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Ich wollte mal etwas Verrücktes machen! Sigrid Scheunert hat auf einem ihrer selbstgehäkelten Objekte Platz genommen und freut sich, dass die Aktion in Lüneburg so gut angenommen wird.
Ich wollte mal etwas Verrücktes machen! Sigrid Scheunert hat auf einem ihrer selbstgehäkelten Objekte Platz genommen und freut sich, dass die Aktion in Lüneburg so gut angenommen wird.

Sie umgarnen Lüneburg

us Lüneburg. Eigentlich sollte die ganze Aktion im Verborgenen bleiben. Sigrid Scheunert hatte sich den Ort extra vorher noch einmal genau angeschaut und auch die Uhrzeit notiert, wann die Polizeistreife den Markt passiert. Am Vorabend des 1. April war es dann so weit, zusammen mit einer Freundin und einer Leiter rückte sie im Schutz der Dunkelheit an: Vor dem Landgericht versah sie einen Laternenpfahl, einen Baumstamm und zwei Steinpoller mit Selbstgehäkeltem. Eine halbe Stunde brauchten die beiden Damen, dann war das Werk vollbracht.

„Ich wollte mal was Verrücktes machen“, sagt Sigrid Scheunert, „etwas, was ich mich früher nicht getraut hätte.“ Mit früher meint die gebürtige Dresdnerin ihre Zeit in der ehemaligen DDR. „Das hätte ganz sicher Ärger gegeben.“ Seit 30 Jahren lebt die Sozialpädagogin inzwischen in Lüneburg, hier fühlt sie sich richtig wohl.

Von „Guerilla-Knitting“ also dem heimlichen Bestricken oder Behäkeln von Gegenständen im öffentlichen Raum hatte sie im Internet erfahren. „Das würde Lüneburg auch gut stehen“, fand sie und machte sich im vergangenen Jahr auf die Suche nach geeigneten Objekten. „Es sollten Gegenstände sein, die zusammenstehen, damit es nicht so vereinzelt auftaucht“, sagt sie. Schließlich entschied sie sich für den Platz vorm Landgericht, wo sie eigentlich auch noch eine Sitzbank mit in ihre Häkel-Aktion einbeziehen wollte, „doch die war plötzlich weg“, wie sie im Winter überrascht feststellte.

Plötzlich weg war auch ihre Umhäkelung des Geländerlaufs am Landgericht. „Als ich am nächsten Tag vorbeischaute, war es bereits entfernt worden“, sagt sie. Auf Nachfrage wurde ihr gesagt, dass es eine „Anordnung von oben“ sei. „Das stimmt“, bestätigt Marita Thiel vom Landgericht. „Aber nicht, weil sie uns nicht gefallen hat, sondern aus Sicherheitsgründen.“ Der Stoff sei sehr rutschig gewesen, man hätte Sorge gehabt, dass Ältere sich verletzen könnten. „Die Aktion selbst finden wir toll, und wir haben uns an dem Morgen köstlich amüsiert.“

Im Sommer begann Sigrid Scheunert mit ersten Arbeiten, zweieinhalb Kilo Wolle hat sie insgesamt verarbeitet, manches zwischendurch wieder aufgereppelt, „weil es nicht passte“. Für das Material hat sie rund 100 Euro bezahlt, „aber das ist mir Lüneburg wert“.

Dass sie sich nun doch zu erkennen gibt, empfindet sie zwar selbst als Widerspruch, „aber die Reaktion der Stadt und der Leute haben mir Sicherheit gegeben, mich zu dieser Aktion bekennen zu können“.

Ähnlich positive Reaktionen hat auch Dagmar Swann erfahren. „Vor allem Kinder sind oft so begeistert“, freut sie sich. Gefallen hätten auch kanadische Touristen an ihren umstrickten Objekten gefunden und sie spontan nach Kanada eingeladen, um dort ihre Kunst zu zeigen. „Aber der Weg ist mir dann doch zu weit“, sagt die Lüneburgerin.

Bereits im Oktober 2013 begann sie, Laternenpfähle, Baumstämme, Regenfallrohre und auch Zaunspitzen mit Selbstgetricktem zu versehen. Ihr Revier ist die Baumstraße im Lüneburger Wasserviertel, dort lebt die 51-Jährige in dem Haus ihrer Eltern. Sie brauche das Guerilla-Stricken nicht, um sich einen zusätzlichen Adrenalin-Kick zu holen, sondern zur Entspannung. „Ich muss etwas mit meinen Händen tun“, sagt sie. Dann vergisst sie die Zeit um sich herum und sitzt auch schon mal bis nachts um drei und strickt. Auch sie hatte sich zuerst nicht so recht getraut, doch inzwischen steht sie zu ihren Kunstwerken. „Obwohl mein Vater mir sagte, dass es eigentlich verboten sei“, sagt sie schmunzelnd, immerhin sei er Polizist gewesen.

Ärger mit der Stadt bekommen die Guerilla-Strickerinnen dennoch nicht. „Das ist doch eine interessante Hingucker-Aktion, wir lassen die Damen gewähren“, sagt Stadtpressesprecher Daniel Steinmeier. Einschreiten würde die Stadt erst, wenn solche Aktionen überhand nähmen. Und natürlich dürften Schilder nicht verdeckt oder die Sicherheit gefährdet werden.

Zu dem Thema gibt es auch ein Video, Sie finden es auf www.LZplay.de.

2 Kommentare

  1. Christoph Wenzel

    Mensch Sigirid – nun verschönerst Du also Lüneburg! Besser als Kaffeeaufbrühen per Hand…! Dein damaliger Kollege Christoph!

  2. Stephan Kettler

    Infantilisierung des öffentlichen Raumes. Das ist einfach nur beknackt. Wer schützt mich vor dem schlechten Geschmack solcher Leute ?? Sollen die doch zu Hause ihren Gummibaum bestricken, am Rathausmarkt und sonstwo in LG hat das nichts zu suchen.