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In einer amerikanischen Wochenschau ist zu sehen, wie bei einem Angriff am 7. April 1945 Bomben auf Lüneburg fallen. Ein Bordschütze sagt dazu, so ein Feuer wie in diesem Fall habe er bei anderen Flügen noch nicht gesehen. Der Film liegt im Stadtarchiv. Repro: ca
In einer amerikanischen Wochenschau ist zu sehen, wie bei einem Angriff am 7. April 1945 Bomben auf Lüneburg fallen. Ein Bordschütze sagt dazu, so ein Feuer wie in diesem Fall habe er bei anderen Flügen noch nicht gesehen. Der Film liegt im Stadtarchiv. Repro: ca

Explosive Vergangenheit

ca Lüneburg. Wenn die Stadt im Bereich der Theodor-Körner-Kaserne wachsen will, um dort Gewerbe anzusiedeln oder Wohnungen bauen zu lassen, könnten dort Evakuierungen wie jetzt rund um das Baugebiet an der Wittenberger Bahn anstehen. Denn auch in diesem Bereich haben britische und amerikanische Bomber ihre tödliche Fracht abgeworfen. Wie viele Blindgänger im Boden schlummern, weiß niemand. Aber die Kaserne im Osten Lüneburgs, der Bahnhofsbereich und die Scharnhorst-Kaserne zählten zu den Hauptzielen, über denen die Alliierten die Sprengkörper zu Hunderten fallen ließen. Und eine Faustregel der Entschärfer besagt: Jeder zehnte war ein Blindgänger.

Um zu wissen, welch gefährliches Erbe aus Krieg und Nazi-Zeit seit Jahrzehnten unter der Erde lauert, hatte die Stadt 2010 bei einem Ingenieurbüro für 50000 Euro ein Gutachten in Auftrag gegeben. Dort werden die drei Schwerpunkte genannt. Insgesamt habe es 19 Luftangriffe im Raum Lüneburg gegeben, zitiert Stadtsprecher Daniel Steinmeier aus der Expertise. Den ersten vom 20. auf den 21. Juli 1940. Im Visier war der Fliegerhorst, auf dem die Wehrmacht ihre Kampfflugzeuge stationiert hatte. Er reichte damals noch um ein gutes Stück über die heutige Dahlenburger Landstraße hinaus. Entsprechend groß dürfte das Areal sein, auf das die Bomben fielen. Doch nicht nur dort öffneten die Piloten die Bombenschächte ihrer Maschinen. In Notizen von Stadtchronist Herbert Ahlers, die sich im Stadtarchiv finden, ist beispielsweise auch von Abwürfen auf den Grimm zu lesen.

Anfang 1945 nahmen die Briten und Amerikaner die Bahninfrastruktur stärker in den Fokus, das erklärt die massiven Angriffe am 22. Februar und am 7. April desselben Jahres auf Bahnhof und Güterbahnhof. Kurz darauf, am 18. April 1945, ging für Lüneburg der Zweite Weltkrieg zu Ende. Stadtkommandant von Bülow übergab die Salzstadt kampflos an die Engländer und ersparte der Tausendjährigen so größere Zerstörungen.

Aus dem Gutachten hat die Verwaltung Konsequenzen gezogen. „Wer in den kritischen Bereichen bauen will, muss dort gezielt nach Munition suchen lassen“, sagt Stadtsprecher Steinmeier. Genau das passiert gerade an der Wittenberger Bahn. Wie berichtet, wollen dort Bauträger Manfred Schulte und seine Partner unter anderem 300 Wohnungen hochziehen. In 25-Meter-Schritten durchkämmen Experten das Areal, 30000 Quadratmeter sind abgesucht, 50000 weitere stehen in den kommenden Monaten an. Vier Blindgänger wurden entdeckt, doch ob das alle waren, darf mit einem Fragezeichen versehen werden. In einem Punkt sind sich Steinmeier und Schulte einig: Am Ende ist dieses Gelände „bombenrein“, dort droht kein Risiko mehr.

Schulte kennt den Vorschlag von Anwohnern, man könne Funde doch sammeln, um sie gemeinsam unschädlich zu machen und so die Evakuierungen zu reduzieren: „Aber das hat der Kampfmittelräumdienst aus Sicherheitsgründen abgelehnt.“ Steinmeier macht auf eine andere Gefahrenquelle aufmerksam: Das Gutachten besage, dass Blindgänger, die in Flüsse und Seen oder an deren Ufern versanken, durch das Auswerten von Luftaufnahmen, welche die Alliierten nach ihren Flügen anfertigten, nicht auszumachen sind. Eben deshalb sei dort jetzt intensiv gesucht worden. Umweltverbände hatten das Vorgehen in Schutzbereichen kritisiert.

Vor fast 70 Jahren ging der Krieg zu Ende, doch eins dürfte sicher sein: An den Folgen und Hinterlassenschaften wird auch Lüneburg noch jahrelang zu tragen haben.