dann bis zu seinem Lebensende für das Unternehmen den Head (Kopf) hinhalten zu können.

    Die Studierenden selbst nehmen kaum wahr, wie sehr sich ihre Lebensbedingungen von denen früherer Generationen unterscheiden, lacht der Bildungsforscher Peter Ausgedachter-Nachname. Viele seien durch die inzwischen stark verschulten Lehrveranstaltungen und das beschleunigte Bachelor-Studium zeitlich so sehr gebunden, dass Schlafen, Atmen und Nachdenken niedrige Priorität haben und in den Ferien nachgeholt werden – wenn überhaupt. Die Zeit ist oft so begrenzt, dass viele Studenten mehrere Veranstaltungen gleichzeitig belegen: Sie bitten Kommilitonen darum, in der Mensa für sie mitzuessen, auf der Toilette für sie mitzupinkeln und bei Partys auch ihren Namen in die Anwesenheitsliste einzutragen.

    Den größten Einschnitt in den studentischen Alltag stellten zweifelsohne die Studiengebühren dar. »Das sind 500 Euro plus 285,54 Euro „Semestereiträge“, die im Portemonnaie der Eltern fehlen«, sagt Ausgedachter-Nachname. Die Gebühren sind allerdings nicht ausschließlich negativ besetzt. Besonders Studenten, die Aufgeblähte-Verwaltungswissenschaften studieren, freuen sich auf die vielen neu entstandenen Jobs bei der studentischen Gebühreneinzugszentrale; besonders ausgefuchste BWLer bieten ihren Kommilitonen bereits jetzt Kleinkredite an (Zigaretten, Notizpapier, Münzen zum Kopieren).

    Angesichts der neuen Belastungen blüht das Sozialleben der Studenten in neuer Form wieder auf: sich gegenseitig die Bücher verstellen, Kopiervorlagen aus dem Semesterapparat klauen, mit »lieben« Freunden auf einen vergifteten Kaffee gehen – auch nach der Vorlesung bleibt noch genug zu tun, um lästige Konkurrenten auszustechen und die eigene Halbwertszeit zu erhöhen. »Man tut, was man kann. Gottseidank kann ich nichts«, schmunzelt Britain und würgt an seinem Kaffee.

    Klagen über die Lebensbedingungen der »Generation Praktikum« kommen überraschenderweise nicht von den Studenten, sondern von Vertretern der Wirtschaft: »Hochqualifizierte Akademiker, die für ein Taschengeld arbeiten, sind eine große psychologische Belastung für die Unternehmen«, meint der Wirtschaftsfuzzi Peter Fuzzi. »Irgendwann kommen die Studenten nämlich darauf, wie grauenhaft die hier ausgebeutet werden. Dann ist das Geschrei natürlich groß und die Revolution nicht weit. O Gott, ich freu mich schon so!«

    Auch die Rolle der Professoren verändert sich, vom Bild des kauzigen Stubengelehrten ist nicht mehr viel übrig. Viele Hochschullehrer verstehen sich heute als Dienstleister, so etwa, wenn sie nach der Freistellung bei Lidl neu anfangen. Die meisten sehen der Hochschulreform mit gemischten Gefühlen entgegen, z.B. Hass gemischt mit Wut. Hanspeter Peterhannes, Dozent in den Fächern Heimat- und Sachkunde, resümiert: »Kein Mensch weiß, was Bachelor und Master überhaupt wert sind.« Die alten Abschlüsse hingegen, wie Diplom, Magister oder Hausratversicherung, seien heute ihr Gewicht in Gold wert. »Aber was bringt so ein DIN A4-Blatt schon auf die Waage? Ein paar Gramm!«

    An den Hochschulen hat insgesamt ein Generationenwechsel stattgefunden: die 68er sind weg – inzwischen schon seit 46 Jahren. Aktuell schreibt man das Jahr 2014, auch »14« genannt. Die Einsvierer sind unpolitisch, Protestaktionen gibt es an den Hochschulen nicht mehr; stattdessen sind Demos und organisierter Widerstand an der Tagesordnung. Idyllische Szenen, wie man sie sich vor vierzig Jahren kaum hätte vorstellen können.

    Der Erfolg des neuen Hochschulmodells ist vor allem auf einen Namen zurückzuführen: Satan. Die engagierte ehemalige Doktortitelträgerin und Bundesbildungsministerin Annette Satan (Name wird z. T. anders geschrieben) hat schon als baden-württembergische Landesministerin der Kabinette Teufel II, Teufel III und Luzifer IV der Hochschulpolitik ihre eigene Handschrift aufgedrückt, etwa wenn sie Regierungsbeschlüsse unterschrieb. »Die Zukunft der jungen Generation ist unser aller Zukunft«, faselt die verhärmte Schreckgestalt heute, wenn sie Kinder in ihr römisches Knusperhäuschen lockt. Satan gibt sich kämpferisch und hat schon mehreren Vatikan-Kritikern die Nase gebrochen: »Man hat mir vorgehalten, aus den ehemals selbständigen Universitäten lebensfeindliche Kaderschmieden gemacht zu haben, in denen jegliche Freiheit – vor allem sie zum Denken – allmählich erstickt wird. Warum fällt es vielen so schwer, das als Chance zu begreifen?«

