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Dr. Andreas Bernard forscht am Center for Digital Cultures der Leuphana Universität Lüneburg zu einem sich durch soziale Netzwerke wandelnden Verständnis von Selbstinszenierung.
Dr. Andreas Bernard forscht am Center for Digital Cultures der Leuphana Universität Lüneburg zu einem sich durch soziale Netzwerke wandelnden Verständnis von Selbstinszenierung.

Das Menschenbild der Gegenwart

mm Lüneburg. Techniken, die einst ausschließlich zur Verbrechensbekämpfung genutzt wurden, dienen heute der spielerischen Pflege von Freundschaften im Internet. An die 1,3 Milliarden Menschen tummeln sich weltweit auf Facebook, das ist rund ein Fünftel der Erdbevölkerung. Sie alle besitzen ein digitales Profil, Ortungsfunktionen werden zur Bekanntgabe des eigenen Nachtlebens oder der jüngsten Lauf-Erfolge genutzt. Noch in den 80er-Jahren gab es massive Widerstände gegen Volkszählungen oder maschinenlesbare Ausweise, nun wandelt sich die Angst vor der Erfassung in eine Lust an Öffentlichkeit und Selbstdarstellung. Dr. Andreas Bernard ist wissenschaftlicher Leiter des Schwerpunkts Digitale Medien im Innovationsinkubator der Leuphana, am Center for Digital Cultures erforscht er wissensgeschichtliche Ursprünge und Kontexte, nach denen sich die Entwicklung der multimedialen Selbstdarstellung vollzieht. Über seine ersten Überlegungen und Erkundungen referierte er im Stadtarchiv.

„Selbstdesign Über das Menschenbild der Gegenwart“ betitelte der Kulturwissenschaftler seinen Vortrag. Unter Selbstdesign versteht der gebürtige Münchener „Möglichkeiten und Techniken, die eigene Existenz, die eigene Biographie fortwährend zu präsentieren und sich selbst in einem öffentlichen Rahmen in Szene zu setzen.“ Die 80er- und 90er-Jahre wirken für Bernard schon wie eine „weit entfernte, fremde Epoche“. Es war eine Zeit, in der man sich noch mit einem Slogan auf einem Sticker am Revers der Jacke präsentierte. Solch limitierte Darstellungsformen seien für junge Menschen heute kaum noch vorstellbar. Stattdessen gibt es flächendeckende Systeme der Kommunikation und der Selbstpräsentation.

Bei sämtlicher Betätigung in sozialen Netzwerken gehe es darum, „die eigene Existenz möglichst genau erfassbar zu machen.“ Das sei wissensgeschichtlich „hochinteressant, denn genau diese Formen von Wissensproduktion über den Menschen kommen ja ursprünglich aus einem ganz anderen Kontext, und zwar einerseits aus der Polizei- und Fahndungstechnik und andererseits aus der Medizin- und Psychiatriegeschichte“, erklärt Bernard. Der Wissenschaftler denkt dabei an die Ortungstechnik: „Bis vor knapp zehn Jahren hat man über GPS, also das Global Positioning System, nur Personen gesucht, die etwas ausgefressen haben. Noch 2004 traf das Bundesverfassungsgericht eine viel diskutierte Entscheidung, dass die polizeiliche Ortung von Personen, ohne Kenntnis der Verdächtigen, nur unter strengen Auflagen und Bedingungen erfolgen dürfe. Nun kommen diese Techniken vor allem im Namen der Kommunikation und der Freundschaft zum flächendeckenden Einsatz, weil man wissen will, in welcher Bar oder in welchem Club die Freunde gerade feiern, oder weil eine Sportmarke die Laufleistung aller Mitglieder seiner Jogging-Community im Netz sichtbar machen will.“

Nach Bernards Worten könne es bei seinem Projekt auch nur „um den Bedeutungswandel eines einzigen Begriffs gehen, und zwar dem der Erfassung.“ In Deutschland führten Ereignisse wie die Einführung eines maschinenlesbaren Personalausweises oder die Volkszählung 1987 zu einer riesigen Protest- und Boykottbewegung, „der Akt der Erfassung barg enormes Erregungspotenzial“. Darüber könnten Nutzer von sozialen Netzwerken heute nur müde lächeln. 20 Fragen standen auf dem Mantelbogen zur Volkszählung, heute wisse Facebook fast alles, wolle gleich morgens wissen, wie es einem geht, ruft dazu auf, Fotos hochzuladen und das eigene Profil zu pflegen. Bernard sagt: „Die kollektive Angst vor der Erfassung ist einer paradoxen Lust an der Erfassung gewichen.“

One comment

  1. magnusausonius

    Wahrscheinlich korreliert das „enorme Erregungspotential“ der Volkszählungsgegner mehr mit dem heutigen Hype um die digitalen Medien, als Herrn Dr. Bernard bewußt ist und uns allen lieb sein sein kann. Wenn sich nämlich herausstellt, welche negativen Folgen der kollektive Exhibitionismus in den „sozialen Netzwerken“ haben wird, welche „karrierefördernde“ Wirkung beispielsweise geschmacklose Partyfotos bei der nächsten Bewerbung haben können, und was das permanente autistische Gedaddel auf Smartphones und Tablets an tatsächlichen Einbußen in der Lebensqualität bringt, dann könnte es auch hier sehr schnell mit der Begeisterung wieder vorbei sein. Wer sich seiner eigenen Existenz versichern und trotz aller Postings, Messages und Likes nicht als digitale Sternschnuppe im weiten Universum des Datenaustausches verglühen will, muß wohl schon etwas mehr Einsatz für die Allgemeinheit im wirklichen Leben erbringen.