Donnerstag , 8. Dezember 2016
Aktuell
Home | Lokales | Lüneburg | Weghören schützt nicht vor Lärm +++ Mit LZplay-Video
Siegfried Ahrens von der Berufsgenossenschaft sägt mit der baukreissäge, die Auszubildenden Markus Schenk (v. l.),  Peter Meindel, Nils Tschirner und Patrick Beyer sind gespannt auf die Lärmwerte. Die Grafik zeigt verschiedene Lärmwerte an. Foto: t&w
Siegfried Ahrens von der Berufsgenossenschaft sägt mit der baukreissäge, die Auszubildenden Markus Schenk (v. l.), Peter Meindel, Nils Tschirner und Patrick Beyer sind gespannt auf die Lärmwerte. Die Grafik zeigt verschiedene Lärmwerte an. Foto: t&w

Weghören schützt nicht vor Lärm +++ Mit LZplay-Video

pet Lüneburg. Die Tatsachen und die Zahlen sind erschreckend. ,,Über die Hälfte aller anerkannten Berufskrankheiten am Bau haben Hörschäden als Ursache“, sagt Thomas Lucks, Pressesprecher der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG Bau). 2012 musste die BG Bau bundesweit für 6600 Geschädigte 18 Millionen Euro zahlen, insgesamt brachten die gewerblichen Berufsgenossenschaften im gleichen Zeitraum 123 Millionen Euro für 41000 Lärmgeschädigte auf. Im Technologiezentrum Lüneburg, dem Bildungszentrum der Handwerkskammer Braunschweig-Lüneburg-Stade, klärte die BG Bau gestern an einem Aktionstag über die Auswirkungen auf Anlass war der ,,Tag gegen den Lärm“, der kürzlich stattfand.

100 Auszubildende aus Nordostniedersachsen, angehende Maurer und Zimmerleute ebenso wie Maler und Lackierer und Elektriker, kamen an die Dahlenburger Landstraße, um an drei Stationen mehr über Lärm und den Schutz dagegen zu erfahren. Auf vielen Baustellen wird noch immer kein oder zu wenig Gebrauch von den Möglichkeiten gemacht, um Lärmschäden zu vermeiden, heißt es von der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft.

Siegfried Ahrens von der BG Bau ist nach Lüneburg gekommen, um Lärm zu machen er arbeitet mit Handkreissäge, Baukreissäge, Bohrmaschine und Hammer, umringt von den angehenden Handwerkern, geschützt durch Kapselgehörschützer. Yannic Gerstung von der BBS Lüchow und Marcel Petersen (Winsen) messen für ihn den Geräuschpegel, mit erstaunlichen Ergebnissen: Bis zu 105 dB (A) erreicht die Handkreissäge, fast 100 dB (A) die Tischkreissäge, 91 dB (A) die Bohrmaschine. Sogar bis zu 110 dB (A) werden erreicht, als Ahrens mit dem Hammer Nägel in massive Holzbalken schlägt.

Angela Burmester und Maike Bergmann nehmen an diesem Tag 50 bis 60 Hörtests vor Michael Symmank von der BBS Winsen/Luhe kann dabei mit seinem Ergebnis zufrieden sein. ,,Sie müssen sich keine Gedanken über Ihr Hörvermögen machen“, sagt Angela Burmester. Aber die BG-Bau-Mitarbeiterinnen hatten auch schon andere Resultate: Am Vormittag mussten sie einen Jugendlichen zu Arbeitsmedizinerin Hannele Heikkinnen-Hinkelmann zur Beratung schicken.

Ahrens und Heikkinnen-Hinkelmann sind es auch, die die angehenden Handwerker in der Theorie mit den Fakten rund um das Hören vertraut machen. Drei db/A mehr bedeuten eine Verdoppelung der Schallenergie, zehn db/A mehr eine Verzehnfachung, erfahren die jungen Männer und Frauen von Siegfried Ahrens. Ein dauerhafter Lärmpegel von mehr als 85 dB (A) könne unheilbare Schäden am Gehör verursachen. Die zumutbare Aufenthaltsdauer sinkt bei 94 dB (A) auf eine Stunde, bei 100 dB (A) auf 15 Minuten. Die Schmerzschwelle liegt bei 120 dB (A).

Die wirkungsvollste Maßnahme gegen Lärm ist dessen Vermeidung dafür sind die Arbeitgeber zuständig, etwa indem sie leisere Maschinen, Anlagen und Werkzeuge zur Verfügung stellen. Ist das nicht möglich, muss den Beschäftigten ab einer dauerhaften Belastung von 80 dB (A) ein ,,geeigneter Gehörschutz“ zur Verfügung gestellt werden, so Jörn Jorczyk, von der BG Bau. Ab einer Belastung von 85 db/A sind Arbeitnehmer dann verpflichtet, diesen Schutz auch zu tragen. Das sieht die Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung so vor.

Zum Lärm bei der Arbeit kommt auch noch, das wissen die BG-Bau-Experten, Lärm in der Freizeit, von dem gerade junge Leute betroffen sind. ,,Dabei kommen beispielsweise MP3-Player auf Schallpegel über 90 db/A, die Beats in den Clubs oder Konzerthallen erreichen locker 100 dB (A), erklärt Thomas Lucks. Das heißt: 15 Minuten in der Disco bei 100 dB (A) entsprechen der Belastung an einem achtstündigen Arbeitstag bei 85 dB (A). Und: Notwendige Erholungspausen für das Gehör entfallen.

Zum vierten Mal war die Berufsgenossenschaft Bau gestern mit ihrer Aktion im Technologiezentrum Lüneburg und sicher nicht zum letzten Mal. ,,Eine sehr sinnvolle Veranstaltung, aus Sicht aller Beteiligten“, erklärte Wolfgang Goralczyk, Abteilungsleiter Technologische Lehrlingsqualifizierung.