Aktuell
Home | Lokales | Lüneburg | „175 Euro bleiben zum Leben“
Sie würden gerne an ihrer Beschäftigung im Wasserturm festhalten: Bürgerarbeiter Detlef Voß (r.) und York Hübner. Foto: mm
Sie würden gerne an ihrer Beschäftigung im Wasserturm festhalten: Bürgerarbeiter Detlef Voß (r.) und York Hübner. Foto: mm

„175 Euro bleiben zum Leben“

mm Lüneburg. „Uns ist der Sinn verloren gegangen. Erst werden Langzeitarbeitslose beschäftigt, dann setzt man sie wieder auf die Straße“, tadelt Stefan Voß. Der 50-Jährige ist einer von fünf Bürgerarbeitern im Lüneburger Wasserturm. Heute noch. Morgen endet sein Beschäftigungsverhältnis, genau wie das der anderen. Nur für einen von ihnen gehe es weiter, wie Sabine Wohlers, Geschäftsführerin im Trägerverein Wasserturm Lüneburg, gestern auf LZ-Anfrage mitteilte. „Ich hätte gerne alle übernommen, aber ich kann sie nicht bezahlen“, sagt Wohlers.

Bürgerarbeit ist ein Modellprojekt des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales. Langzeitarbeitslosen konnte darüber eine „sozialversicherungspflichtige Beschäftigung im Bereich zusätzlicher und im öffentlichen Interesse liegender Arbeit“ gegeben werden, finanziert wurde das Projekt aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF). Nun läuft die Modellphase aus, bis zum 31. Dezember werden deshalb noch mehr Bürgerarbeiter ­­ davon gibt es bundesweit 34000 ihre Anstellung verlieren.

Angestellt war Stefan Voß im Wasserturm für knapp drei Jahre. Der gelernte Werkzeugmacher kümmerte sich um Lager und Werkstatt, übernahm Hausmeistertätigkeiten, war für Auf- und Abbauten bei Veranstaltungen zuständig, saß an der Kasse. Er absolvierte auch einen Lehrgang als Beauftragter für Sicherheitstechnik. Voß und seine vier Mitstreiter arbeiteten 30 Stunden in der Woche, an vier Tagen, des öfteren auch an Sonn- und Feiertagen. Die wurden mit einem Zuschlag vergütet. Sonst betrug der Bruttolohn 900 Euro, Voß blieben davon 725 Euro, hinzu kam ein Wohnungszuschuss von 350 Euro. „Ab dem nächsten Monat bleiben mir von Hartz IV gerade einmal 175 Euro zum Leben“, sagt der Lüneburger.

Eine neue Beschäftigung hat Voß noch nicht gefunden. Die hat Kollege York Hübner immerhin sicher. Ab dem 1. Mai ist der Lüneburger als ungelernter Produktionshelfer bei einer Zeitarbeitsfirma angestellt. Der „Technik-Mann“ war als gelernter Radio- und Fernsehtechniker im Wasserturm zuständig für die Veranstaltungstechnik, „die Arbeit hat mir sehr gut gefallen“, sagt er. Bei einem Rundgang präsentierte der 36-Jährige seine Installationen, er weiß genau, wo welches Kabel verlegt ist und welcher Sicherungskasten bei jedwedem Kurzschluss bedient werden muss. „Ich brauchte sechs Monate, um alles kennenzulernen“, berichtet Hübner.

Auch Wohlers ist sich über den Wert der Arbeit, die von den Bürgerarbeitern verrichtet wurde, bewusst. Den Verlust könne sie nicht auffangen. Sie übernimmt nun eine Ein-Euro-Kraft als Mitarbeiterin für 30 Stunden die Woche, „als gelernte Verkäuferin ist sie sehr qualifiziert“, sagt Wohlers. Weiter sind es vier Festangestellte ­ darunter einer der Bürgerarbeiter , plus zwei Mini-Jobberinnen und ein Praktikant, die bleiben. Bei Bedarf kämen noch Aushilfen hinzu. Wohlers hofft, den Betrieb wie gehabt fortführen zu können. Arbeitsabläufe müssten umstrukturiert werden, für mehr Beschäftigte fehle jetzt aber das Geld. Das stößt bei Voß und Hübner auf Unverständnis. „Im letzten Jahr kamen über 85000 Besucher, da muss doch Geld da sein“, monieren sie. Wohlers begründet die Personal-Entscheidung mit Unterhaltskosten.