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In der kommenden Woche drohen in Lüneburg Warnstreiks im öffentlichen Dienst. Foto: t&w
In der kommenden Woche drohen in Lüneburg Warnstreiks im öffentlichen Dienst. Foto: t&w

Gewerkschaften im Aufschwung

ca Lüneburg. Die Auseinandersetzung um Lohnerhöhungen im öffentlichen Dienst von Bund und Kommunen erreicht auch Lüneburg. Die Gewerkschaft ver.di ruft für Montag, 17. März, in der Hansestadt zu einem voraussichtlichen Warnstreik auf. Gestern kamen Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter zu einer Verhandlungsrunde in Potsdam zusammen, die brachte kein Ergebnis. Lüneburgs ver.di-Chef Matthias Hoffmann will sich mit seinen Kollegen um 9 Uhr am Theater treffen, von dort führt ein Marsch zum Marktplatz und einer Kundgebung. Hoffmann: „Wir rechnen mit rund 500 Teilnehmern.“ Betroffen sind unter anderem Kindertagesstätten, Verwaltungen, Bauhöfe, Psychiatrische Klinik und Jobcenter.

Das ist nur ein Thema, das die Gewerkschaften aktuell beschäftigt, denn derzeit laufen auch die Betriebsratswahlen. Der Organisationsgrad fällt unterschiedlich aus. Hoffmann freut sich daher, dass es künftig auch beim Versandhändler Deerberg mit seinen 400 Beschäftigten eine Arbeitnehmervertretung geben dürfte. Mitarbeiter und Vertreter aus der Sparte Handel bei ver.di haben es in den vergangenen Monaten geschafft, eine Lösung mit Mitarbeitern und Geschäftsleitung zu finden. Die nächste Firma hat Hoffmann bereits im Blick: ein Callcenter. „Dort ist es schwierig, reinzukommen, weil wir auf keine Strukturen zurückgreifen können.“

Gewerkschafter wissen, dass viele Chefs Betriebsräte für Teufelszeug halten, glauben, dass sie sich mit ihnen über Nickeligkeiten streiten müssen. Rainer Näbsch, Bevollmächtigter der lokalen IG Metall, sieht das anders. Er betont, dass die Gewerkschaft in der Wirtschaftskrise 2008/09 auf Kurzarbeit gesetzt habe, das kam Firmen zugute, die weiterhin Fachleute an den Werkbänken stehen hatten, als der Wirtschaftsmotor wieder rundlief. In Sachen Arbeitszeitkonten und -flexibilisierung sei die IG Metall den Unternehmen entgegengekommen: „Bei den Chefs hat sich unser Leumund verändert.“

Auch die Beschäftigten goutieren die Linie, die das Ziel hat, Jobs zu sichern. Es treten so wieder jüngere Leute in die Gewerkschaft ein. Die Zeiten des großen Schwundes der vergangenen Jahre seien vorbei: „Unsere Mitgliederzahl hält sich ziemlich stabil.“ Sogenannte Abgänge würden ausgeglichen. In den Kreisen Lüneburg, Uelzen und Celle vertritt die IG Metall gut 6000 Mitglieder. Während der Organisationsgrad in der Industrie hoch ist, machen Näbsch wie auch seine Mitstreiter die Erfahrung, in kleineren Firmen ist es schwieriger, Belegschaften zu erreichen. Es gebe oftmals Unmut, doch den letzten Schritt, einen Betriebsrat einzurichten und sich zum Vorsitzenden wählen zu lassen, mag nicht jeder gehen: „Einige schrecken im letzten Moment zurück.“

Ganz anders lief es jetzt bei Packfisch. Dort hatten sich rund 130 Kandidaten zur Betriebsratswahl gemeldet. Ein Sonderfall, wie Silke Kettner von der Gewerkschaft NGG natürlich weiß. Denn Betriebsräten kann eine Firma kaum kündigen. So einen Schutz nimmt man vermutlich gerne wahr, wenn wie bei dem Tiefkühlfischproduzenten Entlassungen anstehen und gar über eine Schließung des Standortes diskutiert wird. Auch die Lüneburger NGG, sie ist für 3200 Mitglieder in sechs Kreisen zwischen Fallingbostel, Verden, Harburg und Lüchow zuständig, kann nicht über mangelndes Interesse klagen. Kettner sagt: „Wir hatten zehn Prozent Zuwachs in den vergangenen zwei Jahren.“ Baustellen hat die NGG, denn einige Lebensmittelbetriebe in der Region haben keine einfachen Zeiten hinter sich: Molda, DeVauGe und eben Pickenpack.

Schwierig sei es in der Gastronomie, wo es so kaum Betriebsräte gebe. Doch immer wieder melden sich Mitglieder aus Kneipen und Restaurants, die Fragen haben zu Bezahlung oder Rechtsschutz. Insofern sei die Gewerkschaft auch dort verankert.

Ver.di mit zahlreichen Unterabteilungen von Verwaltung über Medien bis Handel zählt rund 17000 Mitglieder in sechs Landkreisen. Geschäftsführer Hoffmann und seine Kollegen müssen sich neuen Herausforderungen stellen. Denn durch das Internet schwächeln alte Branchen und neue Anbieter, vor allem im Dienstleistungssektor, entstehen. Die Post hat beispielsweise Konkurrenz durch private Zustelldienste bekommen. Über eigene Internetauftritte versucht ver.di, dort Fuß zu fassen, setzt zudem auf Aufklärung vor Ort.

Ein weiterer Ort eröffnet Chancen, Mitglieder zu gewinnen, sind sich die Gewerkschafter einig: die Berufsschulen. Dort informieren sie über ihre Themen. Und mancher Auszubildende tritt einer Gewerkschaft bei. Da gilt ein altes Motto: Gemeinsam sind wir stark, zusammen erreichen wir mehr als alleine.