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Dr. Edgar Ring (l.) u. Architekt Lennart Hellberg zeigen auf eine Rosette in der Decke des Tonnengewölbes.
Dr. Edgar Ring (l.) u. Architekt Lennart Hellberg zeigen auf eine Rosette in der Decke des Tonnengewölbes.

Alte Pracht kehrt zurück

ca Lüneburg. Seinem ersten Herrscher floss eine wahre Eloge auf sein Reich aus der Feder: „Eine Geschichte Lüneburgs zu schreiben, wäre undenkbar ohne die Wiedergeburt des Stadtarchivs.“ Der Bau sei der Weitsicht von Oberbürgermeister Keferstein und Bürgervorsteherworthalter Gravenhorst zu danken, Stadtbaumeister Kampf habe ihn mit einem „ansprechenden Treppengiebel entworfen“ und der Lüneburger Künstler „Richard Schröder hat das Tonnengewölbe, der Kunstdenkmäler des Rathauses würdig, al fresco bemalt“. Prof. Dr. Wilhelm Reinecke, Stadtarchivar, wirkt wie die pure Freude, als er 1899 in eines „der schönsten Stadtarchive Deutschlands“ einziehen darf. Endlich Übersicht und Klarheit. Denn zu diesem Zeitpunkt gräbt er sich seit vier Jahren durch Lüneburgs Jahrhunderte, es wird seine Lebensaufgabe.

Inzwischen ist der Teil, der zu den jüngsten der Rathausgeschichte gehört, in die Jahre gekommen. Nachdem das Stadtarchiv 2009 an die Wallstraße umzog, konnten Fachleute Schäden sehen und die Verwaltung hatte sich bereits überlegt, was sie mit dem Raum machen möchte. Der soll restauriert und zum Sitzungssaal werden. Aktuell führen Handwerker das Regiment. Der Hamburger Architekt Lennart Hellberg hat die Konzeption für das Vorgehen entworfen.

Er beschäftigt sich im aktuellen Heft ,,Denkmalpflege 2013″ mit den Arbeiten und den 110 Jahren des Gemäuers als „Gedächtnis der Stadt“. Der Verein Stadtarchäologie um Dr. Edgar Ring gibt die Reihe heraus.

Wer über die Gerüste nach oben steigt, vorbei an leeren Regalböden, in denen laut Reinecke eine „Fülle archivalischer Funde der Hebung harrte“, und dann an einem Fries aus glasiertem Stein, den Ranken und Löwen zieren, der ahnt die Erhabenheit der Räume. Hoch droben erhebt sich das Tonnengewölbe, Figuren zeigen einen Geistlichen, vermutlich Luther, dazu einen Handelsherren und Bürgermeister, daneben Wappen von Hansestädten wie Lübeck, Göttingen und Salzwedel, an der Stirnseite ein Bleiglasfenster mit dem Welfenross. Alles läuft auf das Bildnis einer Frau zu, welche die Wappen der Stadt und des Fürstentums Lüneburgs hält.

Die Stadt hat sich hier im Stil des Historismus eine Bedeutung gegeben, die sie um 1900 gar nicht mehr hatte. Ihre Macht und Würde, auf die sich auch Reinecke beruft, lag da lange zurück. Der Salzhandel und der Bund der Hanse hatten Lüneburg einst reich und mächtig gemacht. Eine Großstadt vergleichbar mit Hamburg. Doch als das Archiv gebaut wurde, war die wirtschaftliche und politische Bedeutung überschaubar.

Die Bauherren griffen die alte Zeit auf. Denn vor dem Archiv hatte an dieser Stelle die Ratsküche ihren Sitz, und so findet sich ein angedeuteter Kamin in dem Raum, eine Erinnerung an die alte Feuerstelle.

Der Platz, den Reinecke als üppig empfand, reichte nach Jahren nicht mehr aus. So zogen Handwerker in den 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts direkt unter das Gewölbe eine dünne Betondecke, darunter verankerten sie ein über mehrere Etagen reichendes gewaltiges Regalsystem. Wer dort einen Blick hinwerfen durfte, weiß, wie man sich durch Berge von Papier schob, vorbei an Kämmereirechnungen, Stößen von Akten, an Papieren in Kanzleischrift, die den ungeübten Besucher an ein großes Krikelkrakel erinnerten. Vorbei. Alles umgelagert, unter angemessenen Bedingungen.

Hellberg erklärt, dass Fachleute die „Hülle“ herrichten. Sie arbeiten Fenster auf, richten Türen, schließen Risse, reparieren unter einem großen Zelt Dach, Gebälk und Aufhängung des Tonnengewölbes.

Im Juni soll die weiße Hülle verschwinden. Später sollen Restauratoren die Malereien im Gewölbe wieder erstrahlen lassen: „Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz gewährt einen Zuschuss von 35000 Euro.“ Auch ein mächtiger Leuchter findet dann wieder seinen Platz in dem Saal.

Und wenn die Stadt einlädt zu einer Sitzung in diesem „kostbarsten Kleinod der Stadt“, um noch einmal Reinecke zu zitieren, dann fühlen sich Gäste der 1000-jährigen Geschichte ganz nah, auch wenn es ein bisschen wie bei Walt Disney wirkt.

Das Heft ,,Denkmalpflege 2013″ beschäftigt sich mit weiteren Themen wie der Restaurierung einer Tapete aus dem 19. Jahrhundert und einer Bilanz über die Stadtarchitektur der vergangenen fünf Jahrzehnte. Es ist im Buchhandel erhältlich.