Aktuell
Home | Lokales | Lüneburg | Damit vom Lösecke-Haus etwas weiterlebt
Thomas Thämlitz zeigt den Holzbalken aus dem Lösecke-Haus, aus den daraus geschnittenen Platten hat er bereits eine Decke für eine Gitarre gefertigt. Ein Instrument soll Huw Hamilton bekommen, sein Lokal Irish Pub brannte ab.
Thomas Thämlitz zeigt den Holzbalken aus dem Lösecke-Haus, aus den daraus geschnittenen Platten hat er bereits eine Decke für eine Gitarre gefertigt. Ein Instrument soll Huw Hamilton bekommen, sein Lokal Irish Pub brannte ab.

Damit vom Lösecke-Haus etwas weiterlebt

as Lüneburg. Gerade mal dreieinhalb Wochen hatte Thomas Thämlitz im Lösecke-Haus gewohnt, als das Baudenkmal am Stint Anfang Dezember einem verheerenden Brand zum Opfer fiel. Thämlitz ist Instrumentenbauer. Er hatte seine Werkstatt in dem Haus, in dem Huw Hamilton seinen Irish Pub betrieb. Die beiden verbindet nicht nur eine Freundschaft, sondern Thämlitz hatte für Hamilton auch drei Gitarren gebaut. Auch die wurden bei dem Feuer vernichtet. Doch nun setzt der Instrumentenbauer ein wunderbares Projekt um: Aus einem alten Holzbalken, den er im Schutt fand, will er zwei Gitarren und eine Geige schaffen eine davon für Hamilton. ,,Denn ein Instrument hat etwas zu sagen, damit bleibt vom Haus ein Stück Leben über.“

Holz ist für Thämlitz ein Lebenselixier. ,,Das riecht doch einfach super, super gut. Holz ist warm, ist Natur, einfach schön“, sagt er in seiner Werkstatt stehend. Die hat er inzwischen in seiner neuen Wohnung an der Goethestraße eingerichtet. Dass er in dem Mehrparteienhaus seinem Handwerk, seiner Leidenschaft nachgehen darf, ist im Mietvertrag verankert natürlich mit Rücksicht auf die anderen. An den Wänden des acht Quadratmeter großen Raumes hängen Werkzeuge, in Regalen stapeln sich Hölzer, auf allem liegt eine Patina aus feinem Holzstaub. Das Lösecke-Haus, das sei schon der absolute Traum für seine Werkstatt gewesen. ,,45 Prozent Luftfeuchtigkeit, optimal zum Arbeiten.“ Vergangenheit seit der Feuernacht. Doch wenige Tage danach durften er und die anderen Bewohner noch einmal in den Trümmern, dem Schutt, nach wichtigen Habseligkeiten suchen. Thämlitz fand nicht nur seinen Laptop nebst Festplatte, konnte so den Geschäftsordner seiner Firma ,,Holzblut“ sichern, sondern stieß auch auf einen ,,fetten Holzbalken“, 4,80 Meter lang. „Da habe ich mir gesagt: Wenn ich wieder auf den Füßen bin, baue ich da­raus ­Instrumente. Damit etwas bleibt von dem Haus.“

Nun steht in einer Ecke seiner Werkstatt ein 75 Zentimeter langes Teil des Balkens. „Unglaublich, 400 Jahre alt. Sieht doch aus wie frisch aus dem Wald“, meint er schwärmerisch. Mit einem Freund habe er den Balken in mehrere 75 Zentimeter lange Stücke zerteilt. Nur eines kann er verwenden, weil es kaum Ästelungen aufweist. In der Mitte wurde es gespalten. Denn beim Gitarrenbau müssten die Jahresringe stehend sein, damit das Holz in der Halsrichtung steif sei, weil sich darüber die Saiten ziehen, erläutert er. Aus den Blöcken würden ,,Tortenstücke“, zwei gleich große Platten, geschnitten, ,,die dann aufgeklappt werden wie ein Buch, und auf diese wird dann die Schablone für die Decke aufgezeichnet“.

Wer nun glaubt, dass Thämlitz das Handwerk bei einem Instrumentenbauer von der Pike auf gelernt hat, liegt falsch. Der 32-Jährige ist Autodidakt. Das Arbeiten mit Holz war für den einstigen Einzelhandelskaufmann erst einmal Hobby, hat ihn irgendwann „voll angetickert“, wie er sagt. Doch nur Stühle und Regale bauen, fand er auf die Dauer zu öde. Der letzte Kick, warum er Gitarrenbauer geworden sei, hat mit Schellack-Politur zu tun. Die gilt als Königsform der Oberflächenbehandlung, wie er strahlend erzählt und dabei über die erste Decke streicht, die er nun schon aus dem Holzbalken gefertigt hat. Der Balken sei aus Kiefernholz, eigentlich nicht so „super-gut“ für den Gitarrenbau geeignet, ,,weil die Jahresringe sehr viel Harz enthalten und das Holz nicht so biegsam ist. Fichte wäre deutlich besser“, sagt Thämlitz und wischt die Bedenken sofort wieder weg: ,,Sie wird trotzdem super-geil klingen.“ Denn den optimalen Klang werde sie durch die Oberflächenbehandlung erhalten: Schellack-Politur. ,,Die haben auch Antonio Stradivari und der Urvater des Gitarrenbaus, Antonio De Torres, verwandt.“ In einem aufwändigen Verfahren wird Schellack auf die Decke der Gitarre poliert, das dauert bis zu zweieinhalb Wochen. Nitrolack, wie er in der indus­triellen Produktion von Gitarren verwandt wird, kommt für den Lüneburger nicht in Frage. 0,9 Millimeter stark ist die Nitrolack-Schicht, nur in einer Stunde aufgetragen. ,,Schellack-Politur ist zehnmal dünner als ein Blatt Papier. Dadurch schwingt die Decke wesentlich besser.“ Die Zargen und den Boden der Gitarre wird er übrigens nicht aus dem alten Holzbalken, sondern aus Hartholz bauen, weil sie eine große Festigkeit haben müssen. ,,Was schwingen muss, ist nur die Decke.“

Gut einen Monat braucht Thämlitz für den Bau einer Gitarre, auch alle Werkzeuge für die Herstellung sind handgemacht. Ein aufwändiges Geschäft. Profit sei dabei Nebensache, sagt er. Was ihn antreibt, ist die Leidenschaft. Es geht ihm um Klang, Ästhetik und Proportionen, ,,die müssen sexy sein“, sagt er lächelnd und verrät nebenbei, dass er selber gar nicht Gitarre spielen kann. Kunden aus ganz Deutschland und sogar aus Neuseeland schätzen den Geist, mit dem er baut. Und diesmal ist der auch noch von etwas Besonderem getragen: von dem Freundschaftsdienst für Huw Hamilton. ,,Der bekommt nun wieder eine Jumbo, wie die erste, die ich für ihn gebaut habe. Und das aus diesem ganz besonderen Holz.“