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Eine bessere Bezahlung und die Beibehaltung der Haftpflichtprämie für Hebammen waren zwei von mehreren Forderungen, die Lüneburger Hebammen auf dem Marktplatz erhoben. Foto: t&w
Eine bessere Bezahlung und die Beibehaltung der Haftpflichtprämie für Hebammen waren zwei von mehreren Forderungen, die Lüneburger Hebammen auf dem Marktplatz erhoben. Foto: t&w

Plädoyer für die Wahlfreiheit +++ Mit LZplay-Video

us Lüneburg. „Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Hebammen klaut“, ruft Vera Krause ins Megafon. Als Mitglied des Lüneburger Hausgeburts-Teams „Hand in Hand“ ist sie eine von mehreren Hebammen, die am Montag anlässlich des internationalen Hebammentages auf dem Markt demonstrierten. „Erst wenn ein Kind auf dem Weg in die Klinik gestorben ist, passiert auch in der Politik etwas“, sagt sie mit Blick auf die nach wie vor ungeklärte Situation, vor der die freiberuflichen Hebammen in Deutschland stehen. Wie berichtet, sind die durch Geburtsfehler verursachten Folgekosten der Grund für die in den vergangenen Jahren drastisch gestiegenen Haftpflichtprämien, zuletzt auf über 6000 Euro pro Jahr. Nach wie vor ist aber offen, ob es ab Mitte 2016 überhaupt noch einen Versicherer gibt, der eine Haftpflichtversicherung für Hebammen anbietet. Zwar sind Politik, Versicherer und Verbände dazu im Gespräch, eine Lösung aber ist noch nicht in Sicht.

Die Liste der Forderungen, die lautstark und von Plakaten und Flugblättern begleitet verbreitet werden, ist lang: „Wir wollen, dass alle Frauen selbstbestimmt, natürlich und sicher gebären können und alle schwangeren Frauen und jungen Mütter überall und wohnortnah von Hebammen versorgt werden“, sagt Miriam Joseph, auch sie ist Mitglied im Lüneburger Hausgeburts-Team. „Dazu gehört auch, dass die gynäkologischen Abteilungen in kleineren Krankenhäusern nicht geschlossen, sondern wieder geöffnet werden.“ Darüber hinaus fordert sie einen Ausgleich bei den Haftpflichtprämien für Hebammen mit wenig Geburten, auch soll die Personaldichte in Krankenhäusern aufgestockt werden, um die Kaiserschnittquote zu senken.

Imke Thomsen aus Lüneburg unterstützt die Forderungen der Hebammen: „Eine Hausgeburt oder auch eine Geburt im Geburtshaus war für mich kein Thema, da ich Zwillinge erwartete, dennoch finde ich die Forderungen richtig.“ Vor allem der Aspekt der Versorgung auch im ländlichen Raum sei ihr wichtig: „Was ist denn, wenn man es als Schwangere nicht mehr bis in die Klinik schafft und zu Hause gebären muss?“

Für Kirsten Borchers, auch sie ist mit ihrer Tochter zur Demonstration auf den Markt gekommen, steht die Wahlfreiheit ganz oben. „Frauen sollten entscheiden können, wo sie ihr Kind zur Welt bringen möchten, das kann natürlich auch das Krankenhaus sein“, sagt die Lüneburgerin. Richtig findet sie auch die Forderung der Eins-zu-Eins-Betreuung, wonach eine Schwangere auch nur von einer Hebamme betreut wird, „und dass es die Hebamme meines Vertrauens ist“.

„Ich bin zwar schon Großmutter, aber ich unterstütze die Forderungen“, bekräftigt Annette Schulze aus Lüdersburg. Sie habe ihre Kinder damals im Krankenhaus zur Welt gebracht, nach acht Tagen im Wochenbett war sie dann mit den Kindern allein zu Haus, „Unterstützung durch Hebammen gab es nicht.“ Auch jetzt gebe es noch viele Frauen, die nach der Geburt händeringend nach einer Hebamme suchten, berichtet Miriam Joseph. „Leider müssen wir viele der jungen Mütter ohne Hilfe wieder nach Hause schicken, weil es einfach zu wenig Hebammen gibt.“ Als Grund nennt sie die schlechte Bezahlung.

Auch Antje und Knut Westermilies begrüßen die Forderungen, schließlich ist sie selbst Hebamme. „Zur Entbindung bin ich aber ins Krankenhaus gegangen. Ich wollte die Sicherheit der Klinik“, sagt die Lüneburgerin. Ihr Mann ergänzt: „Man muss beide Seiten sehen: Die Existenzgefährdung der Hebammen auf der einen, das Risiko einer Hausgeburt auf der anderen Seite. Wir haben uns damals bewusst nicht für eine Hausgeburt entschieden.“

Politische Unterstützung bekommen die Hebammen von Lüneburgs Oberbürgermeister. „Es ist kein Luxus, was die Hebammen fordern“, sagt Ulrich Mädge vor den Demonstrierenden. „Wir können nicht gleichzeitig mehr Kinder fordern, aber nichts dafür tun.“ Es sei ärgerlich, dass es noch immer keine Lösung für die Hebammen gebe. „Wir reden so viel über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Auch dieses Thema gehört dazu.“