Donnerstag , 29. September 2016
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Dr. Ulfert Tschirner und Dr. Heike Düselder blicken auf ein Modell Lüneburgs aus den 30er-Jahren. Es wird Teil des Ausstellungsbereiches über den Nationalsozialismus in der alten Salzstadt.
Dr. Ulfert Tschirner und Dr. Heike Düselder blicken auf ein Modell Lüneburgs aus den 30er-Jahren. Es wird Teil des Ausstellungsbereiches über den Nationalsozialismus in der alten Salzstadt.

Eine Dokumentation des Terrors

ca Lüneburg. Museum bedeutet Reduktion. Das ist schwierig, wenn man viel zu erzählen hat und ein heikles Thema wie den Nationalsozialismus erklären möchte. Das zeigte sich gestern, als Museumschefin Dr. Heike Düselder und ihre Mitstreiter das Konzept der Darstellung für Lüneburgs Zeit in der Gewaltherrschaft vorstellten. Mehr als eineinhalb Stunden erklärten die Beteiligten ihre Ideen. Die schiere Menge an Daten, Zahlen, Fakten passen gar nicht auf eine so begrenzte Fläche, wie sie ein Ausstellungsraum bieten kann. So muss das Museum die tiefdunkle Zeit der deutschen Geschichte in Schlaglichtern aufhellen.

Bei der Erarbeitung der Ausstellung arbeitet die Leiterin mit mehreren Partnern zusammen: dem emeritierten Prof. Dr. Dirk Stegmann, der als Historiker an der Lüneburger Universität intensiv über den Nationalsozialismus geforscht hat. Er gehörte zu den Autoren des Buches „Heimat, Heide, Hakenkreuz“, das in den 80er-Jahren als erste größere Auseinandersetzung mit der NS-Zeit in der Region erschien. Mit dabei sind auch Maren Hansen und Karl Hellmann von der Geschichtswerkstatt, vom Museum Anneke de Rudder, die erforscht, ob Exponate möglicherweise aus jüdischem Besitz stammen und eventuell auf zweifelhaftem Weg in das Haus gelangt sind, und Dr. Ulfert Tschirner als Kurator für Kulturgeschichte.

Laut Tschirner soll sich der Bereich Nationalsozialismus in vier Bereiche gliedern: jüdisches Leben, die sogenannte Volksgemeinschaft, Stadtentwicklung sowie Nachleben. Also was blieb vom Nationalsozialismus, was machten alte Nazis in der neuen Bundesrepublik? Ein Beispiel, dass Karriere in der NS-Zeit später kein Manko sein musste, ist Oberbürgermeister Wilhelm Wetzel, der 1936 ins Amt kam und nach 1945 für die FDP im Rat saß.

Sinnbildlich soll auch ein Foto dokumentieren, dass die zwölf Jahre des Terrors lange im Verborgenen blieben und sich die junge Republik in den 50er- und 60er-Jahren schwer tat, sich mit ihrer damals noch so nahen Vergangenheit auseinanderzusetzen. Das Bild zeigt Gauleiter Otto Telschow und seinen Stab. Es lag eingerollt unter dem Holzboden im Rathaus. Eben das soll auch in der Ausstellung erkennbar sein.

Jüdisches Leben möchte Tschirner mit einem Film über Ruth Lustig zeigen. Sie kam als Tochter eines jüdischen Zahnarztes in Lüneburg zur Welt. Die Familie war den Verfolgungen durch die Nazis ausgesetzt. Ruth Lustig, die eine neue Heimat in Israel fand, kam 2010 mit ihrem Sohn zurück. Begleitet wurde sie von einem Filmemacher. Die Eindrücke will das Museum ebenso zeigen wie etwa ein Bild der Sy­nagoge, dazu werden Tafeln über Vertreibung und Verfolgung informieren.

Ein Stadtmodell, das Lüneburg aus der Zeit um 1933 zeigt, soll auch die Entwicklung der Stadt in den Nationalsozialismus deutlich machen: etwa die Übernahme der Gerichte. So musste der eher liberale Präsident des Landgerichts, Wilhelm Puttfarken, der vor 1933 auch nationalsozialistische Schläger verurteilte, seinen Hut nehmen und wurde durch den Anwalt Fritz Bohlmann ersetzt, der eben jene Schläger etwa von der SA verteidigt hatte. Die Industrie- und Handelskammer bekam einen Geschäftsführer, der der NSDAP verbunden war. Nach dem Abbruch der Synagoge kaufte die IHK deren Gelände am Schifferwall für kleines Geld. Die heutige Psychiatrische Klinik war ein Tatort: Patienten verhungerten oder wurden mit Spritzen ermordet. Sie galten als lebensunwert

Volksgemeinschaft, das bedeutet nur eine begrenzte Gemeinsamkeit und vor allem den Ausschluss all derer, die man als vermeintlich minderwertig ansah, etwa Juden und Zigeuner. Aber auch Kommunisten, Sozialdemokraten und Christen wurden verfolgt. Gleichzeitig feierten die Nationalisozialisten sich durch Aufmärsche.

Im Herbst will das Museum öffnen und Spiegel der Geschichte der Region sein. Leiterin Düselder betonte, sie und ihre Kollegen haben durchaus im Blick, wie viele Informationen Besucher aufnehmen können. Es müsse es bei Akzenten bleiben. Sonderausstellungen könnten den Blick weiten.