Donnerstag , 8. Dezember 2016
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Voll, aber nicht vermüllt: Als Messie hat Janice Pinnow eine emotionale Beziehung zu unzähligen Gegenständen entwickelt, von denen sie sich nicht trennen kann. Sie sind ein Teil meines Lebens.
Voll, aber nicht vermüllt: Als Messie hat Janice Pinnow eine emotionale Beziehung zu unzähligen Gegenständen entwickelt, von denen sie sich nicht trennen kann. Sie sind ein Teil meines Lebens.

Die eigene Ordnung finden

us Lüneburg. Irgendwann spürte sie, dass mit ihr etwas nicht in Ordnung sein konnte. „Ich war mit der Familie im Urlaub. Die anderen sind zum Baden an den Strand gegangen, ich saß auf der Terrasse und habe Einkaufs-Quittungen sortiert“, beschreibt Janice Pinnow die Situation. „Ich war getrieben von dem Zwang, die Belege zu ordnen, und wehe, es funkte mir jemand dazwischen.“ Immer wieder spricht die 49-Jährige davon, wie wichtig es für sie ist, perfekt sein zu wollen so sehr, dass sie die hohen Ansprüche bei sich selbst nicht mehr erfüllen kann. „Ich habe keine Probleme damit, mich um die Behördenangelegenheiten anderer Menschen zu kümmern, meine eigenen bekomme ich nicht hin.“

Die Perfektion, die Janice Pinnow in ihrer Privatsphäre vergebens zu erreichen versucht, ist für sie zu einem Fluch geworden wie bei allen „Messie-Syndrom-Betroffenen“, wie sie sich selbst bezeichnen. Weil sie schon im Ansatz erkennen, die selbstgesteckten hohen Messlatten am Ende doch nicht überspringen zu können, geben sie auf, noch bevor sie überhaupt begonnen haben, egal, wie groß oder klein die Aufgabe auch sein mag. Ein fatales Muster, das zur völligen Blockade führen kann.

„Messies sind Perfektionisten“, sagt Janice Pinnow, die bereits mehrfach in Fernsehsendungen über das Messie-Syndrom gesprochen hat und Vorsitzende des Landesverbands der Messies im norddeutschen Raum (Melano) ist. Und als würde sie den Widerspruch spüren, der zwischen ihrer Aussage und ihrer mit tausend Dingen vollgefüllten kleinen Wohnung offenbar wird, schiebt sie auch gleich eine Erklärung hinterher: „Zum Messie-Syndrom gehört das unbewusste Zuwiderhandeln gegen empfundenen Zwang.“ Mit anderen Worten: „Sobald mir eine Vorgabe gemacht wird, beispielsweise der Termin für die Abgabe von Anträgen oder ein Arzttermin, bekomme ich ein Problem. Nicht einmal mit meinen eigenen Vorgaben komme ich zurecht.“ Und weil auch das noch nicht reicht, um die „Komplexität dieser Krankheit, die hier leider als solche noch nicht anerkannt ist“, darstellen zu können, fährt sie fort: „Messies leiden zusätzlich unter Depressionen, Ängsten, Zwängen und unter stofflichen und nichtstofflichen Süchten wie Kauf- oder Arbeitssucht.“

Den Grund für ihre eigene Störung sieht sie vor allem in ihrer frühen Kindheit und ihrem strengen Elternhaus. Weil sie sich nie wirklich angenommen fühlte, habe sich daraus der Zwang entwickelt, perfekt sein zu müssen, um die Liebe und Anerkennung der Eltern zu bekommen „letztlich ein verzweifeltes und vergebliches Unterfangen“, wie sie heute weiß. Sie spricht deshalb auch von einer „Beziehungs-Störung“. Als sie sechs war, hatte sie ihr erstes Erlebnis, das sie aus heutiger Sicht mit dem Messie-Syndrom in Verbindung bringt. Damals hatte sie mit Legosteinen gespielt „und jeden erwürgt, der auch nur einen einzigen Stein genommen hätte“. Mitte Dreißig fiel ihr ein Buch in die Hände, in dem sie über die Messie-Krankheit und „wie über mein eigenes Leben“ las.

Das Ansammeln von Gegenständen, das in Wirklichkeit ein Nicht-Trennen-Können sei, beschreibt Pinnow als Ersatz für fehlende Liebe in jungen Kindheitsjahren. „Alle Dinge bekommen einen emotionalen Wert und nicht selten sind sie das Nest, das Messies um sich herum aufbauen und in dem sie sich sicher fühlen.“ Die häufige Vorstellung, dass Messies in Müll und Unrat versinken, sei so nicht richtig. „Das gibt es zwar auch mal, ist aber die große Ausnahme.“

Heute ist ihr klar: „Messies sind emotional auf dem Stand eines Kleinkindes. Eine Stabilisierung ist nur möglich, wenn sie ihre unterbrochene Reifung nachholen.“ Sie seien nicht in der Lage, ein Urteil darüber zu fällen, was für sie wichtig oder unwichtig ist. Und sie bräuchten psychologische Hilfe, damit sie lernen, mit ihren eigenen Blockaden umgehen zu können. „Es gilt, die eigene Ordnung zu finden.“

Ein bisschen Ordnung und Hilfe will sie anderen Menschen, die ebenfalls unter dem Messie-Syndrom leiden, mit ihrer Selbsthilfegruppe geben. „Wir treffen uns jeden zweiten und vierten Freitag im Monat, immer um 19.30 Uhr im Parlü in der Thorner Straße 19 in Lüneburg“, sagt Janice Pinnow, wohlwissend, dass solche vorgegebenen Termine für Messies eine schwer zu knackende Nuss sind. „Es ist ein Angebot, kein Muss“, sagt sie. Wer Interesse hat, kann sich bei ihr unter Tel.0171/6981994 melden.