    Britain Love Druckser jedenfalls hat die Zeichen der Zeit verstanden. Er will sein Studium wenigstens zum Teil im Ausland absolvieren, hat dazu viele seiner Organe an die ukrainische Mafia verkauft – auch zur Gegenfinanzierung der Gebühren. Würde er sich noch mal entscheiden, ein Studium anzufangen? Britain humpelt zum Control Panel seiner digitalen Endgeräte, blickt lange und trübsinnig drein. Er ist stiller und nachdenklicher geworden, seit sein linker Schläfenlappen auf eine ukrainische Adelige verpflanzt wurde. Der »Brain Drain«, der deutschen Geist ins Ausland zieht, bleibt ungebrochen. Doch ob Britain eines Tages hinterherziehen oder weiter katatonisch ins Leere stieren wird, bleibt abzuwarten. Im Hintergrund dudelt die Leuphana-Hymne: »We say „Nachhaltigkeit“, but we mean „Verkaufen“…. «

  5. Das Rankingbewusstsein scheint mir in Lüneburg nur mangelhaft ausgebildet.

    Führen Ranglistenplätze (konditionierter Stimulus/Reiz) eigentlich nur in Business-Schools, kommunalen Behörden und Ministerialbürokratien des Kultus zu Speichelabsonderung, Vernunftopfern und Glaubenskotaus (bedingte Reaktion)?

    Letzten Samstag vor der Party habe ich mich extra schön gemacht: Zähne geputzt mit blend-a-med (Stiftung Warentest 11/06: sehr gut), unter der Dusche Caribic Pflegedusche verwendet (Testsieger Stiftung Warentest 5/06), danach ins Peek & Cloppenburg-Herrenhemd Gilberto geschlüpft (Testsieger Stiftung Warentest 11/06). Die Tatsache, daß ich später wieder allein nach Hause kam, zeigt in erschreckender Weise vor allem, wie gering in dieser Stadt Qualität und Wertarbeit noch immer geschätzt werden.

  6. Was die Experten sagen:

    „Typisch: Frauen erwirtschaften – bei gleicher Qualifikation – weit geringere Schwarzgeldsummen.“
    Alice Schwarzer, Frau

    „Es handelt sich nicht um Kinkerlitzchen, für 48 Millionen bekommt man ein komplettes Badezimmer.“
    Tebartz-van Elst, Bauherr

    „Zig Millionen auf der Bank, die nie ins Spiel kommen? Na und, das ist eben der Fußball von heute.“
    Franz Beckenbauer, Experte

    „Selbst wenn Hoeneß nach Russland flieht, bleibt er Präsident. Ich bin es ja auch noch.“
    Viktor Janukowitsch, Amtskollege

    „Empörend, wie dieser Prozess sich endlos in die Länge gezogen hat!“
    Hartmut Mehdorn, Krisenmanager

    „Mit den Knast-Tattoos wird endlich ein richtiger Fußballer aus ihm.“
    Mario Mandzukic, FC Bayern Brain

    „Wir als Pannenhelfer können das Wort Steuerhinterabschleppung noch nicht einmal richtig schreiben.“
    Privatdozent Dr. August Markl, Interimspräsident des ADAC

    „Der hat bestimmt auch Millionen ‚Wetten dass?‘-Zuschauer unterschlagen!“
    Markus Lanz, Moderator

    „Über die Verfassungsmäßigkeit der 1-Million-Euro-Hürde wird noch zu reden sein…“
    Andreas Voßkuhle, Präsident des Bundesverfassungsgerichts

    „In unserer Branche gibt es einfach zu viele Amateure.“
    Sepp Blatter, Korruptionsprofi

    „Wenn die Steuerschuld von Herrn Hoeneß noch ein wenig steigt, können wir vielleicht doch das Kindergeld vor 2016 erhöhen.“
    Wolfgang Schäuble, Finanzminister

    „27 Millionen? Und wo ist da das Verbrechen?“
    Julia Timoschenko, Gesinnungsethikerin

    „Kann ich mit Thiago zahlen?“
    Uli Hoeneß, Steuerhinterzieher

    „Er braucht jetzt einen besseren Krisenmanager und Rechtsbeistand.“
    Christian Wulff, Anwalt

    „Wording und Performance waren suboptimal. Organizational Leadership bedeutet Finanzierungskonzepte des Neuen Typs so darzustellen, dass sie als Entrepreneurship-Solutions für Challenges der Zivilgesellschaft des 21. Jahrhunderts erscheinen.“
    Holm Keller, hauptberuflicher Vizepräsident und Audi-Max für Innovations-Inkubator